Sicherheitstechnik: Überwachung auf dem Vormarsch - DER SPIEGEL
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Sicherheitstechnik Überwachung auf dem Vormarsch

Terror-Gefahr und zunehmende Vernetzung des Verbrechens befördern den Boom der Überwachunstechnologie. Der Kampf an der "Heimatfront" wird auch für Unternehmen aus der Informationsbranche zu einer lohnenden Angelegenheit. SPIEGEL ONLINE zeigt, was alles bald schon zu unserem Alltag gehören wird.
Von Michael Voregger
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Kampf gegen den Terror lässt die Kassen bei den Entwicklern von Software und digitaler Überwachungstechnik klingeln. Die Unternehmensberatung Frost&Sullivan glaubt, dass allein der Markt für moderne Kamerasysteme in den nächsten Jahren zweistellige Wachstumsraten erzielen wird. Die Experten rechnen im Jahr 2008 mit einem weltweiten Umsatz von 10,61 Milliarden Dollar für CCTV-Systeme (closed circuit television systems). In Europa wird der Umsatz auf 3,82 Milliarden Dollar geschätzt.

Neben speziellen Anbietern von Überwachungstechnologie gehören digitale Kameras auch bei JVC, Panasonic, Sony und Sanyo zum Produktkatalog. IBM bietet inzwischen ein Packet aus Service und Systementwicklung für digitale und Netzwerk basierte Videoüberwachung an. Der Technologiekonzern hat erst im Januar den Softwarespezialisten Systems Research & Development (SRD) übernommen. Das Unternehmen aus Las Vegas entwickelt Anwendungen für den Austausch von Daten für Geheimdienste über Personen, die von Flügen ausgeschlossen wurden.

Wo das Geld herkommt

Die amerikanische National Security Agency NSA ist überaus spendabel, wenn es darum geht, etwas Licht in die zusammengetragene Datenflut zu bringen. Das Data-Mining-Projekt Trailblazer hat bisher etwa eine halbe Milliarde Dollar verschlungen. Der Auftrag ging an ein Konsortium unter der Führung von Science Applications International (SAIC), dass auch schon die elektronische Überwachung der olympischen Sommerspiele in Athen durchgeführt hat.

Im Aufsichtsrat von SAIC sitzen ehemalige Militärs und ein früherer Direktor der NSA. Trotzdem kann man der Technologie nicht unterstellen, Produkt militärischer oder geheimdienstlicher Begehrlichkeiten zu sein. Die technologischen Grundlagen für die neugierigen Programme kamen vielmehr aus einer ganz anderen Ecke: aus dem Marketing.

"Bei Data Mining habe ich ein Terrabyte an Rohdaten und lasse ohne konkrete Spur Suchalgorithmen los und schaue, ob es irgendwelche Muster gibt", sagt Ralf Bendraht, Politikwissenschaftler und Betreiber der Mailingliste infowar.de. "Data Mining kommt ganz stark aus der Industrie. Versandhäuser und Firmen der Reisebranche lassen zum Beispiel solche Software laufen. Damit will man ermitteln, ob es neue Trends gibt oder spezielle Muster zu erkennen sind."

Der Software ist es dabei egal, was für Daten ihr vorgesetzt werden. "Es spielt also keine Rolle, ob es um eine Kundendatenbank oder eine Verbrecherkartei geht", erklärt der Mathematiker Holm Sieber, Projektleiter bei Prudsys, einem Anbieter von Data-Mining-Lösungen. "Es gibt natürlich verschiedene Algorithmen und Verfahren, die inhaltlich völlig andere Fragen beantworten können." Solche Verfahren werden auch bei den europäischen Sicherheitsbehörden eingesetzt, aber bei Europol oder dem deutschen Verfassungsschutz ist man sehr schweigsam, wenn es um den Einsatz von Software und Technologie geht.

Big Brother's watching you: Immer mehr Kameras

Großbritannien gehört weltweit zu den Vorreitern der Videoüberwachung. Auf der Insel wurden schon zu Beginn der achtziger Jahre die ersten Kameras aufgestellt. Während des Streiks der Minenarbeiter 1984 sorgte die Regierung von Maggie Thatcher für eine Ausweitung, um Aktivistinnen besser identifizieren zu können.

Anschließend folgten Fußballstadien, U-Bahnstationen und die Innenstädte. Nach Schätzungen von Experten gibt es über vier Millionen Kameras auf der Insel, die Anzahl der Systeme hat sich in den vergangenen drei Jahren vervierfacht. Es kann also passieren, dass Menschen in London bis zu 300 Mal am Tag von einer Kamera gefilmt werden.

Was kann eine Kamera?

Bis zum Jahresende soll in London auch die Überwachung von Bussen mit verschiedenen Kamerasystemen abgeschlossen sein. Das geschieht in erster Linie zur Verkehrsführung und zur Abwehr von Vandalismus. Die aufgezeichneten Daten werden aber bei Anfragen auch an Polizei und Geheimdienste weitergegeben. "Dabei kommen auch CCTV-Systeme zum Einsatz, die in Realzeit aufzeichnen können", sagt Leon Hempel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin. "Es geht auch darum, andere Fahrzeuge vom Bus fern zu halten. Wenn ein Personenwagen auf der Busspur fährt, dann wird das Nummernschild aufgezeichnet und anschließend ein Protokoll ausgestellt. Das geschieht weitestgehend automatisch."

Trotz der Fortschritte bei der automatischen Erkennung von Gesichtern stoßen Computer hier immer noch an eng gesetzte Grenzen. Die Fehlerquote ist sehr hoch, menschliche Kontrolleure arbeiten zuverlässiger. Dass die Technik in den nächsten Jahren trotzdem eine zunehmend wichtige Rolle spielen wird, gilt trotzdem als ausgemacht: Bei der von der EU eingeleiteten Aufnahme biometrischer Daten in Personalpapiere wird mittelfristig neben Fingerabdrücken und Iris-Scans wohl auch die automatisierte Gesichtserkennung an Wichtigkeit gewinnen.

Aber damit sind die Möglichkeiten des Kameraeinsatzes längst nicht erschöpft. Das Fraunhofer Institut für Informations- und Datenverarbeitung in Karlsruhe hat ein Programm entwickelt, das außergewöhnliches Verhalten erkennen soll. "Hauptsächlich wird der VideoObjectTracker zur Personenzählung und zur Klassifizierung von Fahrzeugen eingesetzt", erklärt Gunther Grasemann, Projektleiter beim Institut. "Vereinzelt kommt es auch zum Einsatz an Grenzübergängen und im Strafvollzug."

Im zweiten Teil: Big Brother bei der Bundesbahn. Unmerklich wird Überwachungstechnik zum Teil des täglichen Lebens. Weiter...

In einer Sequenz von Einzelbildern werden die Aufnahmen der Kamera ausgewertet. Das geschieht in der direkten Abfolge der einzelnen Aufnahmen und in Bezug zu längerfristigen Hintergrundbildern. Verändert sich in einer Szene etwas grundlegend, was vom Normalzustand abweicht, wird ein Alarm ausgelöst. "Es können Gegenstände ermittelt werden, wie zum Beispiel ein abgestellter Koffer", sagt Gunther Grasemann. "Bei einem Fahrkartenautomaten haben wir das durchgeführt. Wenn dort etwas abgestellt wird, dann kann das System es nach einer bestimmten Zeit markieren und sich melden."

Die Entwickler von Vis-a-pix in Potsdam versprechen ihren Kunden intelligente Videoüberwachung, die alle Bilddaten eigenständig analysiert und selbstständig Alarm gibt. "Die implementierte Verhaltensanalyse beobachteter Personen erschließt völlig neue Einsatzbereiche und sorgt so für ein deutliches Mehr an Sicherheit", heißt es auf der Webseite des Unternehmens. So will man nicht nur Graffitisprayer erkennen, sondern auch Sabotage und Diebstahl verhindern.

Deutschland: Trendsetter Bundesbahn

Die Bundesbahn hat gerade ihr Sicherheitszentrum in Berlin eröffnet, dass den Zugriff auf sämtliche Überwachungskameras auf deutschen Bahnhöfen bietet. Zu der Zahl der überwachten Bahnhöfe und den Kosten gibt es von den Geheimniskrämern bei Bahn und Bund bisher keine Angaben. "Die Daten werden in der Regel nach 48 Stunden gelöscht, es sei denn, sie werden noch für weitere Maßnahmen benötigt", erklärt Annette Stephan, Sprecherin beim Bundesinnenministerium.

Die Überwachung wird von Beamten der Bundespolizei durchgeführt, mit einer räumlichen Trennung soll dafür gesorgt werden, dass kein Missbrauch stattfindet.

Datenschützer sind trotzdem zunehmend über die Ausbreitung der Kontrolle und die Verschwiegenheit der Sicherheitsbehörden beunruhigt. "Mit einer neuen konservativ-liberalen Regierung besteht die Gefahr, dass Bürgerrechte noch weiter eingeschränkt werden", befürchtet der Politologe Ralf Bendraht. "Auf der anderen Seite ist der aktuelle Innenminister Otto Schily eigentlich in der falschen Partei und die Grünen haben sich bei diesen Fragen in der Regel nicht durchgesetzt."