Telefonie: Floppt's, bevor es WAPt? - DER SPIEGEL
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Telefonie Floppt's, bevor es WAPt?

"WAPP" sagt der Deutsche, "WOP" der Brite: Ersteres klingt, als fiele jemand flach auf den Bauch, Letzteres reimt sich auf Flop. Denn dem Gejubel der Marketer steht bisher das Desinteresse der Kunden entgegen, die die teure neue Technologie nicht so recht umarmen wollen. Was wird aus WAP?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Amphibienfahrzeugen gehöre die Zukunft. Das behaupteten Auto-Hersteller in den fünfziger Jahren. Bald würden Autos nicht nur über Land fahren, sondern auch im Wasser schwimmen können. Kühne Techniker träumten zeitweise sogar davon, den Land-Wasser-Mobilen auch noch Flügel anzuschrauben und sie auf diese Weise in die Lüfte zu bringen. Doch der Traum, eine Kombination aus Auto und Schiff in Serie zu produzieren, zerplatzte wie eine Seifenblase. Der Markt schien ein solches Zwittermobil nicht haben zu wollen, ging der vermeintliche Mehrwert doch zu Lasten der Ästhetik und eines günstigen Preises.

Dieses Schicksal droht jetzt auch der WAP-Technologie (Wireless Application Protocoll). Der neue Standard, der Internet-Seiten auf Handys zaubern soll, wurde auf der diesjährigen Cebit zwar als heißer Trend gehandelt. Bei potenziellen Käufern stieß er aber auf Skepsis.

Ist Internet-Surfen mit einem Handy nicht genauso unsinnig, wie mit einem Auto Flüsse durchqueren zu wollen? Argumente für diese Einschätzung gibt es viele. So erinnert der Komfort von WAP-Handys an die Kinderjahre von BTX, dem Vorläufer vom Online-Dienst T-Online: Winzige Displays und Tastaturen, klobige Grafiken, niedrige Übertragungsraten und Online-Preise von rund 40 Pfennig pro Minute machen aus Lust eher Frust am Surfen. Dazu kommt ein recht dürftiges Angebot von zur Zeit schätzungsweise einigen hundert WAP-Seiten. Zwar ist M-Commerce (Mobile Commerce) und M-Banking (Mobile Banking) in aller Munde, doch haben bislang nur wenige Anbieter Nägel mit Köpfen gemacht und Handy-taugliche Angebote ins Netz gestellt.

Ungeachtet dieser Argumente schwärmt die Branche von WAP. Handy-Hersteller wie Nokia, Siemens oder Motorola haben auf der Cebit WAP-fähige Modelle vorgestellt, die ihnen neue Verkaufsrekorde bescheren sollen. Internet-Content-Provider programmieren fleißig spezielle WAP-Seiten, die von den neuen Handys dargestellt werden können. Beim Hamburger Otto-Versand etwa sollen Kunden ab sofort via Handy mobil shoppen können. Und die Mobilfunk-Gesellschaften schließlich rühren kräftig die Werbetrommeln für WAP, weil sie auf viele zusätzliche Online-Minuten mit dem Mobiltelefon hoffen.

Erste Schwierigkeiten für WAP gab es aber schon im vergangenen Herbst, als auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin der offizielle Startschuss für die neue Technologie fiel. Die Handy-Hersteller hinkten mit ihrer Produktion schlicht hinterher: Siemens hatte sein als WAP-fähiges Handy konzipiertes Modell S25 statt mit der WAP-Software 1.1 mit der überholten Vorversion 1.0 ausgestattet. Nokias lange angekündigtes Modell 7110 lag noch nicht in ausreichender Stückzahl in den Regalen. Das änderte sich bis zur Cebit nicht. Und die massive Werbekampagne des Mobilfunkanbieters D2 ging erst einmal ins Leere.

Soll WAP doch noch ein Erfolg werden, muss also eine Menge getan werden. Die Übertragungskosten müssen stark gesenkt, die Geschwindigkeiten erheblich gesteigert werden. Abhilfe könnte GPRS (General Packet Radio Service) schaffen. Diese neue, bis zu 100 Kilobit pro Sekunde schnelle Übertragungstechnik soll voraussichtlich im Herbst in europäischen GSM-Netzen eingeführt werden. Weil dann Gebühren nach übertragenen Datenmengen und nicht nach Verbindungszeit berechnet werden, ist GPRS quasi eine mobile, kostengünstige Standleitung mit dem Internet.

Außerdem eignen sich auch nicht alle Inhalte für WAP-Seiten. Sinnvoll ist nur, was Handy-Besitzer auch wirklich unterwegs brauchen. Warum sollte man zwischen Tür und Angel im Internet shoppen gehen, wenn es zu Hause am PC sehr viel mehr Spaß macht, weil es komfortabler und bunter ist? Anwendungen wie Börsenticker, Bankgeschäfte oder aktuelle Nachrichten machen da schon weitaus mehr Sinn. Das große Rennen werden aber Anbieter von Informationen machen, die mit der Telefonie verwandt sind. Denn die Kombination von Telefon und Internet-Client macht dadurch wirklich Sinn.

Auskunftsanbieter Telegate zum Beispiel plant seine Internet-Service-Plattform 11880.com auch fürs Handy zugänglich zu machen. Dann werden Telegate-Kunden von unterwegs nicht nur auf Telefon- und Branchenbücher zugreifen können, sondern auch auf jede Art von Service rund ums Telefon. Wer etwa die Nummer des nächsten Blumenlieferdienstes sucht, findet sie mit Hilfe des künftigen WAP-Portals von 11880.com und kann via Handy gleich anrufen. "Wir werden damit die Brücke zwischen unserer klassischen telefonischen Service-Leistung und unseren Internet-Diensten schlagen", sagt Harald Tulies, Marketingleiter bei Telegate.

Es bleibt also noch Hoffnung für WAP. Beeilen sich Handy-Hersteller, Mobilfunk-Gesellschaften und Content-Provider aber nicht, droht WAP der gleiche Bankrott wie den Amphibienfahrzeugen. Ideen alleine reichen nämlich nicht aus.

Unter Mitarbeit von Jens Uehlecke