Sony dreht auf (Fast) Völlig losgelöst
Das flankierende Pressemitteilungs-Gewitter begann am Tage vor der Show in Las Vegas: Sony, tickerte es da weltweit durch die Agenturen, hebe einen eigenen Internet-Musikshop aus der Taufe. "Connect" soll der heißen und all das bieten, was die inzwischen zahlreich angetretenen Konkurrenten auch haben: 500.000 Titel aller großen Labels zum Beispiel und einen Standardpreis von 99 US-Cent pro Song.
Eigentlich wäre das ein großer Gähner, ginge es nicht um Sony. Denn der einstige Innovationsmotor in der Unterhaltungselektronik stand sich in den letzten Jahren kräftig selbst auf den Füßen. Viele Trends verschlief er oder ignorierte sie gar bewusst: Das Geschäft mit extrem kleinen Musik-Playern etwa überließen die Japaner anderen, obwohl sie mit dem Walkman einst den Urahn der mobilen Mini-Beschallung erfunden hatten.
Doch seitdem hat sich Sony entwickelt - nicht zuletzt zu einem Mischkonzern, der neben Hardware eben auch "Software" in Form von Film und Musik produziert. Und die ist eben durch die kleinen digitalen Apparate extrem Kopier- und Transport-gefährdet. Also ließ Sony lang die Finger vom heißen Eisen rund um Downloads und Trägermedien.
Jetzt also ein Umdenken, das Sinn macht, obwohl sich mit Musikdownloads kaum Geld verdienen lässt. Das Gros des Dateipreises fressen die Lizenzgebühren an die Musikindustrie auf. Legale Musikdownloads tun der durch ihr eigenes Dauerlamento "Mein Kunde, mein Mörder" ziemlich entnervten Musikindustrie gut und ansonsten nur den Herstellern von MP3-Playern und Artverwandten, denn deren Verkauf blüht durch KaZaA und Co auf. Bisher gibt es darum nur ein Unternehmen, das aus Musikdownloads echte Profite schlägt: Apple - und zwar nur deshalb, weil die Songdownloads den Verkauf des iPod-Players beflügeln.
Genau dieser Taktik will auch Sony mit Connect folgen. Parallel zum Start des Shops geht Sony mit einem kräftig aufgebohrten MiniDisc-Player an den Markt, auf dem Connect-Kunden künftig ihre Sounddateien spazieren führen sollen. Das Speichermedienformat schien bereits erledigt, doch ist es Sony nun gelungen, die Speicherkapazität von 80 Minuten auf beeindruckende 40 Stunden aufzublasen. Ein patentiertes Digital-Rights-Management soll dafür sorgen, dass Connect-Songs auf Sony-Playern landen und dort bleiben.
Jugend, hör die Signale: Da will wer was!
Und da hört das Bemühen um eine Auffrischung des zuletzt etwas angestaubten Firmenimages nicht auf. Wohl nur scheinbar zufällig gab Sony heute die Verkaufszahlen der frisierten Playstation "PSX", die am 13. Dezember in Japan in den Verkauf ging, bekannt: 100.000 Exemplare, ausverkauft in weniger als einer Woche. Die Nachricht konkurriert mit der Jubelmeldung des Joint Venture SonyEricsson, das für seine Handy-Kunden nun auch einen eigenen Spieleservice anbietet. Und anders als bei der Konkurrenz seien die Spiele auch ohne spezialisierte Daddel-Handys und ohne Bluetooth spielbar.
Bevor man nachdenkend darauf kommen könnte, dass das zugleich bedeutet, dass die Spiele zwangsläufig einfacher sein müssen und zudem "offline" nicht gegen echte Gegner fortgeführt werden können, setzt aus Las Vegas das Feuerwerk der zur Consumer Electronics Show CES entsandten Presseabteilung ein.
Nicht die Mira: Ein wahrhaft tragbarer Fernseher
Die macht die dicksten Schlagzeilen mit einem Gerät, das den Trend der Zeit tatsächlich trifft: Schon bald wird man mit einem per Funk mit seinem Terminal verbundenen Monitor-Panel überall im Haus "ortsunabhängig" lustwandeln, DVDs genießen, im Web surfen, digitale Fotoalben durchsuchen und fernsehen können. "Location Free Portable Broadband TV" heißt das Konzept mehr als nur ein wenig sperrig - das ließe sich ja allenfalls zum unpoetischen "LoFPoB" verkürzen.
Das Ganze scheint die Antwort eines Unterhaltungselektronik-Konzerns auf das viel hübscher benannte "Mira"-Konzept von Microsoft zu sein, was einerseits schick, andererseits ein bisschen niedlich wäre: Microsoft hat sein "Smart Panel" soeben wegen Erfolglosigkeit eingestampft.
Aber vielleicht zieht ein portabler Fernseher, der auch ein bisschen Rechner und Surfstation sein will, ja besser als ein Flachrechner, der auch ein bisschen Fernseher sein will? Die technischen Daten des Sony-Guckbretts jedenfalls klingen beeindruckend .
Wie auch immer: der zuletzt angeschlagene Riese will wieder mitboxen. Von Flach-TVs über Videokameras mit Touchscreen bis hin zu DVD-Recordern mit Wifi-Anbindung ist mit einemmal alles im Angebot.
Dass man nun mit Sony-Produkten geklaute Sony-Filme bei KaZaA wird abschöpfen können, per Wifi im Wohnzimmer auf Sony-DVD-Recordern brennen und per portablem, Wifi-verbundenen Flach-TV im Bett ansehen, zeigt deutlicher als alles andere, woher und wohin im Home Entertainment der Wind weht. Das macht den so lange zögerlichen E-Riesen Sony zum Showcase und Paradebeispiel für die Trends des Jahres: Drahtlos vernetzt kommt die Elektronikwelt daher - und die Grenze zwischen IT-Technik und Unterhaltungselektronik ist gefallen. Bei Sony jetzt auch hausintern.
Frank Patalong