Stellenbörse Systems Gnadenlose Auswahl
Eva Kronau sucht gerade keinen neuen Job. Sie zündet sich eine "Lord" an und erzählt, dass sie vor einem Jahr noch im Auftrag von Siemens auf der Systems war, um neue Mitarbeiter fürs Unternehmen zu finden: "Es gab viele Interessenten - aber die wurden dann handverlesen."
Die 26-jährige Sächsin schwärmt von Werkstudenten und Praktikanten, die mehr Einsatz gezeigt hätten als so manch älterer Mitarbeiter. Sie steht hinter dem Leistungsprinzip: "Es müssen amerikanische Verhältnisse herrschen: Nicht was du hast, sondern was du kannst, ist entscheidend".
Der Diplom-Ingenieur Konrad Gaertner will kündigen und sucht einen Job in der New Economy. Der 28-jährige Noch-Bahnangestellte lächelt vom Titelblatt seiner sechs Lebensläufe, die er an interessante und interessierte Hardware- und Netzwerkfirmen verteilen will. Irritiert ist er durch die Zeitungsberichte über die Milliardenlöcher bei der Bahn, sieht dort für sich keine Zukunft mehr.
Gut, dass es Messen gibt; gut, dass diese heutzutage von der Produktschau zur Menschenbörse mutieren. Die Halle A5 der Computerschau Systems ist der Karriere geweiht: 80 Unternehmen bieten Hunderte von Arbeitsplätzen in der IT-Branche an. Seit sich Bundeskanzler Schröder auf der diesjährigen Cebit der Green-Card-Debatte des Bitkom anschloss, ist Deutschlands Fachkräftemangel ein Thema. In einer solchen Konjunktursituation werden die Bewerber wählerischer.
"Unverbindliche Jobbörsen sind nicht schlecht für die ersten Kontaktaufnahmen", meint Werner Dostal vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Ein eigentlicher Arbeitsvertrag werde auf solchen Börsen aber nicht geschlossen.
Headhunting oder klassische Anzeige?
Bei Stephanie Grützemacher am Stand 360-87 füllen Interessenten einen Fragebogen beziehungsweise eine "Personal Information Form" der Firma GE Compunet aus, die Soft- und Hardwarelösungen für Unternehmen anbietet. Gefragt wird nach Studium, Programmierkenntnissen und Wunschort. Etwa 40 dieser Bögen seien am ersten Tag bereits ausgefüllt worden, "drei davon haben gute Chancen", so die Beraterin.
Neben solchen Jobbörsen finde die Firma neue Mitarbeiter über klassische Anzeigenschaltungen und Headhunter. Auch nebenan bei SAP ist man zufrieden: Am ersten Tag seien rund 50 Bewerbungen abgegeben worden, von denen 20 gute Chancen hätten. "Headhunting machen wir nicht, wir gehen direkt an die Unis und sind im Internet vertreten", sagt Jutta Scholl. Das Arbeitsamt spiele nur eine geringe Rolle. Sie grinst und liefert den Grund nach: "Die Leute, die wir suchen, melden sich nicht beim Arbeitsamt".
Wortfetzen beim Gang durch die Halle: Wertsteigerung, Kreativität, Mobilität, Recruting und Kompromisslosigkeit. Man sucht die besten Mitarbeiter - und nur die. Konrad Gaertner, der Ingenieur, ist seit vier Stunden unterwegs. Ihm fällt auf, dass die Firmen immer spezialisiertere Leute suchen: "Es gibt einen Fachkräftemangel, aber die Firmen können ja auf Grund ihrer kompromisslosen Anforderungen nur sehr wenige finden."
Lässt sich der viel zitierte Fachkräftemangel überhaupt beziffern? Die Schätzungen reichen von 20.000 fehlenden IT-Spezialisten bis zu 400.000. Europaweit rechnet der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) mit 1,8 Millionen nicht entstehenden oder nicht besetzten Arbeitsplätzen in der Computerbranche.
Für Arbeitsmarktforscher Dostal sind solche Zahlen "eher mit Vorsicht zu genießen". Der Begriff "IT-Fachkraft" sei schwammig, und fehlende Kräfte ließen sich nur schwer messen: "Diese Zahlen suggerieren eine Exaktheit, die es so nicht gibt."
Gewerkschaft: Der Hafen der Enttäuschten?
Auf der Systems in München-Riem leeren sich die Gänge, die Gesichter sind erschöpft vom Job-Suchen und Gesuchtwerden. Am Stand der IG-Metall herrscht noch immer Betrieb. Wolfgang Müller hat viel zu tun. Zu ihm kommen die Enttäuschten, die 40-Jährigen, die nicht ins Profil der IT-Unternehmen passen. Und auch Müller nennt das Adjektiv: "Picky" oder wählerisch seien die IT-Unternehmen.
Der Gewerkschafter, selbst 18 Jahre in der Softwarebranche tätig, bezeichnet sich auf Branchen-Neusprech als "Account-Manager für den führenden Solution-Betreiber für Arbeitnehmerrechte". Das IT-Geschäft sei "eine Wildwest-Branche mit Wildwest-Standards", die einer Ordnung bedürften. Und da versteht sich die Gewerkschaft als Dienstleister: "Genauso wie sich im Internet Käufer zusammenschließen, um eine Digitalkamera günstiger zu kaufen, so will die Gewerkschaft für ihre Mitglieder die besten Arbeitsbedingungen."
So hat die IG Metall eine Entgelterhebung in der IT-Branche durchgeführt, um das Dickicht der Arbeitszeiten und Bezahlung transparenter zu machen. Bisher allerdings sind im IT-Bereich weniger als zehn Prozent der Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert. Doch das ändert sich: Am Ende des ersten Tages hat Müller einige Beitrittserklärungen vor sich liegen.
Ingenieur Gaertner ist zufrieden: Vier seiner Lebensläufe hat er abgegeben. Ein "bisschen überrumpelt" sei er, "da das Ganze so riesig und wenig konkret ist". Die nächste Messe wartet schon auf ihn: In zwei Wochen öffnet die Electronica ihre Tore. Und irgendwann vielleicht will er zurück. Zur Bahn.