Spam: Alle kriegen ihn, keiner will ihn - DER SPIEGEL
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Spam Alle kriegen ihn, keiner will ihn

Die Regierungen sind sich einig in der Ablehnung von Werbe-E-Mails, bekommen das Problem jedoch nicht in den Griff. AOL testet nun eine neue Technik, die Mails mit gefälschten Absender-Adressen gezielt herausfischt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Spam ist jetzt schon so wichtig, dass die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) einen zweitägigen Kongress dazu veranstaltet. Auf dem gestern in Brüssel beendeten Treffen wurde das Problem der unerwünschten Werbe-Mails zu einer Überlebensfrage des Internets erklärt.

Mit dem Überleben meint die OECD vor allem das Überleben von Unternehmen. Spam verunsichere E-Commerce-Konsumenten, behindere die wirtschaftliche Entwicklung im Netz und setze sogar die Popularität des Mediums aufs Spiel, beklagten die Teilnehmer.

EU-Industriekommissar Erkki Liikanen forderte, in allen OECD-Staaten wirksame Gesetze gegen Spam zu erlassen und die grenzüberschreitende Strafverfolgung zu ermöglichen. Doch auch die Industrie bekam ihr Fett weg: Sie müsse sich freiwillig verpflichten, keine Spam-Mails zu verschicken, forderte Liikanen.

Über die Erfolgsaussichten von Gesetzen machte sich der EU-Kommissar keine Illusionen: "Mit Vorschriften alleine ist die Spam-Flut nicht aufzuhalten", bekannte er. In der IT-Branche sucht man inzwischen nach neuen Wegen, um der Plage Herr zu werden.

Bill Gates überraschte vor einer Woche mit der Aussage, schon in zwei Jahren werde dank Microsoft niemand mehr über Spam reden. Der Microsoft-Gründer will beispielsweise Mailserver eine kleine Rechenaufgabe lösen lassen, bevor ihre Nachricht angenommen wird. Das sei für keinen Rechner ein Problem - außer, er versende gerade ein paar Millionen E-Mails. Zusätzliche Strafzölle für Werbe-Mails - vergleichbar mit Briefmarken - sollen Spammern das Geschäft kaputtmachen. "Spam wird bald schon Vergangenheit sein", verspricht Gates großspurig.

Für die Gatesschen Heilsversprechen interessiert man sich beim amerikanischen Provider AOL nur am Rande - das Problem ist viel zu akut. Die Spam-Plage trifft AOL besonders hart, weil AOL-Adressen bei den Werbemüllern gern als Absenderadressen missbraucht werden, der Imageschaden ist enorm.

Kein Spammer tritt unter seiner wahren Identität auf, nicht nur, weil er verklagt werden könnte, sondern vor allem, weil er die Gegenreaktion genervter Empfänger fürchtet.

Dem Fälschen von Absenderadressen will AOL nun mit einer Technik namens "Sender Permitted From" (SPF) einen Riegel vorschieben.

Das Prinzip ist simpel: AOL veröffentlicht die IP-Adressen sämtlicher Mailserver, über die seine Mitglieder Nachrichten verschicken. Ein Empfänger kann somit leicht feststellen, ob eine vermeintliche AOL-Nachricht auch wirklich von einem Kunden des Providers stammt.

Das 20 Jahre alte E-Mail-Protokoll sah so etwas nicht vor. Damals konnte sich niemand vorstellen, dass eines Tages eine Handvoll Leute Millionen von Postfächern mit Angeboten zur Penisverlängerung bombardieren würden.

Die SPF-Technik könnte deutlich schneller verfügbar sein, als Bill Gates' Mathematikaufgaben für Mailserver. "Mit etwas Glück in sechs bis 12 Monaten", sagte Meng Weng Wong Technologiechef E-Mail-Dienstleisters Pobox.com dem Wissenschaftsmagazin "Technology Review". Ein komplett neues E-Mail-Protokoll, etwa "Mail Next Generation" braucht nach Wongs Schätzung noch zehn bis 20 Jahre, bis es sich durchsetzt. Bis dahin sei SPF ein Zwischenschritt mit wirkungsvollem Mechanismus.

Das System funktioniert nur, wenn möglichst viele Provider mitmachen. Und daran dürften sie ein großes Interesse haben, denn wer will schon, dass seine Domain als Absenderadresse von Spammern missbraucht wird. SPF, so ist die Hoffnung, könnte als sich selbst vorantreibendes System schnell Schule machen.

Ob SPF hält, was es verspricht, wird die Praxis zeigen. An der Krake Spam sind bereits viele, überzeugend klingende Konzepte gescheitert. Aber wie auch immer, spätestens in zwei Jahren hat Bill Gates das Problem ohnehin gelöst …

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