Siemens: "Wir sind Trendsetter" - DER SPIEGEL
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Siemens "Wir sind Trendsetter"

Eine Revolution anzukündigen, macht in der Regel nicht viel Sinn. Egal, denkt sich Siemens und verkündet auf der Cebit stolz die "mobile Revolution".
Von Alexander Stirn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Volker Jung, Mitglied des Zentralvorstands der Siemens AG, ist sich sicher, den "neuen Megatrend" entdeckt zu haben: "Mobility". Der Internet-Zugang zu jeder Zeit und an jedem Ort, das ist für den Manager der Schlüssel für die Zukunft - ganz besonders auch für Siemens.

"Wir machen das Internet mobil", verkündet das Unternehmen in großen Lettern auf der Cebit. "Wir, Siemens, werden Trendsetter und Promoter dieses Megatrends sein", steht Jung den Slogans in nichts nach.

Und damit auch jeder merkt, dass Siemens endlich den Zug der Zeit erkannt hat, verkündet der Konzern in Hannover - wie schon auf der letzten Cebit - eine erneute Umstrukturierung. Zum 1. April sollen alle Aktivitäten im Bereich Mobilfunk - von der Netzinfrastruktur bis zu den Mobiltelefonen - in einem neuen Bereich zusammengefasst werden.

Der Name des jüngsten Siemens-Sprosses: Information and Communication Mobile (ICM). Angestrebter Umsatz im ersten Jahr: rund zehn Milliarden Mark.

"M-Business" heißt das neue Zauberwort. Denn E-Business, der Verkauf übers Internet, ist schon wieder Schnee von gestern. Jetzt kommt, meint zumindest der Siemens-Manager, das Mobile Business. Und das soll sich durch den ganzen Konzern ziehen - von den, so Jung, "Industriebereichen bis zur Medizintechnik und von der Energieerzeugung bis zur Automobiltechnik."

Die Ziele sind ehrgeizig: Bis Ende 2001 strebt Siemens einen Weltmarktanteil bei Mobiltelefonen von zehn bis fünfzehn Prozent an. Für 2001 ist zudem geplant, in den US-amerikanischen Markt einzusteigen.

Um das zu erreichen, ist eine konsequent neue Konzernstrategie nötig, müssten "Traditionen gebrochen" werden. Die Zeit, in der Siemens alles selbst machen wollte sind, daran lässt das Vorstandsmitglied keinen Zweifel, vorbei.

Allein in den zurückliegenden sechs Monaten seien im Bereich Mobilfunk mehr Kooperation geschlossenen worden als in den fünf Jahren zuvor. "Und das", so Jung, "ist erst der Anfang."

Beispiel WAP: Hier arbeitet der Konzern mit dem Internet-Dienst Yahoo zusammen, der seine Inhalte serienmäßig auf Siemens-Handys und den neuen WAP-Organizer IC35 liefert. Seine eigenen WAP-Lösungen konnte Siemens nach eigenen Angaben bereits an 25 Kooperationspartner in Asien, Europa und Afrika weitergeben.

Doch WAP, der große Trend der diesjährigen Cebit, ist für Jung schon fast wieder out. GPRS und UMTS lauten die Schlagworte für die Zukunft. Das eine, GPRS (General Packet Radio Service), ermöglicht eine Datenübertragung, die auch bei Handys annähernd ISDN-Geschwindigkeiten erlaubt. Noch "vor Ende dieses Jahres" will Siemens die ersten GPRS-Endgeräte auf den Markt bringen.

Nächster Schritt im Bereich Mobilfunk ist UMTS (Universal Mobile Telecommunications System). Jung rechnet damit, dass bereits Ende 2001 der kommerzielle Einsatz des schnellen Mobilfunk-Standards möglich sein wird.

UMTS verspricht Datenübertragungsraten bis zu zwei Millionen Bits pro Sekunde - Spielfilmübertragungen aufs Handydisplay wären dann kein Problem mehr. "Wir erwarten, dass UMTS schneller als angenommen für den Massenmarkt zur Verfügung stehen wird", sagt Jung.

Neben WAP, GPRS und UMTS versucht sich Siemens noch ein weiteres Standbein zu schaffen. Zusammen mit dem Energieerzeuger Energie Baden-Württemberg (EnBW) soll ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet werden, das den Internet-Zugang über die Stromleitung entwickelt und standardisiert. Erst wenige Tage vor der Cebit hatten mehrere Energieerzeuger - zum wiederholten Male - den "Durchbruch" beim Internet aus der Steckdose gemeldet.

Siemens-Manager Jung ist mit dem vielfältigen Engagement seines Unternehmens zufrieden: "Je mehr Zugangswege zusammenwachsen, desto größer sind die neuen Freiheiten, die durch die mobile Revolution gewonnen werden." Und desto größer sind, auch wenn Jung das nicht sagt, die Chancen von Siemens, auf dem Mobilfunkmarkt erfolgreich bestehen zu können.