Virtuelle Einkaufswelten: Bummeln zwischen Bits und Bytes - DER SPIEGEL
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Virtuelle Einkaufswelten Bummeln zwischen Bits und Bytes

Mehr Totenstadt als schöne neue Welt: Shopping in dreidimensionalen Einkaufsparadiesen macht noch keinen Spaß. Doch das soll sich schon bald ändern.
Von Jens Uehlecke und Jürgen Hoffmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nach Feierabend ein kurzer Einkaufstrip nach New York - wer würde da schon nein sagen? Oder nach Paris: Über die Champs Elysees streifen, die eine oder andere Designer-Jacke anprobieren, das neueste Handy-Modell bestaunen. Dann vielleicht noch eine kurze Stippvisite in den Louvre. Und schließlich mit einer Flasche leckerem Roten und einem frischen Baguette ab nach Hause.

In der Realität ist das für die meisten ein Traum. Virtuell ist es schon längst Realität. In den ersten dreidimensionalen Einkaufswelten des World Wide Web können die User bereits an Schaufenstern aus Bits und Bytes vorbeibummeln, Neuheiten bestaunen oder den digitalen Warenkorb mit Lebensmitteln für die nächste Woche vollstopfen. Ein kleines Chat-Fenster macht das größte Einkaufszentrum der Welt interaktiv: Online-Verkäufer erklären rund um die Uhr die Vorzüge von Handys, Mikrowellen und Spülmaschinen und antworten geduldig auf alle Fragen ihrer Kunden.

Eine dieser Welten findet sich auf der Web-Site des französischen Fernsehsenders Canal+. "Le deuxième monde ", zu deutsch "Die zweite Welt", bildet Pariser Ladenstraßen und Sehenswürdigkeiten im Netz der Netze ab. So können Wanderer zwischen den Welten nicht nur beim Mobilfunk-Anbieter SFR Handys und bei Kodak Fotoapparate bewundern, sondern auch einen Abstecher in den Cyber-Louvre oder die virtuellen Prachtgärten von Paris machen.

Das Online-Vergnügen von Canal+ wird möglich durch eine Software der Münchner Firma Blaxxun Interactive . In die 3D-Welt eintauchen kann allerdings nur, wer sich ein knapp vier Megabyte großes Zusatzmodul für seinen Internet-Browser aus dem Netz lädt und sich auf den Einstiegsseiten registrieren lässt. Erst dann kann er sich über eine Navigationsleiste durch die Ladenlokale klicken.

In der Praxis enttäuscht "Le deuxième monde" allerdings: Internet-Surfer, die bei SFR stöbern möchten, warten zunächst zehn Minuten, bis alle notwendigen Daten via Modem auf den eigenen Rechner übertragen sind. Dann suchen sie im Geschäft vergeblich nach Handys oder einer kompetenten Bedienung. Nicht einmal ein anderer Kunde scheint sich zu SFR verirrt zu haben.

Eine Totenstadt. Und so kehren viele Datenreisende frustriert in die wirkliche Welt zurück - nicht zuletzt, weil jede Bewegung in der 3D-Umgebung ziemlich ruckelt. Aus der Traum vom abendlichen Einkauf in Paris!

Das Problem der Blaxxun-Technik ist die geringe Geschwindigkeit, mit der die meisten Surfer im Netz unterwegs sind. "Erst wenn die Kunden mit höheren Bandbreiten ans Internet angebunden sind, wird es fließende Welten in Fotoqualität geben", sagt Christiane von Stein, Pressesprecherin bei Blaxxun.

Das mit den Bandbreiten kann allerdings noch Jahre dauern. Trotzdem sind virtuelle Welten keine Zukunftsmusik: Der Hamburger Internet-Provider Nikoma  entwickelt eine der ersten deutschen Online-Communities, in der Besucher auch einkaufen können. Die Beta-Phase ist für 2001 geplant.

Der große Unterschied zu den Blaxxun-Seiten: Wer in der webbasierten Nikoma-Stadt shoppen möchte, bekommt vorher eine umfangreiche Zugangssoftware, in der alle wichtigen Grafiken und Umgebungsgeräusche enthalten sind. Das spart Ladezeit, weil ähnlich wie bei dreidimensionalen Online-Spielen nur Steuerinformationen übertragen werden müssen.

"Erst dann wird Virtual Shopping zu einem richtigen Erlebnis", sagt Tillman Zschucke, Director Business Development bei Nikoma. "Die Besucher können sich ganz spontan in einer Welt bewegen, in der Vögel zwitschern und Wind weht."

Die Entwickler bei Nikoma träumen noch von weit mehr als einer funktionierenden Gemeinde. Weil die Hamburger bereits Telefongespräche über ihre Netze vermitteln, liegt es für sie nahe, ihre zukünftige Online-Welt mit der Sprachkommunikation zu verschmelzen. Dank "Voice over IP", der Übertragung von Sprache mit Hilfe von Internet-Technik, können Bewohner der Nikoma-Stadt nicht nur miteinander, sondern auch mit der realen Welt kommunizieren.

An den Straßenkreuzungen sollen sogar funktionierende Telefonzellen stehen, die die Brücke zwischen virtueller und wirklicher Welt schlagen. "Vor allem diese kleinen, sinnvollen Gimmicks werden unsere Netz-Gesellschaft lebensecht machen", meint Zschucke.

Außer den normalen Bewohnern sollen Avatare - elektronische Lebensformen mit künstlicher Intelligenz - auf den Straßen unterwegs sein. Sie werden zur Arbeit gehen, in den Pubs Bier trinken, Handys verkaufen und Witze machen, kurz: ihr unechtes Leben leben.

Und die digitalen Kreaturen bleiben nicht stumm: Will sich ein Einwohner aus Fleisch und Blut mit seinem elektronischen Nachbarn unterhalten, verbindet die Nikoma-Welt automatisch mit einem Call Center. Der Mitarbeiter dort schlüpft in die Rolle des Avatars, so dass sich beide wie im richtigen Leben unterhalten können - die perfekte Illusion. Schöne neue Welt?