Test in Australien: Internet und SMS gegen Schulschwänzer - DER SPIEGEL
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Test in Australien Internet und SMS gegen Schulschwänzer

Wenn Töchterchen nicht in der Schule auftaucht, bekommt Papi sofort eine SMS. Mami loggt sich derweil ins Klassenbuch ein, um zu sehen, was Sohnemann gerade macht. Für Schüler sind das Horrorvisionen, für Australier ist es ein tatsächlich laufender Modellversuch - und Wahlkampf.
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Was die Schulbehörden des australischen Bundesstaates Victoria derzeit testen, läuft auf eine Komplettüberwachung der Schüler hinaus. Ihre "Bewegungen" sollen transparent werden - und gemeint ist natürlich, ob sie sich überhaupt bewegen, und zwar zur Schule.

"Truancy" ist ein Problem an australischen Schulen: "Blau machen" oder Schwänzen heißt das hier zu Lande.

Das, hofft Erziehungsministerin Lynne Kosky, wird den Schülern extrem schwer fallen, wenn ihr Fehlen zuhause schon bekannt ist, bevor das Mittagessen auf dem Tisch steht. Wenn alles funktioniert, hat sich entweder Mutti bereits ins Klassenbuch eingeloggt oder Vati eine "Ihr Sprößling fehlt"-SMS erhalten.

Damit der Sprößling sich am nächsten Tag nicht etwa mit einer zwar kreativen, aber leider gefälschten Entschuldigung zum Lehrer begeben muss, nimmt ihm das System auch diese peinliche kleine Arbeit ab: Wenn jetzt entschuldigt wird, dann per Elektronik - von Mami oder Papi, die den Code kennen.

Per Laptop und PDA mit Funkverbindung zum Server sollen Lehrer im Rahmen des Modellversuches nun erproben, was dieses bisher ungekannte Maß an Aufmerksamkeit und Rückmeldung - neben den sicherlich zu erwartenden Krisen und Zerrüttungen - so alles verursachen kann.

Disziplin, Lernerfolge, Wahlsiege?

Eine Menge, glaubt zumindest der Oppositionspolitiker Phil Honeywood, der das fleißige Datensammeln an derzeit zwölf, bald 40 Staatsschulen in Victoria mit Argusaugen beobachtet. Seine Attacke auf die Regierung kommt - für Europäer - dennoch einigermaßen überraschend, so lang man nicht weiß, dass auch in Victoria Wahlkampf herrscht: Zu zögerlich sei das Erziehungsministerium, und überhaupt solle das System sofort an allen Schulen Victorias implementiert werden - mindestens, denn eigentlich brauche ganz Australien die flächendeckende Schüler-Beobachtung.

Honeywood: "Das würde die Bläu-Quote in Victoria dramatisch senken".

Für den Fall seines Wahlsieges verspricht Honeywood (Liberal Party), jeden Lehrer an weiterführenden Staatsschulen mit Palm-PDAs ausrüsten zu wollen. Niedrige Bevölkerungsdichte sei Dank käme er da mit knapp drei Millionen australischen Dollar davon, plus eine Million für die Hard- und Software und eine Million für die menschliche Wartung: Die besonders harten Fälle brauchten dann wohl bald "Truancy Councellors", um aus der Schwänzkrise zu finden.

Daran, dass all das nötig sei, lässt Honeywood keinen Zweifel: Bis zu 35 Tage pro Schüler werde an vielen Schulen gebläut, "in Einkaufszentren und verbunden mit Situationen schlechten Benehmens". Die zwölf Staatsschulen, an denen die elektronische Inquisition bereits installiert ist, zeigten deutlich, was das System bewirken könne: Im Schnitt um zwei Drittel sei die Schwänzquote gesunken.

Die Erziehungsministerin mahnt ihren parlamentarischen Gegenspieler trotzdem zu ein wenig Geduld: "Wir wollen zunächst natürlich erst einmal sehen, ob das System überhaupt funktioniert". Darum teste man ausführlich und seit längerem und verhandele auch mit der Entwicklerfirma des Systems, dem australischen Unternehmen RollCall.

Das hört man bei RollCall gern, auch wenn es leicht überraschend kommt. RollCall-Chef Ron Harper: "Wir haben vor mehreren Jahren mit der Regierung gesprochen, seitdem aber nichts mehr von denen gehört. Mit wem wir in letzter Zeit allerdings Gespräche hatten, war mit der Opposition".

Dass sein System trotzdem zu mehr taugt, als nur Wahlkampf zu führen und Regierungen zu blamieren, davon ist Harper fest überzeugt. Das System eigne sich für den angestrebten Zweck ganz vorzüglich, könne aber noch mehr. Denkbar sei so zum Beispiel eine fortlaufende Leistungskontrolle, die es den Eltern ermögliche, zu jedem gegebenen Zeitpunkt Einblick in schriftliche wie mündliche Benotungen zu nehmen, in Vermerke, Kommentare und Tadel über den betreffenden Schüler.

Hauptzweck sei jedoch die Erfassung der Bläu-Quoten - was für die Schüler zwar vornehmlich, aber nicht nur negative Konsequenzen haben kann: Da das RollCall-System Bläu-Quoten nicht nur individuell, sondern vor allem auch klassenweise erfasse und diese Quoten auch grafisch aufbereite, ergäben sich daraus auch Rückschlüsse über die geschwänzten Unterrichtsstunden. Die Schwänzquote, glaubt man bei RollCall, stehe in einem direkten Zusammenhang mit der Art und Weise, wie "in einem Unterricht ein Unterrichtsstoff präsentiert" werde.

Keine Chance mehr also für bocklose Schüler, aber auch keine für die Schnarchzapfen und Langeweiler in der Lehrerschaft - und Ruhe an allen Fronten: Proteste gegen die Implimentierung des Schnüffelsystems blieben bisher aus. Da müssen wohl alle Beteiligten glauben, sie hätten etwas, worauf sie sich freuen können. Oder sie haben sich noch nicht von dem Schock erholt, was ihnen der laufende Wahlkampf so alles bescheren kann.

Frank Patalong