Technik-Trends: Rent a Byte - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Technik-Trends Rent a Byte

Application Service Providing (ASP) steht für Software auf Abruf und kommt - mit einiger Verspätung - über den Atlantik zu uns. In spätestens drei Jahren ist es auch für Otto Normalverbraucher so weit.
Von Barbara Mayerl
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Selbst die Computerindustrie scheint nicht vor Retro-Wellen gefeit. Was in den kommenden Jahren auch unter Endkonsumenten als Application Service Providing Furore machen wird, ist nichts anderes als die Renaissance der Großrechner unter neuen Voraussetzungen. Das Client-Server-Prinzip wird kräftig wiederbelebt - nur ist jetzt das Internet mit dabei.

Auch Oracle versuchte den ASP-Gedanken zu forcieren: Oracle-Boss Larry Ellison, Intimfeind von Bill Gates, sah Microsoft bereits 1997 dem Tode geweiht, als er mit Pauken und Trompeten das Zeitalter des Netzcomputer verkündete. "Die Menschheit erklärt Microsoft den Krieg," erklärte er auf einer Anwenderkonferenz vollmundig. Vom medialen Trommelfeuer ist nicht viel übrig geblieben. Das Ziel von 100 Millionen verkauften Rechnern bis 2000 hat er bislang verfehlt. Im Juni dieses Jahres war er soweit, die ersten 1100 Stück an 23 Schulen in Dallas zu verschenken. Diesmal versucht eine breite Koalition aus Software- und Hardwareanbietern dem ASP-Modell im zweiten Anlauf auf die Sprünge zu helfen.

Das Szenario für den Privatkonsumenten sieht so aus: Man sitzt zu Hause und will seine Lohnsteuererklärung machen. Dazu benötigt man kein umfassendes Softwarepaket, sondern einzelne Anwendungen (Applikationen). Über Benutzername und Passwort holt man sich diese bei einem Provider. Nach Erledigung werden die Dienstleistung abgerechnet und die Daten beim Serviceanbieter archiviert.

Hektische Vorbereitungen auf Hersteller-Seite

In Deutschland bereiten sich Soft- und Hardwarehersteller und Provider auf den ASP-Markt vor. So genannte Cybercenter und Entwicklungszentren sprießen wie Pilze aus dem Boden. Einerseits müssen die technischen Voraussetzungen geschaffen werden, also riesige Serverfarmen errichtet, die sicherheitstechnisch "Fort Knox"-Standards genügen, und andererseits muss die Software dem Netz angepasst werden. Im März dieses Jahres wurde ein Konsortium gegründet, dass "als zentrale Informations- und Kommunikationsplattform den ASP-Markt transparent machen und unterstützen soll" - so will es die Satzung. Nahezu 50 ordentliche und knapp 20 außerordentliche Mitglieder  waren mit Juli dem Konsortium  beigetreten, darunter Big Player ebenso wie Nischenanbieter.

Wichtiges Ziel von Mitinitiator und Geschäftsführer Werner Grohmann ist also auch Aufklärungsarbeit, wenngleich der Bekanntheitsgrad von ASP gemeinhin größer ist als bislang angenommen. "Wir haben seit unserer Gründung riesengroßes Feedback erhalten, sehr viele Unternehmen setzen sich mit dem Thema auseinander. Die ersten Angebote sind bereits auf dem Markt und bald wird auch der Endverbraucher wissen, wie er ASP am besten einsetzen kann," berichtet Grohmann.

Software nach Bedarf

Die Vorteile liegen für ihn auf der Hand, egal ob es sich um Einzelverbraucher oder kleine Unternehmen handelt. Über den Internet-Browser hat man von überall Zugriff auf die Daten, profitiert von reduzierten Support- und Wartungskosten, in der Fachsprache TCO (Total Costs of Ownership) genannt. Zugriff auf die aktuellste Software-Version ist selbstverständlich, für das Update ist der Anbieter verantwortlich. "Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen können damit Software nutzen, die sie sich bisher gar nicht leisten konnten," malt Grohmann die ASP-Zukunft in rosigen Farben.

Prognosen gehen dahin, dass ab 2003 der Consumer-Markt so richtig boomen wird, der Firmenbereich wird bereits 2001 aufgerollt. Bis dahin gilt es allerdings, die Software, die ja bereits vorhanden ist, in punkto Sicherheit und Verfügbarkeit auch für zigtausende gleichzeitige Zugriffe über das Internet zu optimieren. Das Konsortium soll in diesem Zusammenhang auch rechtliche Aspekte und Zertifizierungsverfahren erarbeiten.

Vertrauen der Konsumenten gewinnen

Auch wenn ASP in den Vereinigten Staaten bereits seit einigen Jahren von Firmen- und Privatkunden stark genutzt wird, tut sich dort als größte Hürde die Vertrauensfrage auf: Kunden müssen die Gewissheit haben, dass ihre Daten unter größtmöglichem Aufwand verwahrt und geschützt sind. Hier tun sich junge und unbekannte Unternehmen schwerer, dieses Vertrauen zu gewinnen. Diese müssen auf Allianzen mit bekannten Providern und Herstellern setzen. "Was zählt, ist Name und Know-how," bringt es ASP-Spezialist Wolfgang Foitor von Siemens auf den Punkt, und nennt Online-Banking als simples Beispiel für bereits angewandtes ASP im Endkundenbereich. Zwar schützen Passwörter und Firewalls die Daten, doch muss dem Kunden glaubhaft gemacht werden, dass die geschäftskritischen Daten so sicher wie in einem Tresor sind. Für Ausfälle und Angriffe müssen vielfältige Sicherheits-Szenarien entwickelt werden.

Virtuelle Tresore

Um diese Partnerschaften zu stiften, gibt es so genannte ASP-Enabler, die alle Beteiligten zusammenbringen sollen. Der IT-Bereich von Siemens eröffnete kürzlich in Unterschleißheim bei München ein Technologie-Kompetenzzentrum. Hier passiert nichts anderes als das Austesten der ASP-Qualitäten von umgeschriebener Software. "Täglich sind ein bis zwei Unternehmen im Labor," berichtet Foitor. "Die Plattformhersteller arbeiten zur Zeit massiv daran, ihre Teile für den Markt so zusammenzustellen, dass sie in punkto Sicherheit und Verfügbarkeit den Standards genügen." Allein in den nächsten Wochen werden in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Paderborn weitere Zentren eröffnet. Auch die Big Player müssen Allianzen schmieden, im Siemens-Kompetenzzentrum ist Microsoft mit von der Partie.

Auch beim Softwareriesen denkt man um: "Software, die in einem Karton eingeschweißt ist und über die Ladentheke wandert, wird in zwei oder drei Jahren verschwunden sein," ließ Microsoft-CEO Steve Ballmer wissen. Unter "Office Online" werden die Büroapplikationen aus Redmond netztauglich gemacht und voraussichtlich 2001 auf den deutschen Markt kommen.

Kosten der neuen Softwarewelt sind noch offen

Natürlich wird es einige Zeit brauchen, bis man die Verbraucher davon überzeugt, ihre Softwarepakete auszumustern und auf die Software-Miete umzusteigen. Werner Grohmann ist allerdings sicher, dass diese nach einer Übergangszeit "die Convenience von ASP schätzen werden - Software bei Bedarf von überall aus verwenden zu können." Über Preismodelle wird noch getüftelt, die Dienstleistungen können entweder in Pauschalpreisen (Flat Rates) oder nach Transaktionen abgegolten werden.

"Es wird wie in einer Bibliothek zugehen," sagt Foitor von Siemens. "Man nimmt sich die gewünschte Software stückweise aus dem Regal."

Jedenfalls werden wir in dieser virtuellen Bibliothek altbekannte Schmöker finden, darunter StarOffice, Lotus Notes, Info- und Entertainmentsoftware und einiges mehr.

Hier können Endverbraucher bereits Software mieten und testen:

Tuul:  Die Tochtergesellschaft der Viktorvox bietet einiges - von Termin- bis hin zu Lernsoftware.
Indecom:  bietet unter anderem Microsoft-Produkte
Alphaware:  Warenwirtschaft für Kleinbetriebe um 99 Mark pro Monat