Software Gut gezielt, Adobe!
Seit der Einführung des Rocket-E-Books, dem ersten Lesegerät für elektronische Bücher, klingelten bei Adobe die Alarmglocken. Sollten andere Dateiformate dem verbreiteten Adobe-PDF den sonnigen Platz am Markt des digitalen Papiers streitig machen?
Dem PDF-System fehlen einige Eigenschaften, die für den Vertrieb und die Nutzung des elektronischen Buches wesentlich sind. Dazu gehören skalierbare Kopierrechte, die ein Manuskript an den Käufer binden, das dazugehörige Handelssystem und die Option für mehr Mobilität. Um einem E-Book-System zum Erfolg zu verhelfen, ist zudem ein offener Standard wünschenswert. Adobe versprach ein konkurrenzfähiges E-Book-System, kaufte die Softwarefirma Glassbook ein und präsentiert nun den Adobe E-Book-Reader 2.0.
Einen Vorteil kann Adobe natürlich für sein neues System in Anspruch nehmen. Tatsächlich gehört Adobe-Software mit dem weit verbreiteten PDF-Format oft bereits zum Workflow der Buchproduktion, mit sehr hohen Marktanteilen im Bereich Book-on-Demand, wann immer Bücher auf volldigitalen Druckstraßen erstellt werden sollen. In nur einem weiteren Arbeitsschritt wird aus dem bekannten PDF ein E-Book-File.
Download: 260 Seiten in zwei Minuten
Die Lesesoftware steht zum kostenlosen Download für Windows-Systeme ab Windows 95 und für Macintosh ab Mac OS 9.x zur Verfügung. An der Qualität der Buchstabendarstellung hat Adobe durch ein Subrendering-System ebenso gearbeitet wie an einem Netzklienten, der spielend einfach Dateien beim Onlinebuchhändler herunterlädt. Die Datenkompression ist gut. Eine 260-Seiten Novelle brauchte bei einer ISDN-Übertragung im Test gerade einmal zwei Minuten Ladezeit.
Acrobat-Umsteiger finden eine wesentlich intuitivere Bedienoberfläche mit einigen interessanten Zusatzfunktionen. So lassen sich Textpassagen mit einem Marker anstreichen wie in einem gedruckten Buch. Eine komfortable Notizfunktion lädt zum Benutzen ein, und mit der Maus lässt sich ein Eselsohr als Lesezeichen in die Seite "knicken".
Eine so deutliche wie wesentliche Glassbook-Hinterlassenschaft ist die Funktion, die Seitendarstellung auf dem Bildschirm hochkant zu stellen. So kann man mit einem Laptop in gewohnter Seitenorientierung - und wenigstens bedingt mobil - ein E-Book im Adobe-Format lesen. Sogar eine Vorlesefunktion (Sprachausgabe) hält Adobe im System bereit.
Nach intensivem praktischen Umgang mit dem Reader offenbaren sich noch einige Schwachstellen. Das Programm ist ziemlich ressourcenhungrig und dürfte so manch älterem Laptop Schwierigkeiten bereiten. Bei der ersten Authentifizierung vor dem Bucheinkauf notierten wir einen Programmabsturz, bei dem der Windows-98-Rechner schließlich gewaltsam heruntergefahren werden musste.
Mit dem Onlinebuchhändler Barnes & Noble hat Adobe einen großen Partner für den Vertrieb elektronischer Bücher im Adobe-Format gewonnen, der nunmehr auch gleich 20 Probetitel zum kostenlosen Download anbietet.
Vorläufiges Fazit
Mit dem neuen E-Book-Reader weckt Adobe vor allem bei bisherigen Acrobat-Nutzern Wünsche nach mehr Bedienkomfort und nochmals besserer Textdarstellung. So scheint der E-Book-Reader in erster Linie handfeste Konkurrenz im eigenen Hause zu sein.
Die Erfolgsaussichten für das neue Buchsystem stehen gar nicht schlecht. Kostenlose Lesesoftware, nutzbar ohne neue Hardware und eine schnelle, umkomplizierte Integration in den Arbeitsablauf der Buchproduktion werden dem System sicher zu Marktanteilen verhelfen. Zwar läuft der E-Book-Reader heute noch nicht auf PDA-Systemen, die für den Durchbruch des elektronischen Buches hoch gehandelt werden, doch könnte der auszumachende Trend hin zu Webtablets und Palmsize-Computern Adobe auf halbem Wege entgegenkommen. Das Rennen um die Vorherrschaft am E-Book-Markt bleibt offen.