TV-Revival Die Zukunft ist interaktiv
Vom Sofa aus bei Fernsehshows mitspielen, am TV-Bildschirm E-Mails verschicken und mit der Fernbedienung ein Paar neue Turnschuhe bestellen - die Zukunftsvision des digitalen Fernsehens soll nach den Plänen der TV-Industrie schon in diesem Frühjahr Wirklichkeit werden.
"Auf der Cebit gibt es die Live-Premiere für den Digitalstandard MHP", sagt Lothar Kerestedjian vom Elektronikhersteller Panasonic. "Da kommt nichts mehr von der Platte, sondern alles live vom Astra-Satelliten." MHP (Multimedia Home Plattform) ist für das Fernsehen des Digitalzeitalters ein einheitlicher Technikstandard, auf den sich die TV-Industrie nach langem Ringen im Spätsommer vergangenen Jahres geeinigt hat.
Abschied vom Analog-TV
Noch ist das digitale Fernsehen in Deutschland wenig erbreitet: Experten schätzen den Anteil der Digitalanschlüsse auf weniger als zehn Prozent, von denen die meisten den Bezahlfernsehsender Premiere des Münchner Medienkonzerns Kirch in die Wohnzimmer bringen dürften.
Bei der überwiegenden Mehrheit der Zuschauer werden die Fernsehprogramme nach wie vor aber analog auf die Mattscheibe geschickt. Doch im Jahr 2010 werde damit Schluss sein, sagt Roland Stehle von der Industriegruppe MHP, an der diverse Fernsehsender und Gerätehersteller beteiligt sind. "Dann wird die analoge Übertragung nämlich endgültig abgeschaltet."
MHP-Geräte auf der Cebit
Grund dafür ist, dass über digitale Frequenzen bis zu achtmal so viel Programme gesendet werden können wie über analoge Leitungen. Übertragungswege gerade per Kabel und Antenne sind knapp, so dass durch die Digitaltechnik mehr Kanäle eingespeist werden können. Für die bisher analog versorgten Verbraucher bedeutet das aber nicht nur mehr Fernsehprogramme, sondern auch, dass sie technisch aufrüsten müssen: Sie müssen sich einen neuen Fernseher oder ein Zusatzgerät zur Entschlüsselung der digitalen Signale, einen so genannten Decoder, anschaffen.
Damit diese Signale auch mit jedem Gerät von jedem Anbieter sowohl über Kabel, Satellit als auch Antenne empfangen werden können, hat sich die Industrie auf die gemeinsame Schnittstelle MHP verständigt. Nach den ersten MHP-Prototypen auf der Internationalen Funkausstellung im August soll es auf der Elektronikmesse Cebit nun "richtig" losgehen mit den Geräten, die nach den Vorstellungen der Industrie in den nächsten Jahren Einzug in die meisten deutschen Wohnzimmer erhalten sollen.
Sony und Philips machen es vor
Vorgeprescht ist der japanische Konzern Sony, der bereits einen MHP-fähigen Luxus-Fernseher auf dem Markt hat. Konkurrent Panasonic ist auf der Cebit mit seinem ersten MHP-Decoder vertreten, und Philips debütiert mit einem Satelliten-Empfangsgerät. Andere Hersteller wie Nokia, Loewe und Grundig wollten spätestens im Sommer nachziehen, sagt Stehle von der MHP-Gruppe. Wie reißend der Absatz für die Zukunftstechnologie sein wird, ist allerdings unklar. Denn zum Schnäppchenpreis sind die Geräte noch nicht zu haben.
Auf 200 Euro schätzt Stehle den Ladenpreis für die günstigsten MHP-Decoder, die allerdings nur den digitalen Fernsehempfang ermöglichen. Für das volle MHP-Angebot mit interaktiven Spielen, E-Mail, Internet und dem Videotext-Nachfolger Digitext müssten noch einmal bis zu 500 Euro draufgelegt werden.
Panasonic will seine erste MHP-Box Anfang April für 459 Euro in die Läden bringen. "Wir konzentrieren uns zunächst auf die Decoder, weil wir glauben, dass die integrierten Geräte (Fernseher mit eingebautem MHP-Decoder) zurzeit weniger Chancen am Markt haben", sagt Panasonic-Manager Kerestedjian. Sony hat mit seinem MHP-Fernseher WEGA den anderen Weg eingeschlagen und verlangt für das reich ausgestattete Modell rund 3600 Euro.
Ärger mit Liberty Media
Die Kosten für MHP spielten auch eine Rolle bei der Kritik der deutschen Fernsehindustrie an dem US-Konzern Liberty Media, der zur Sorge des Bundeskartellamts einen Großteil des Fernsehkabelnetzes in Deutschland von der deutschen Telekom übernehmen wollte. Liberty lehnte den MHP-Standard jedoch als zu teuer ab. In den USA gehört Liberty-Media-Chef John Malone zu den Befürwortern von MHP.
Die Preise für die Geräte würden erfahrungsgemäß aber sinken, wenn sie erst einmal für einen Massenmarkt produziert werden, sagt Stehle von der MHP-Gruppe. Die Industrie hofft auch deshalb auf eine hohe Akzeptanz der Decoder für interaktive Anwendungen. "Das ist wie mit dem Videotext", sagt Stehle.
"Heute spricht keiner mehr davon, dass man einen Decoder für Videotext schon im Fernseher eingebaut hat." Eine ähnliche Entwicklung werde auch bei den MHP-Decodern erwartet - für die Fernsehshow zum Mitmachen, die E-Mail und das Einkaufen am TV-Bildschirm.