Video-Downloads: Google enttäuscht die Gemeinde - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Video-Downloads Google enttäuscht die Gemeinde

Der Start von Googles Video-Downloaddienst wird von der US-Fachpresse mit Häme verfolgt - man findet das Angebot dürftig. Hierzulande ist es noch nicht verfügbar. Konkurrent AOL kündigte derweil an, man werde eine auf Video-Suche im Netz spezialisierte Firma kaufen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn man Googles frisch aus der Betaphase entlassenen Video-Downloadladen  aufruft, sieht man ein paar Vorschaufenster, die offenbar aus einem Pool bei jedem Aufruf zufällig zusammengestellt werden. Beim ersten Test von SPIEGEL ONLINE erschien in der obersten Reihe eine Folge von "Star Trek - Deep Space Nine" aus dem Jahr 1993 für 1,99 Dollar, ein Basketballspiel vom 4. Januar für 3,95 Euro, ein Geschichtsrückblick für den 22. Februar für 50 Cent und eine Folge aus der Zeichentrickreihe "Adventures of the Lollipop Dragon" für 2,49 Dollar.

In der zweiten und dritten Zeile bieten die Kategorien "Popular" und "Random" Perlen wie das Musikvideo eines Wrestlers und einen TV-Beitrag über "Wirtschaftliche Entwicklung im Jefferson County".

"Die Webseite hält sich an die Google-Philosophie 'weniger-ist-mehr', es fehlen aber schicke Designelemente, die die Anwesenheit von sexy Inhalten, sagen wir mal, von Filmen, signalisieren würden", ätzt die Technologie-Nachrichtenseite Cnet.com. Die Tech-Seite Arstechnica notiert, dass ganze neun Musikvideos im Angebot sind und fragt: "Wenn man nur neun Videos von neun Künstlern zum Start zur Verfügung hat, warum macht man sich dann überhaupt die Mühe? Und populäre Fernsehserien von CBS im Angebot zu haben ist toll, aber warum nur jeweils eine oder zwei Folgen?"

Inzwischen sind es immerhin zehn Musikvideos. Zu den angebotenen Serien gehören zum Beispiel McGyver (fünf Folgen) CSI (eine Folge) und die 40 Jahre "Twilight Zone" (fünf Folgen). Die Neugierigen, die kurz nach dem Start auf die Seite surfen, wird man mit solchen Angeboten kaum zum Kauf animieren können.

Schon kurz nach der Ankündigung des Dienstes bei der Consumer Electronics Show in Las Vegas war Kritik an Googles eigenem Kopierschutz-System laut geworden. Die "Business Week" kritisierte schon vergangene Woche: "Indem das Unternehmen sich auf proprietäre Kopierschutz-Technologie stützt, droht Google die Frustration zu verstärken, die Verbraucher erleben, wenn sie Songs online, zum Beispiel bei iTunes, kaufen, um dann festzustellen, dass diese nicht auf inkompatiblen Geräten abgespielt werden können."

Deutsche Nutzer braucht all das allerdings momentan ohnehin nicht zu sorgen - wer von hier aus versucht, bei Googles Dienst ein Video herunterzuladen, bekommt nur eine höfliche Entschuldigung zu lesen. Stefan Keuchel von Google Deutschland erklärt auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE: "Ungeklärte Copyrightfragen haben verhindert, dass wir den Dienst jetzt schon in Deutschland anbieten können." Man hoffe aber, diese Fragen in nächster Zeit klären zu können. Vielleicht ist ja bis dahin auch das Angebot noch ein bisschen gewachsen.

Googles Konkurrent AOL hat unterdessen mit einem Unternehmenskauf die Absicht untermauert, auch im Videogeschäft des zukünftigen Internet mitmischen zu wollen. Die Technologie der Firma Truveo wird "Visual Crawling" genannt und soll permanent das Web durchsuchen, um einen großen Index mit qualitativ hochwertigen, frei verfügbaren Online-Videos zusammenzustellen. Nach AOLs Angaben soll die Technologie auch Videos finden, die sonst in dynamischen Webseiten verborgen blieben und von anderen Suchdiensten nicht gefunden werden könnten. Ständige Updates sollen für Aktualität sorgen.

Beobachter werten den Ankauf als weitere Betonung von kostenlosen Inhalten in AOLs Angebot. AOL hat zwar kürzlich mit Google eine Kooperation beschlossen, die auch Video-Angebote betrifft. Nun aber könnten die kostenlos über Truveo gefundenen Netz-Filme Googles kostenpflichtigem und Copyright-geplagtem Sortiment Konkurrenz machen - solange sich an dessen Qualität nichts ändert.

Christian Stöcker