Silicon Valley Revival der Telearbeit
Schon seit den siebziger Jahren sind Telearbeitsprojekte regelmäßig von Hype, Hoffnung und Ernüchterung begleitet. In den USA wie auch in Deutschland sind die meisten Versuche ambitioniert gestartet und kläglich gescheitert. Selbst in Kalifornien enttäuschten bislang alle Experimente. Zwischen 1991 und 1997 waren im innovativen US-Musterbundesstaat 40 "Teleworking"-Zentren eröffnet worden. Nachdem allerdings die Subventionen für die Projekte ausliefen, wurden alle Komplexe kurzerhand wieder dichtgemacht.
Drei Jahre später steht die Telearbeit nun vor ihrem Revival im Silicon Valley - wenn auch nicht ganz freiwillig: Horrende Immobilienpreise und eine völlig chaotische Verkehrssituation veranlassen mehr und mehr Unternehmen im Tech-Mekka, mit alternativen Beschäftigungskonzepten zu experimentieren. So arbeiten mittlerweile immer mehr Angestellte außerhalb ihrer Stammbüros - sei es zu Hause oder in Satellitenbüros, die temporäre Arbeitsplätze mit Schreibtisch, PC, Telefon sowie administrativer Unterstützung und ausreichend Parkplätzen zur Verfügung stellen.
Der San Franciscoer Online-Broker Charles Schwab unterhält etwa in Walnut Creek ein solches Center. Anstatt stundenlang im stets dichten Downtown-Verkehr zu stecken, nutzen immer mehr "East Bay"-Pendler das Telearbeitszentrum. Je nach Bedarf können Angestellte nach vorheriger Reservierung die 42 Ad-hoc-Büros des "Hotel Schwab" belegen. Inzwischen erfreut es sich derart großer Beliebtheit, dass zwei weitere "Telework"-Komplexe im Norden und Süden von San Francisco geplant sind.
Sun Microsystems eröffnete bereits vor zwei Jahren drei "Drop-in Centers", die Angestellte als ganztägige Ausweich-Arbeitsplätze oder für kurzfristige Zwischenstopps zur Rushhour-Vermeidung nutzen können. Um die Zentren an möglichst effektiven Standorten einzurichten, hat Sun diese an Hand der Demografie seiner Mitarbeiter geplant: "Wir beschäftigen uns sehr intensiv damit, wo Menschen arbeiten wollen, und suchen nicht einfach nur günstigen Baugrund", erklärte Ann Bamesberger, Direktorin für "Workplace Effectiveness", die Kriterien für die Standortwahl.
Das Konzept scheint aufzugehen: Auch die Sun-Satellitenbüros sind inzwischen derart populär, dass weitere folgen sollen. Die Erweiterung ist dabei kaum verwunderlich, verfügt bei der Softwareschmiede derzeit etwa nur jeder zehnte der 40.000 Mitarbeiter über einen festen Arbeitsplatz. Nicht selten teilen sich Teams von 30 Personen 15 Plätze. In einer kürzlich durchgeführten Studie unter 2700 Sun-Angestellten hatten fast 80 Prozent angegeben, auch von zu Hause aus zu arbeiten.
20.000 Heimarbeiter bei Cisco
Auch bei Cisco Systems ist "Heimarbeit" längst Teil der Firmenkultur: Jeder zweite der rund 40.000 Angestellten arbeitet mindestens einen Tag pro Woche von zu Hause aus - das Unternehmen aus San Jose rüstet alle Interessierten mit High-Speed-Netzzugängen aus. "Das hat Tradition bei uns", erklärt Bill Finkelstein, Senior Partner bei Cisco. "Schließlich wurde die Firma Mitte der Achtziger in einer Wohnung gestartet." Seit gut fünf Jahren setzt der Softwareriese verstärkt auf "Telecommuter" - mit positiven Konsequenzen für Arbeitnehmer und -geber: "Die Angestellten sind wesentlich motivierter, und auch die Produktivität hat sich verbessert", sagt Finkelstein, der selbst jeden Freitag seinen Job am heimischen Arbeitsplatz erledigt. "Das trifft auch auf mich zu, denn anstelle morgens erst mal eine Stunde im Auto zu sitzen, fange ich schon um sechs Uhr an zu arbeiten und telefoniere mit der Ostküste oder Europa."
Die Web-Company Passpoints.com verzichtet sogar komplett auf Büroräume. "Das war ursprünglich gar nicht so geplant", erklärt CEO Alan Gunshor. "Doch wir haben sehr schnell gemerkt, dass wir besser dran sind, wenn wir in Mitarbeiter investieren anstatt in Miete." Ende 1998 hat Gunshor die Firma für Online-Kundenmanagement in seiner San Franciscoer Wohnung gegründet. Mittlerweile betreut er Kunden wie Disney, Ford oder Nike und beschäftigt 13 Angestellte - allesamt Telearbeiter, die, von Passpoints mit Handy, Laptop und DSL ausgestattet, in ihren Privaträumen arbeiten. Als Headquarter fungiert nach wie vor Gunshors Appartement. "Unsere Erfahrungen sind durchweg gut", sagt der Netscape-Veteran. "Wir finden auch wesentlich einfacher Mitarbeiter, da vielen Telearbeit mehr wert ist als Aktienpakete."
Glaubt man den Marktforschern, liegen Passpoints und die anderen Valley-Firmen genau im Trend mit der gesamten US-Wirtschaft: Mehr als 16,5 Millionen Amerikaner arbeiten dem Washingtoner International Telework Association and Council zufolge mindestens einen Tag pro Monat von zu Hause aus. Das entspricht immerhin etwa 12 Prozent aller Beschäftigten - Tendenz steigend.
Generell jedoch sind Studien zu Telearbeit mit Vorsicht zu genießen: "Weder in den USA noch in Deutschland gibt es verlässliche Zahlen", erklärt Torsten Luley, Experte für Mobilität und Neue Medien am Geographischen Institut der Uni Stuttgart. "Nicht selten definieren Firmen wie etwa auch IBM Außendienstmitarbeiter als Telearbeiter." Die Angaben für Deutschland divergieren sogar ganz extrem: 150.000 Teleworker konstatiert die Bonner Gesellschaft für Kommunikations- und Technologieforschung, die Bundesregierung prognostizierte schon 1996 800.000 für das Jahr 2000.