UMTS-Tagebuch Was war, was soll's?
Zwei Wochen lang durften sich die UMTS-Tester Thomas Hillenbrand und Frank Patalong nach Lust und Laune in der Welt der Breitband-Telefonie austoben. Jetzt heißt es Abschied nehmen von den schicken Testgeräten. Ob dabei wohl Tränen fließen?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
UMTS-Tester Hillenbrand: Er schaut und schaut, doch kann nichts Tolles finden
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Der Handyfan ist enttäuscht
Der Datenzähler meines UMTS-Handys legt nahe, dass ich ein heavy user bin. Very heavy: In den beiden vergangenen Wochen versandte mein Testgerät insgesamt 13,5 Megabyte und empfing 32,5 Megabyte. Ich habe 336 Stunden lang Videos verschickt, Fotopostkarten von Cannes nach Siegburg gekabelt und meine morgendliche Zeitungslektüre zugunsten der Telefonlektüre aufgegeben. Zeit für ein abschließendes Urteil. Um es vorweg zu schicken: Ein großer Teil meiner anfänglichen Euphorie ist dahin. Die Punkte im Einzelnen: Gerät: Anfänglich kam mir das SonyEricsson V800 etwas klobig vor. Inzwischen stören mich die 128 Gramm kaum noch, ich finde das schwarze Brikett sogar schick. Trotz relativ rüden Umgangs mit meinem UMTS-Begleiter gab es keine Ausfälle - weder bröselt die Lackierung, noch haben sich Knöpfe gelöst. Die Qualität der per Handykamera aufgenommenen Bilder und Videos (Kostproben) ist sooo übel nicht; nur von Porträtfotos, zumal für Bewerbungszwecke, ist dringend abzuraten. Note: Gut. Benutzerführung: Weniger ruhmreich ist die Navigation auf dem Handy. Erst nach einigen Tagen kam ich halbwegs zurecht. Als größtes Manko erscheint mir die stiefmütterliche Behandlung von E-Mail. Häufig wollte ich Fotos oder Videos per Mail versenden, denn viele meiner Bekannten besitzen noch kein MMS-fähiges Handy. Außerdem ist es die einfachste Möglichkeit, Dateien auf meinen PC zu übertragen (wenn auch nicht gerade die billigste). Leider macht einem das V800 die E-Mail-Nutzung auffallend schwer. In jedem Multimedia-Menü gibt es die Option "Senden als MMS", aber keine zum Senden per E-Mail. In der Rubrik "Nachrichten" gibt es eine Übersicht für MMS und SMS. E-Mails muss man separat nachgucken. Das E-Mail-Programm ist zudem für die Bearbeitung und Verwaltung von mehr als fünf Elektrobriefen pro Tag gänzlich ungeeignet. Ist das Zufall? Ich glaube nicht - es drängt sich der Eindruck auf, dass der Kunde zur Nutzung des kostenpflichtigen MMS-Dienstes gedrängt werden soll. Note: Drei (minus). UMTS-Verbindung: Während der Kollege Patalong im fernen Siegburg schon mal eine Anhöhe erklimmen muss, bevor er eine MMS senden kann, funktioniert das breitbandige Mobilnetz in Hamburg grosso modo ordentlich. Dennoch sind selbst in der Innenstadt jähe Verbindungsabbrüche keine Seltenheit. Ende vergangene Woche ist es mir erstmals gelungen, mit einem Leser aus Wien ein kurzes Videogespräch zu führen - er ruckelte auf dem Display zwar wie ein CNN-Kriegsreporter, aber zumindest riss die Verbindung nicht ab. Der Versand größerer Dateien nervt mitunter, denn er funktioniert zwar reibungslos, geschieht aber nicht im Hintergrund - minutenlang gaffe ich dann die Versandanzeige im Display an. Note: Zwei (minus) Inhalte: Schnelle Handy-Verbindungen sind großartig - wenn es etwas gibt, dass man sich anschauen kann. Das V800 hat keinen vernünftigen Browser - Surfen im Internet ist damit de facto unmöglich. Stattdessen musste ich mit den sehr bescheidenen Vodafone Live!-Seiten vorlieb nehmen. Ich verbringe täglich mehrere Stunden im Netz und kenne Dutzende von Content-Angeboten. Deshalb erlaube ich mir ein hartes Urteil: Das Portal ist mies. Es besteht vorwiegend aus muffigen Cartoons, 35 Jahre alten Erotikbildchen, schweinischen Klingeltönen, schimmeligen, unscharfen Videoclips und unredigierten Agenturmeldungen. Die Benutzerführung ist unübersichtlich, tote Links und Sackgassen sind Gang und Gäbe. Geld kann man dafür ohne rot zu werden eigentlich nicht verlangen. Note: Fünf (minus). Tarifstruktur: Was hätte mich der Spaß unter normalen Umständen gekostet? Schwer zu sagen. Das Live!-Portal ist ohne Aufpreis nutzbar - allerdings kostet fast jedes Angebot Geld, ab 39 Cent aufwärts. Die meistens Dienste kommen in Form von Abos daher. Relativ sorglos habe ich Wirtschafts- und Topnews sowie einen täglichen Garfield-Cartoon als MMS abonniert. Ferner besitze ich Zugänge zu den Live!-Angeboten von Langenscheidt, dpa, AFP, FAZ.net sowie dem FastFoodFinder. Das alles summiert sich auf die monatliche Summe von 15,93 Euro. Telefoniert habe ich da noch nicht. Ein beachtlicher Betrag, zumal kaum einer der genannten Dienste sein Geld wert ist. Und selbst wenn: Im Internet (wo ich nicht hin darf) gibt es das alles umsonst. Wie viel mich der Versand von E-Mails und MMS gekostet hat, vermag ich nicht zu sagen. Auf der Vodafone-Webseite gibt es zum Thema MMS-Modalitäten ein sechsseitiges PDF mit mehreren Tabellen, das mich jedoch noch mehr verwirrt. Note: Vier (minus) Fazit: Dass Surfen oder Fotoversand auf dem Handy jetzt schneller ablaufen ist erfreulich. Aber wenn schon UMTS, dann bitte mit richtigem Internetzugang und einem vernüftigen Mailprogramm, denn das sind die wahren Killerapplikationen. Wenn die Installation dieser Software ein Platzproblem darstellen sollte: Einfach das Live!-Portal ersatzlos löschen, niemand wird es vermissen. Außerdem hätte ich gerne - wie bei DSL auf dem Computer - einen Pauschaltarif, so dass ich mir keine Gedanken darüber machen muss, was Datenabruf und - versand kosten. Sobald es ein UMTS-Handy gibt, das diese Voraussetzungen erfüllt und nicht allzu klobig ist, denke ich noch einmal drüber nach. Vorerst bleibe ich bei meinem alten GPRS-Gerät. Übersicht Noten Gerät: 2 Benutzerführung: 3- Verbindungsqualität: 2- Inhalte: 5- Tarifstruktur: 4- Thomas Hillenbrand |
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So lala sagt der Handy-Skeptiker
Ist es denkbar, dass UMTS-Strahlung zu Gehirnwäschen führt? Wie sonst soll ich mir erklären, dass ich am Ende des UMTS-Tests das Gerät nur ungern wieder abgebe, obwohl so vieles nicht korrekt funktioniert? Mein Sohn findet es cool, meine Frau eher doof: Seit knapp fünf Tagen erklingt eine Toilettenspülung, wenn mein Handy klingelt. Klar ist das albern, reine Spielerei. Zum ersten Mal nutze ich ein Handy, das ich nicht als reines Werkzeug wahrnehme, sondern eben auch als Spielzeug. Um es also vorweg zu schicken: Ein gewisser Teil meiner anfänglichen Skepsis ist dahin. Das Gerät, ein SonyEricsson V800, ist ein schickes kleines Gerät, das viele Dinge kann, die Spaß machen. Es hat Daddelwert, eine durchaus fitte Kamera, man kann damit telefonieren, Musik herunterladen und einiges mehr. Alles Dinge, die ich bisher von meinem Handy nicht verlangt habe, nun aber durchaus zu schätzen weiß: Manchmal schafft ein Angebot sich eben seine Nachfrage. Unbedingt haben muss ich es aber immer noch nicht, und das liegt nicht an der Technik (die ohne Zweifel Potenzial besitzt), sondern am inhaltlichen Angebot. Was soll ich etwa von einer Suchfunktion im Musik-Downloaddienst halten, die mir als Antwort auf die Frage nach der belgischen Gruppe Scala in der Interpretensuche 48 Treffer anzeigt - und zwar von allen möglichen Opern, die in der Mailänder Scala oder sonst wo aufgenommen wurden? Die Titelsuche ist da zwar gründlicher, aber nicht weniger doof: "Schrei nach Liebe" bringt 237 Treffer, weil die Suchfunktion alle Songs auflistet, in denen auch nur eines der Suchwörter auftaucht - und natürlich etliche Lieder, in denen keines der Worte vorkommt. Die Flippers stehen da aus zunächst unerfindlichen Gründen mit ihrem "Bis zum Morgen dieser Nacht" recht weit oben. Warum, macht der direkt folgende Patrick Lindner mit "Bist Du auch allein heut nacht?" klar: "Nacht" enthält natürlich das Suchwort "nach". So abgrundtief dämlich war seit spätestens 1996 keine Web-Suchmaschine mehr. Zum Glück gibt's passend zum Handyangebot den Vodafone Live!-Musikdownload auch im Web, wo man dann herausfinden kann, warum man per UMTS-Handy nichts findet. Allerdings nur, wenn man den Internet Explorer nutzt, denn sonst funktioniert auch die Webseite nicht richtig: Jeder Versuch, sich einzuloggen, führt zu einer Seite, die mit "Hilfe" überschrieben ist und der eigentlich nur das passende Ausrufezeichen fehlt. Zum Haareraufen. Immerhin findet man hier heraus, dass der UMTS-Suchdienst "Schrei nach Liebe" auch gar nicht finden konnte: Das Lied ist nicht im Angebot. Wechselbäder So geht das die ganze Zeit: Zuckerbrot und Peitsche. Hat man einmal einen Song gefunden, den man wirklich haben will, läuft der Download schnell und zuverlässig. Nur muss man erst einmal fündig werden, respektive herausfinden, warum das nicht gelingt. An UMTS als Vertriebstechnik für Inhalte scheitert das nicht, es hat nichts damit zu tun. Wo es hakt, das ist zum einen die Qualität, zum anderen die Zusammenstellung und Präsentation der Inhalte. Immerhin: Wenn man im Heuhaufen der Inhalte fündig wird, läuft die Sache gut. Ratzfatz landen Spiele auf dem Handy, ruckzuck bauen sich Videostreams auf. Ist ja Klasse, dass ich den Idioten von JackAss beim Rodeln zusehen kann, aber wo bitte schön finde ich eine Stau-Vorhersage? Vergraben in den Tiefen des Angebotes, denn Vodafone Live! Präsentiert mir das Entertainment weit "oben", während sich der Nutzwert erst nach etlichen Klicks erschließt. Allein im News-Bereich wird man leichter fündig, und hier ist das Angebot zumindest befriedigend. Nach zwei Wochen des Herumstocherns wird mir nur klar, dass das inhaltliche Angebot mehr auf die Bedürfnisse meiner pubertierenden Kinder zugeschnitten ist als auf mich. Letztlich ist das kurzsichtig: Klar ist es so, dass es vor allem die ganz jungen Nutzer sind, die sich zuerst und begierig auf die neue Technik einlassen. Für das Gros der potenziell zahlungskräftigen Kunden aber stehe ich mit meinem regelmäßigen Einkommen, denn wer sonst soll sich die zum Teil noch immer viel zu hoch bepreisten Dienstleistungen leisten können? Durchwachsenes Fazit Kann man das dem Vodafone-Dienst vorwerfen? Die Redakteure dort können nur feilbieten, was sie haben, und das meiste kommt von Contentpartnern. Unter deren Angeboten findet man Anständiges, so einige Perlen und massenweise multimedialen Trash. Unter dem Strich steht der Eindruck, dass hier der Dienstanbieter noch nicht herausgefunden hat, was genau er eigentlich mit Hilfe der neuen Technik feilbieten soll. Da bleibt am Ende als echte UMTS-Dienstleistung, die mit GPRS nicht oder nur deutlich weniger gut umzusetzen wäre, die Erweiterung der Kommunikation um das Bild. Doch ein echtes Bildtelefonat wollte uns im Test nicht gelingen (Hillenbrand schaffte es einmal mit einem Partner in Österreich). Alles andere - MMS-Versand etwa - funktioniert auch ohne die hyperschnelle Verbindung. Die Anbindung eines Laptop ans UMTS-Handy aber, um dem Rechner Online-Flügel zu verleihen, verlangt vom User einige Kenntnisse: Auch das wäre doch aber eine Dienstleistung, die mich als UMTS-User erfreuen könnte. Mein Fazit also: Der bisher angebotene Dienst bedient meine Bedürfnisse oder Erwartungen nur recht lückenhaft. Auch wenn das mitunter Spaß macht, ist er unter dem Strich zu spielerisch, zu wenig nutzorientiert. Hier würde es schon helfen, wenn der Dienstanbieter verschiedene Profile anbieten würde: Kommunikations- und Informationsorientierte Nutzer versus verspielte Multimedia-Häppchen-Liebhaber zum Beispiel. Bisher bedient der getestete Dienst vor allem die zweite Zielgruppe. Zwingende Argumente für UMTS ergeben sich daraus für mich leider nicht. Frank Patalong |