Umweltfreundliche Computer: Zukunft oder Wirklichkeit? - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Umweltfreundliche Computer Zukunft oder Wirklichkeit?

Der IT-Boom hat eine Schattenseite. Über 100.000 Tonnen Elektroschrott drohen, den Traum von der digitalen Gesellschaft zum Alptraum werden zu lassen. Vorhandene Möglichkeiten, Ressourcen zu schonen, werden kaum genutzt.
Von Niels Gründel
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die IT-Branche boomt, verbucht astronomische Zuwachsraten - und analog dazu ihr Schrottaufkommen. Derzeit fallen jährlich etwa 110.000 Tonnen Computer, Monitore, Tastaturen, Scanner und Drucker an. Als besonders gefährlich erweisen sich Bauteile, aus denen Schadstoffe wie PCB, Quecksilber, Kadmium oder halogenierte Flammschutzmittel in die Umwelt entweichen.

Hartmut Stiller, Projektleiter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie , schätzt den Ressourcenverbrauch über die Lebensdauer eines einzigen modernen Personalcomputer auf 1 bis 3 Tonnen natürliche Materialien. "Genauere Zahlen scheitern nicht zuletzt an den komplexen Produktionsketten für einen Computer und der zum Teil auch damit zusammenhängenden geringen Bereitschaft der Hersteller, die bei der Produktion eingesetzten Materialen und stofflichen Aufwendungen offen zu legen. Klar ist aber, dass die Reinraumbedingungen bei der Chip-Herstellung und das Zusammenfügen der elektronischen Bauelemente sehr viel Energie benötigen", so Hartmut Stiller weiter.

Der Wert für den Ressourcenverbrauch setzt sich zusammen aus dem Verbrauch für Rohstoffabbau und -transport, der Herstellung der Vorprodukte und der einzelnen Bauteile sowie schließlich des Gesamtgerätes. Eingerechnet sind auch der Betrieb und die Entsorgung des Computers.

"Ziel muss es sein, den Natur-Verbrauch drastisch zu senken", fordert Friedrich Schmidt-Bleek, Präsident des internationalen Factor 10 Instituts (Frankreich), "dabei können wir das, was hinten aus einer Wirtschaft an Schadstoffen rauskommt, steuern, indem wir möglichst wenig Ressourcen hineingeben und neue Techniken erfinden, die weniger Rohstoffe verbrauchen. Das ist eine einfache Antwort auf ein komplexes Problem."

Im Bereich der IT-Branche erweist sich der Fortschritt zu weniger Ressourcen-Verbrauch insoweit als besonders schwierig, da alle Verbesserungen von den rasanten Leistungssteigerungen der Hardware aufgefressen werden. Immerhin konnte der hohe Energieverbrauch der Geräte, die morgens eingeschaltet, aber während des Tages nicht kontinuierlich benutzt werden, in den letzten Jahren deutlich reduziert werden.

Senkung des Energieverbrauches

Begonnen hatte die US-amerikanische Umweltbehörde Environmental Protection Agency , kurz EPA, mit Einführung des "Energy Star" Mitte der neunziger Jahre. Auf Anordnung der US-Regierung durften die Bundesbehörden nur noch Geräte mit dem Stern beschaffen. Ziel war es, Energie und damit bares Geld zu sparen: Eine 30-Watt-Grenze für den Stromverbrauch im Stand-by-Modus durfte nicht überschritten werden.

Schon nach kurzer Zeit hatte fast jeder Personalcomputer den so begehrten "Energy Star", auch in Europa. Doch vielfach werden die vorhandenen Möglichkeiten zur Energieeinsparung bis heute tatsächlich nicht genutzt: So genannte "Bildschirmschoner" werden anstelle des Stromsparmodus eingesetzt, um die Anwender zu erheitern. In anderen Fällen wird die Energiesparfunktion bei der Auslieferung des neuen Rechners gar nicht aktiviert, oft aus Unkenntnis der Händler oder aus Angst vor Problemen mit lästigen Anrufern, denen erklärt werden muss, warum der Bildschirm plötzlich schwarz wird.

Was sich im stationären Bereich nicht durchgesetzt hat, ist im portablen Sektor selbstverständlich. Notebooks verbrauchen aufgrund des gänzlich anderen Energiemanagements sehr viel weniger Energie, obwohl sie oftmals ebenso leistungsfähig sind wie die Energie fressenden Tischmodelle. Von Anfang an verfügten die Notebooks über Vorrichtungen zum extremen Sparen: So besitzen sie zum Beispiel einen Schlafmodus, der sogar auf Energiesparen schaltet, sobald er keinen Tastendruck oder keine Mausbewegung registriert.

Der Chip-Hersteller AMD  hat überdies gerade einen neuen Mobil-Prozessor mit der Stromspartechnik "PowerNow!" vorgestellt, der mit einer Kernspannung von nur noch 2 Volt auskommt und damit nochmals wesentlich weniger Energie als sein Vorgänger verbraucht.

In der Schweiz ist man dem US-amerikanischen Beispiel beim Bundesamt für Energie mit dem Energielabel  schon kurze Zeit später gefolgt. Inzwischen kommt das Schweizer Label europaweit zur Anwendung, in Deutschland unter dem Namen "Gemeinschaft Energielabel Deutschland" beziehungsweise "Impuls-Programm Hessen ". Verliehen wird es an Geräte, die einen möglichst geringen Stromverbrauch im Stand-by-Modus aufweisen, bei Flachbildschirmen sind das weniger als 3 Watt.

Deutlich problematischer als die Energieeinsparung beim Betrieb der Geräte erweist sich die umweltbewusste Herstellung und Entsorgung. Zum einen lässt sich die Lebensdauer der Geräte erhöhen und zum anderen vermindert eine recyclinggerechte Konstruktion der Computer das Abfallaufkommen. Den Herstellern wird beim Umweltzeichen "RAL-UZ 78" des Umweltbundesamtes  eine gesicherte Ersatzteilversorgung von 5 Jahren ab Produktionseinstellung sowie eine verlängerte Gewährleistungsgarantie von 3 Jahren für das Gerät abverlangt. Zudem muss es über einen modularen Aufbau verfügen, das heißt ganze Funktionsgruppen werden als einzelne Baugruppen angeordnet, so dass im Bedarfsfall eine Erweiterung des Systems und ein problemloser Tausch defekter Teile erfolgen kann. Bisher haben diese strengen Voraussetzungen aber nur wenige Hersteller erfüllen können.