Smart-Wear Informationen aus der Westentasche
An diesem Wochenende feiert ein erster Prototyp der so genannten "high tech fashion" bei den Deutschen Leichtathletik Meisterschaften seine Premiere. Der Anlass ist schlau gewählt, denn den Sportjournalisten stehen bei solchen Ereignissen meist die Schweißperlen auf der Stirn.
Eben mussten sie noch die Entscheidung im 100-Meter-Lauf der Damen kommentieren, jetzt hetzen sei zur Siegerehrung der Zehnkämpfer. Vom Überraschungssieger, einem unbekannten deutschen Nachwuchsathleten, hatte zuvor noch keiner etwas gehört.
Kein Problem. Ein Blick auf das kleine Display in der Westentasche genügt. Schon bekommt der Reporter alle wichtigen Infos über den Shooting-Star und kann aus dem Stand heraus ein Interview führen.
So eine Szene soll schon bei den Deutschen Leichtathletik Meisterschaften in Bochum-Wattenscheid ab Freitag Realität werden. Hier gehen - parallel zu den Athleten - erstmals 35 Journalisten mit Computer-Westen an den Start.
Smart-Wear heißt das intelligente Kleidungsstück, das nicht nur vor Regengüssen schützt, sondern die Medienvertreter ständig über das Neueste vom Sprint, Hochsprung oder Speerwerfen informiert. Ein integrierter, handgroßer Computer macht es möglich: Auf einem Minimonitor läuft ständig ein Newsticker mit allen relevanten Ergebnissen und Rekorden.
Entwickelt wurde die clevere Klamotte im Ruhrpott vom Dortmunder Fraunhofer Institut für Software- und Systemtechnik gemeinsam mit dem Bochumer KSI Klaus Steilmann Institut. Die, im maßgeschneiderten Rahmen allwissende Smart-Wear-Weste soll die Übertragung von Informationen weiter revolutionieren. Denn der kleine Rechner, der in einer wasserdichten Tasche verpackt ist, kommt ohne Kabel und Steckdose aus.
Er erhält seine Daten per Funkverbindung über ein kabelloses Netzwerk (Wireless-LAN). Diese Technologie sorgt bei Smart-Wear dafür, dass die Daten in rasanter Geschwindigkeit übertragen werden. Auch die Reichweite soll sehr groß sein: "Die Journalisten müssen sich schon einen Kilometer vom Stadion entfernen, um nichts mehr empfangen zu können", sagt Kerstin Heuwinkel vom Dortmunder Fraunhofer Institut.
Allerdings hat der PC im Westentaschenformat noch Schwächen. Er weiß zwar viel, kann die Daten aber nur grob sortieren. So werden die Journalisten bei der Leichtathletik-DM über alle Disziplinen unterrichtet - ob sie wollen oder nicht. So hat der Experte für Hürdenlauf die Tasche voll mit Hintergrundinformationen über Kugelstoßen.
Die Wissenschaftler aus dem Ruhrgebiet wollen die Übertragungstechnik daher noch verfeinern: "Der User soll selber bestimmen können, welche Informationen er haben will und welche nicht", erklärt Kerstin Heuwinkel.
Das Leichtathletik-Fest ist erst der werbewirksame Anfang für die Computer-Weste. In Zukunft soll intelligente Kleidung in allen Lebenslagen zum Einsatz kommen. Heuwinkel sieht naheliegende Einsatzmöglichkeiten zum Beispiel auf Messen oder im Stadtmarketing: Da könnte die intelligente Weste zum Reisebegleiter während des Kurzurlaubs werden, der den Touristen durch die Stadt navigiert, Tipps gibt und Angebote macht und generell Fragen beantwortet. Dabei haben die Forscher nicht vor, den schon jetzt kaum erträglichen Information-Overload zu vergrößern: Im Gegenteil, sagt Heuwinkel, "wir wollen ja, dass der Nutzer nur Informationen bekommt, die er auch haben will und gebrauchen kann".
Die Textilindustrie steht, glaubt man den Forschern, vor einer Revolution. "Wir möchten erreichen, dass der Computer direkt in die Faser kommt", sagt Dörte Hartmann vom Bochumer Klaus Steilmann Institut. "Computer und Kleidung sollen in Zukunft eine Einheit bilden." Auf den Baumwoll-PC zum Anziehen aber wird man wohl noch einige Jahre warten müssen.