Übertaktet: Tunen bis ans Limit - DER SPIEGEL
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Übertaktet Tunen bis ans Limit

Früher frisierten Jungs ihre Mofas - heute ihren PC. Die Szene ist groß, zum zweiten Mal wurde Deutschlands Tuning-Star gesucht, erstmals auf der Cebit. Drei Kandidaten kämpften mit Lüftern, Wärmeleitpaste und Finessen gegen den Hitzetod ihres Systems.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Computer sind irgendwie immer zu langsam - besonders, wenn man zur Fraktion der Hardcore-Gamer gehört. Schon seit Jahren machen findige Spieler ihre PCs um einige Megahertz schneller, indem sie den Prozessor oder das ganze System einfach ein bisschen höher takten als erlaubt. Was manch seriöser Computerexperte als "Kinderkram" abtut, ist in der Szene absoluter Kult. Das Übertakten ist Teil des "Geiz ist geil"-Konzepts. Nur wenn der Prozessor zu einem funktionslosen Siliziumklumpen verbackt, wird Geiz richtig teuer, und für die Hersteller zum guten Geschäft.

Inzwischen messen sich die Übertakter sogar miteinander: bei "Deutschland sucht den Tuning-Star". Bevor die Show am Freitagnachmittag auf der Cebit losging, mussten die Zuschauer allerdings erst einmal das obligatorische "Don't try this at home" über sich ergehen lassen. "Wenn ihr Originalteile übertaktet, dann ist die Garantie hin", warnte Björn Bartsch, Sprecher eines großen Hardware-Versenders und Sponsor der Veranstaltung.

Wer Zeuge eines abrauchenden Systems werden wollte, wurde freilich enttäuscht. Die drei Finalisten gingen äußerst vorsichtig zu Werke. Mit der Präzision, mit der sie normalerweise im Ego-Shooter "Unreal Tournament" alles aus dem Weg räumen, was sich bewegt, schraubten sie auch ihren PC zusammen. Keine Schraube ging verloren, kein Kratzer kam aufs Gehäuse. Und beim Tunen überschritt keiner das Limit.

Fünf Stunden gaben ihnen die Veranstalter und eine Kiste voller Mainboards, Prozessoren, Speicherbausteine und Grafikkarten. Die erste Grundsatzentscheidung lautete: Intel Pentium oder AMD Athlon. Für Daniel Cosic aus Paderborn war die Wahl klar: "Athlon hat die bessere Grundperformance und außerdem kenne ich mich damit besser aus." Allein Thomas Klein entschied sich für den Pentium 4 mit 3,2 Gigahertz. Insgesamt 1000 Leute hatten sich als Tuning-Star-Kandidat beworben - am Ende sollte ein Athlon-System 3200+ die Nase vorn haben.

Der Nürnberger Dusan Vucenovic, der ebenfalls auf Athlon setzte, galt von Anfang an als Favorit. In der Tuning-Szene hatte sein Kompressorgekühltes System für Furore gesorgt, das Wasser mit Frostschutzzusatz auf minus 40 Grad herunterkühlte. Zu Hause bewahrt der 21jährige in einem Schrank 24 Prozessoren auf, die er durchgeschossen hat. Die anderen beiden Kandidaten hatten noch keine CPU auf ihrem Gewissen, das behaupteten sie zumindest.

Der Hitzetod ist die größte Gefahr beim Übertakten. Das gilt nicht nur für den Prozessor sondern auch für die Grafikkarte. Je höher die Taktfrequenz umso schneller arbeitet der Rechner und umso mehr Wärme entsteht. "Baut soviel Lüfter ein, wie reingehen", feuerte der Moderator die Rivalen an, "damit das System schön runtergekühlt wird."

Nach einer halben Stunde schraubte Dusan bereits das DVD-Laufwerk ins Gehäuse, Daniels PC sah ebenfalls schon gut bestückt aus. Thomas hing etwas hinterher.

Dusan betreibt das Übertakten gemeinsam mit Freunden: "Da geht's natürlich darum, wer den Schnellsten hat", erzählt er. Ein schnellerer Rechner bringe mehr Performance beim Spielen. "Die Bewegungen sind flüssiger, weil der Rechner mehr Bilder je Sekunde schafft."

Nach zwei Stunden, als das Betriebssystems aufgespielt werden soll, tritt ein unerwartetes Problem auf. Der Treiber der Serial-Ata-Festplatte liegt nur auf Diskette vor, solche Laufwerke haben die Veranstalter jedoch nicht dabei. Es dauert mehr als eine halbe Stunde, bis ein Diskettenlaufwerk aufgetrieben ist - mittlerweile haben die Dinger auf der Cebit offenbar Seltenheitswert.

Am Ende erwies sich Dusans auf 3,4 Gigahertz getaktetes Athlon-System als das schnellste. Der Intel-Prozessor lief sogar mit 3,5 Gigahertz, schnitt in den fünf Benchmarks jedoch etwas schlechter ab. Pech hatte Daniel, dessen Windows-Installation 20 Minuten vor dem Ende abschmierte - in der kurzen Zeit brachte er bei der Neuinstallation nur ein mittelmäßig getuntes System zustande.

"Die Systeme haben extrem gute Werte", bescheinigte Nils Mathiesen, Hardware-Redakteur der Computerzeitschrift "PC Praxis", den Teilnehmern. Das Siegersystem sei so schnell, dass ein vergleichbarer, nicht übertakteter Prozessor allein 1000 Euro kosten würde. Der Wert der verwendeten Hardware lag insgesamt bei 2000 Euro je Rechner.

"Der Sieger war sehr clever und hat die Lüfter so modifiziert, dass sie schneller drehen", erklärt Mathiesen. Dusan hatte die Lüfterstromkabel direkt ans Netzteil angeschlossen. Dies dürfte letztlich den Ausschlag gegeben haben. Als Belohnung konnte Dusan sein System mit nach Hause nehmen. Mal schauen, wie lange der Prozessor überlebt.

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