Spät dran: Palm enthüllt neuen PDA "Zire" - DER SPIEGEL
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Spät dran Palm enthüllt neuen PDA "Zire"

Der einstige Pionier und Platzhirsch Palm hat Probleme, mit seiner nächsten PDA-Generation in die Pötte zu kommen. Seit Monaten warteten die Fans auf Neuigkeiten - und die bekamen sie an diesem Montag: "Zire" soll das Geschäft beleben. Doch was ist dran an der kleinen Kiste?
Von Michael Stein
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Also, mal ganz ehrlich: Was bitte hat denn an diesem Gerät so lange gedauert? Alle sind sie längst am Start: Die Pocket-PC-Fraktion mit Microsoft-Betriebssystem stellt ein neues Gerät nach dem anderen vor, und selbst Konkurrent Sony, der ebenfalls auf Palm-OS als Betriebssystem setzt, hat mittlerweile eine ganze Palette höchst attraktiver Handhelds für unterschiedlichste Anwender-Kreise auf dem Markt. Längst sind Pocket-PC-Handhelds in der Lage, Multimedia-Dateien abzuspielen und MP3-Musik zum Mitnehmen bereitzustellen. Selbst hartgesottenste Microsoft-Gegner geben "Pocket PC", dem Betriebssystem mit Windows-Geschmack, inzwischen durchweg gute Noten. Und PDA-Pionier Palm?

Mit dem lange erwarteten Betriebssystem-Update Palm OS 5.0 kommen und kommen die Entwickler einfach nicht aus dem Quark. Von neuen Handhelds mit endlich schnelleren Prozessoren sowie Multimedia- und Kommunikationsfähigkeiten ganz zu schweigen. Fast scheint es so, als würde Bill Gates im Hintergrund die Fäden ziehen.

Aber jetzt, endlich soll es so weit sein. Mit gleich zwei neuen Handheld-Linien:" Zire" für die Einsteiger, "Tungsten" für die Profis.

Das erste Gerät der Zire-Linie wird heute offiziell vorgestellt. Aber was ist denn da mit den technischen Daten passiert? Kein Vertreter der schnelleren Prozessor-Generation und kein neues Betriebssystem. Stattdessen: Ein mit 16 MHz getakteter Dragonball-Chip , 2 MB RAM. Das ist ja noch weniger Leistung als die aktuellen Geräte wie m125 oder m130 unter der Haube haben. Als Betriebssystem findet Palm OS 4.1 Verwendung - so wie bei den zuletzt auf den Markt gekommenen Geräten auch. Ein Fehler in der Datei mit den technischen Daten? Leider nicht.

Auch in Punkto Erweiterung: Fehlanzeige. Kein Steckplatz, kein Audio, kein Bluetooth, keine Betriebssystem-Update-Möglichkeit . Der Zire ist absolute PDA-Schmalkost. Immerhin ein Kunstoff-Klappdeckel, ein USB-Kabel zum Anschluss an PC oder Mac und ein Ladegerät für die eingebauten Lithium-Ionen-Akku befinden sich im Lieferumfang.

Immerhin. Auch die beiden Tasten, mit denen man Kalender und Adressbuch direkt aufrufen kann, sind gratis. Zugegeben: Chic ist er geworden, der weiß-silberne, neue PDA für "... neue Käuferzielgruppen, die bisher noch nicht über einen Einsatz von Handhelds nachgedacht haben", so worthülst man bei Palm.

Fiesta statt Ferrari

Ähem, mit Verlaub: Was genau sollte diese Zielgruppen denn nun zum Nachdenken bringen, wenn sie's bisher noch nicht getan haben? Vielleicht höchstens der Preis: 119 Euro soll der Neue kosten.

"Handhelds sind keine neue Technologie", meint denn auch Palm-Chef Todd Bradley, und fast klingt es ein wenig nach einer Entschuldigung. "Wir wissen, dass sie funktionieren." Und weiter: "Wie die Anforderungen auch wachsen und sich verändern - es wird immer möglich sein, einen Handheld von Palm zu finden, der diese Anforderungen erfüllt."

Soll das etwa ein tauglicher Versuch sein, das lahmende Handheld-Geschäft anzukurbeln? Frei nach dem Motto: Wenn Ihr Handheld voll ist, kaufen sie sich doch einfach einen Neuen! Ob diese Rechnung aufgeht, das bleibt angesichts der wie verplombt wirkenden Geldbeutel der potentiellen Anwender mehr als fraglich.

Noch in diesem Monat sollen aber zwei weitere Palm-PDAs vorgestellt werden. Zumindest ein Modell der "Tungsten"-Familie wird dann wohl auch einen schnelleren Prozessor, Multimedia-Fähigkeit und - endlich - das neue Palm OS 5.0 mitbringen.

Wohlgemerkt: Vorgestellt worden sind beide noch nicht - obwohl es durchaus schon neue "Palm"-Geräte am Markt gibt.

Da haben sich die Palm-Strategen nämlich ein weiteres Mal die Butter vom ohnehin nur sehr dünn belegten Brot nehmen lassen. Die japanische Firma Sony war's, die ihre Palm-OS-5-Geräte schon der Öffentlichkeit präsentiert hat und sich damit ein weiteres Mal als Hersteller höchst attraktiver und leistungsfähiger Handhelds in den Vordergrund gespielt hat. Dabei wäre es doch so einfach gewesenen: Palm hätte die Geräte einfach nur in umgekehrter Reihenfolge enthüllen müssen. Dieser Meinung scheinen denn wohl auch einige Palm-Mitarbeiter zu sein. Denn anders ist es nicht zu erklären, dass erstaunlich gute Fotos des Zire- und eines Tungsten-Modells schon seit einiger Zeit durchs Internet geistern.