Sex.com: Enten sind Raubvögel - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Sex.com Enten sind Raubvögel

Die Nachricht ging vor Tagen kreuz und quer durch alle Medien: Das Kölner Unternehmen Domshop verkaufe im Kundenauftrag die Adresse Sex.com. Jetzt stellt sich heraus, dass alles nur ein Werbegag war.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als ihn RTL-Reporter im Juli anriefen und fragten, ob er irgendwas mit den angeblichen Bestechungsfaxen an Fifa-Mitglieder zu tun habe, da habe er erst einmal gelogen, erzählte vor kurzem "Titanic"-Chefredakteur Michael Sonneborn im Jugendsender Eins Live. Ansonsten wäre sein Gag geplatzt, mit dem er - meinte zumindest "Bild" - fast noch die Fußball-WM-Kandidatur Deutschlands torpediert hätte. Doch "Kaiser Franz" gelang es letztlich und angeblich völlig ohne Bestechung - und Deutschlands Fußballfans bekamen ihren Grund zum feiern.

Als vor Tagen Journalisten bei Robert Mohrer, dem Chef des Kölner Unternehmens Domshop.de anriefen und fragten, ob dieser tatsächlich die Adresse Sex.com zu verkaufen habe, da bekamen diese ein keckes "Aber sischer dat" serviert. Der kecke Werbegag, das weiß man inzwischen, funktionierte. Landauf, landab brachten Medien die Nachricht von der "teuersten Adresse der Welt" - auch SPIEGEL ONLINE.

Dumm gelaufen, aber im Leben der Medienmenschen ist die Ente manchmal ein wahrer Raubvogel. Robert Mohrer hatte, sagt nun zumindest Gary Kremen, der Betreiber von Sex.com, nie einen Auftrag erhalten, die Domain meistbietend zu verkaufen. Kremens Domain ist tatsächlich hoch begehrt, doch er will sie (noch?) gar nicht loswerden. Vielleicht überlegt er sich die Sache ja jetzt.

So richtig vergleichbar sind die "Fälle" Sex.com/Domshop und "Titanic" aber letztlich nicht. Der Satiriker Sonneborn nahm Deutschland auf die Schippe, erntete Lacher und den Hass der "Bild"-Leserschaft. Robert Mohrer nahm die Medien auf die Schippe, um Publicity für sein Unternehmen zu ernten. Schwamm drüber, Humor ist, wenn man trotzdem lacht: Warten Sie ab, Herr Mohrer, an wen wir Sie demnächst verkaufen.

Frank Patalong