Statussymbole Man ist, was man hat
Firmen gründen ist "in", auch wenn die hauseigene Garage gerade besetzt ist. Rund ums Internet werden aus Träumern Visionäre, aus Einzelkämpfern Firmenchefs. Der Umgangston in diesen neuen Betrieben ist locker, jeder duzt den Boss.
Gemeinsam vor dem PC-Bildschirm verbrachte Nächte fördern das familiäre Gefühl. Alle arbeiten für das große Ziel, den Marktführer zu stürzen oder den Gang an die Börse in weniger als zwölf Monaten zu schaffen. Wer braucht da schon traditionelle Strukturen und Hierarchien?
In diesen jungen, technologieorientierten Unternehmen, die schneller wachsen, als Bürostühle und Computer beschafft werden können, und deren ältester Mitarbeiter nicht einmal 40 Jahre zählt, sind auch Statussymbole "out". Wer so was will, der könnte ja gleich in ein etabliertes, mithin altmodisches Unternehmen gehen, wo neue Mitarbeiter am ersten Arbeitstag einen dicken Ordner überreicht bekommen, in dem die "Hausordnung" manifestiert ist.
Der interessanteste Teil steht auf den letzten Seiten hinter den Kapiteln über Kleidervorschriften (bestimmt) und Tischsitten (hoffentlich) und klärt ein für alle Mal, welchem Mitarbeiter welche Büromaterialien zustehen. Details, die den Rang eines jeden Kollegen festlegen.
Kenner dieser feinen Symbole liefern sich bei Umzügen erbitterte Schlachten um Räume, Fensterachsen, Möblierung und Schreibunterlagen. Hängt doch das Ansehen in der Firma davon ab, wie der Bürostuhl gepolstert ist, ob Blumen auf dem Schreibtisch und Akten im Einbauschrank stehen. Computer auf einem Beistelltisch? Die Vorstandssekretärin! Kaffeemaschine auf dem Fensterbrett, Bürostuhl ohne Rollen, Einwegkugelschreiber in einer Plastikschale? Sachbearbeiter, ziemlich weit unten.
Orientierungslosigkeit scheint dagegen in den Firmen der dynamischen Jungunternehmer zu herrschen. Weder Möbel noch Pflanzen geben einen Hinweis auf die Position in der Firmenhierarchie. Gleichgroße Fenster lassen das Tageslicht in gleichgroße Räume. Die Schreibtische sind modern und zweckmäßig, die Bürostühle ergonomisch und aus einer Serie.
Wer ist denn nun der Vorstand, wer die Aushilfe? Sollten hier tatsächlich alle gleich sein? Irrtum, nur die Zeichen der Macht haben sich verändert, sie sind fast unsichtbar geworden. Man muss schon ein Kenner der Welt der modernen Insignien sein, um sofort zu sehen, wer wo in der betrieblichen Rangordnung steht.
Die neuen Insignien der Macht
Ein paar Beispiele? Gerne. Die Hardware unterscheidet sich nicht - Handy und Laptop gehören zur Grundausstattung - wohl aber deren Innenleben. Das Mobiltelefon reagiert auf Ansprache? Der Rechner läuft mit dem neuestem Betriebssystem? Der Chef! Auch wer eine kabellose Maus neben seinem Rechner hat oder mit der drahtlosen Tastatur-Rechner-Drucker-Version arbeitet, hat es nach oben geschafft.
Ein Rundgang über die Cebit 2000 zeigt es: Voll im Trend liegen derzeit Anstecknadeln, Buttons, in zwei verschiedenen Farben, natürlich mit dem Firmenlogo. Sie zieren auf der Technologieschau in Hannover fast jedes Mitarbeiterrevers, schmücken Anzüge wie Kostüme: Rot für die Indianer, Gold für den Häuptling.
Und auch die Entwickler in den IT-Firmen haben dem Trend zu neuen Statussymbolen Rechnung getragen: Wer kann schon heute mit einem Armband-PC glänzen, der ums Handgelenk geschnallt über Funk Daten mit dem Schreibtischcomputer austauscht? Oder wer besitzt bereits den Vaio Music Clip, der aussieht wie ein Füllfederhalter und 120 Minuten Reggae oder Jazz, Mozart oder Bach speichern kann?
Der Mann oder die Frau von Welt hat als Erster im Büro die neue Web-Cam, die Video-Clips erstellt und wie ein E-Mail an andere Rechner sendet. Der Karrierist mit Sinn für Trends, der als solcher auch überall erkannt werden will, braucht aber unbedingt das WAP-Handy R320s mit einem Gehäuse aus teurem Titan. Nur woher nehmen? Auf dem Ericsson-Stand in Hannover ist es zwar der Eye-Catcher, im Handel aber wird das edle Metallteil wohl nie erhältlich sein. Statusjäger können ja mal fragen, was eine Einzelanfertigung kostet ...