Silicon East: AMD - der Weltmeister bleibt Außenseiter - DER SPIEGEL
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Silicon East AMD - der Weltmeister bleibt Außenseiter

Deutschlands Silicon Valley entsteht im Osten. Am Stadtrand von Dresden produziert AMD die schnellsten Prozessoren der Welt - und rüttelt kräftig am fast-Monopol des Silizium-Riesen Intel.
Von Lutz Kosbab
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Mit den Straßenschuhen können Sie hier aber nicht rein!", mahnt eine weibliche Stimme aus der Plastikhülle. "Wir dürfen das", antwortet Andreas Madaus von der Produktionskontrolle bei Advanced Micro Devices (AMD) in Dresden und lächelt seine Kollegin im weißen Ganzkörperdress an. Die guckt skeptisch und raschelt weiter den Gang entlang. Schon hinter der nächsten Tür beginnt der Reinraum, der auch für Journalisten tabu ist.

Dort ensteht AMDs Spitzen-Prozessor Athlon - der Chip, mit dem es AMD gelang, den ewigen Klassenbesten Intel vom Thron zu schubsen. Seitdem tobt das "Gigahetz-Rennen".

Und es scheint, als hätte AMD Erfolg. Seit der Einführung des Athlon-Prozessors geben die Dresdner nach Jahren Intel'scher Alleinherrschaft das Tempo im Rennen um höhere Rechenleistungen vor. Direkt auf der grünen Wiese am Rand der sächsischen Landeshauptstadt fertigen sie einen der mit 1,2 Gigabyte schnellsten Prozessoren der Welt: Zwar "taktet" AMD niedriger als Intel , liegt in der Gesamtperformance aber immer öfter vor Intel.

"Geschwindigkeit brauchen unsere Kunden immer"

Trotzdem setzte Konkurrent Intel im vergangenen Jahr mit 33,73 Milliarden Dollar noch mehr als sieben mal so viel um wie AMD. Da half dem 1969 gegründeten Underdog auch der bis zur Vorstellung des Intel Pentium P4 gehaltene Gigahertz-Weltrekord nicht. Doch trotz der befürcheteten Stagnation auf dem PC-Markt gibt sich Jens Drews, AMD-Sprecher für Europa, gelassen: "Wir stellen die schnellsten Produkte her. Und höhere Geschwindigkeit brauchen unsere Kunden immer". Prognosen seien nur Kaffeesatzleserei.

Außerdem habe man mit der neuen Kupfer-Verbindungstechnologie von Motorola die fortschrittlichste Technik im Haus. So fortschrittlich, dass alles, was damit im Zusammenhang steht, gleich hinter Schloss und Riegel kommt. Blaue Chemiecocktails lagern hinter zwei Meter hohen Zäunen, die Fertigungsstrecke mit Kupfertechnik ist innerhalb des Reinraumes noch mal abgetrennt. Kein Pröbchen soll in die Reagenzgläser, kein Bild auf die Filme von Industriespionen gelangen.

Seit dem Spatenstich 1996 wurden 1500 Mitarbeiter eingestellt. 300 Fachkräfte sollen noch bis Ende des Jahres folgen. Auf dem Dresdner Gelände wird weiter kräftig gebaut: Ein neuer Büro- und Laborkomplex entsteht. Nach Fertigstellung des Neubaus können sich die AMDler sogar in einem 700 Quadratmeter großen Fitnessstudio entspannen.

Nächste Fabrik ist schon in Planung

Im Moment plant die Zentrale im kalifornischen Sunnyvale schon die nächste Fabrik. Der Standort steht noch nicht fest. Aber Sachsen ist wieder im Gespräch, auch wenn die staatlichen Zuschüsse für Investitionen im Osten Deutschlands jetzt nicht mehr so üppig fließen dürften wie für die erste Dresdner Fabrik. Damals bekamen die Amerikaner 800 Millionen Mark als Zuschuss vom Staat.

"Vielleicht entsteht hier wirklich so etwas wie ein Silicon Valley", sagt Drews und spielt damit auf den Nachbarn Infineon an, der noch vor AMD ein Werk ganz in der Nähe errichtete. Viele mittelständische Betriebe hätten sich inzwischen rund um die Geschäftspartner aus der Halbleitertechnik angesiedelt, und möglicherweise folgten bald auch die Zulieferer mit Zwischenlagern.

Umleitungen im "Wilden Osten"

"Zu Beginn war es noch ein kleines Abenteuer, ob man pünktlich zu einem Meeting kam, weil eine Umleitung in die nächste führte. Da musste man Humor haben", erzählt Drews aus den Anfangstagen des Werkes im "Wilden Osten". Auch Stromschwankungen hätten die empfindliche Hightech mächtig durcheinander gebracht. Doch mit der Standortwahl ist AMD zufrieden. Sogar sächsische und amerikanische Lebenskultur vertragen sich anscheinend. Kompromisse sind gefragt.

"Als wir zur Grundausbildung in Austin, Texas, waren, haben sie extra eine Kanne mit 'deutschem' Kaffee eingeführt. Der war den Amerikanern zu stark und ein Kollege schrieb 'Dünnflüssiges Teer' dran", erinnert sich Chipdesigner Jörg Winkler.

Zwar werden die Cowboystiefel der Aufbauhelfer auf Dresdener Fluren inzwischen immer seltener. Trotzdem bleibt das Werk multinational. Die Platinen mit den Chips werden in Dresden gefertigt, in Amerika weiterverarbeitet und in Südostasien endmontiert. Am Schluss kriegen alle Prozessoren einen Stempel: Assembled in Malaysia". Doch ihr Herz stammt aus Sachsen.

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