Virtuelle Wettkampfarenen Schach! - nicht matt
Das Spiel der Könige hat den Kneipensaal hinter sich gelassen. Längst internationalisiert sich das Spiel, längst hat es sich von den Fesseln des Ortes befreit. Selbst MSN betreibt in seiner Gaming Zone einen Schachserver, auf dem sich Hunderte von Schachspielern treffen, um gemeinsam Schnellpartien auszutragen. Andere Verbände widmen sich dem Korrespondenzschach per E-Mail und tragen Jahre dauernde Meisterschaften aus, in denen die Züge per E-Mail versendet werden.
Ex-Weltmeister Garri Kasparow ist Begründer, Namensgeber und Rektor der "Kasparow Chess University" (KCU). Vorbild der KCU sind die russischen Schachschulen, die viele Großmeister, unter ihnen Botwinnik, Tal, Karpow oder Kasparow den Weg zum Erfolg auf 64 Feldern geebnet haben. Nun macht der Schachserver der KCU Didaktik und Training schachlichen Wissens auch für Nichtrussen via Internet zugänglich.
E-Business: Schach-Tutorien gegen Zahlung
Gegen Einschreibegebühren bis zu 129 Dollar für ein volles Schachsemester können sich Lernende aller Spielklassen von den (groß-)meisterlichen Dozenten der KCU gegen Schwächen im Strategiespiel, fehlende Opferbereitschaft oder mangelnde Endspielbeherrschung impfen lassen. Die KCU-Workshops werden von erfahrenen Großmeistern in virtuellen Räumen abgehalten.
Sichtlich verändert die multimediale Präsentation von schachlichen Übungen das Erlernen von Eröffnungswissen, Strategie, Taktik und Endspiel, mit dem sich jeder ambitionierte Schachspieler in der Freizeit oder beruflich herumplagt. Holzfiguren und Brett sind passé, denn die kunstvoll-ausgedachten Züge von Beispiel gebenden Schachpartien werden auf einem interaktiven 2D-Brett vom dozierenden Großmeister analysiert und mit Abspielvarianten angereichert. Die eingespielten Dozentenkommentare geben einen oft besseren Eindruck von der Beurteilung einer Partiestellung und ihrer möglichen Abspielvarianten, als es ein Lehrbuch kann.
Playchess.com: Exklusivzugang für Käufer
Der Name Fritz 7 steht nicht nur für die exzellent spielende Schachsoftware, sondern für den virtuellen Schachserver Playchess.com, in den man sich nur über die Software einwählen kann. "Der Zugang zum Playchess-Server ist kostenlos und bleibt den Inhabern einer Fritz-7-Lizenz vorbehalten", erläutert Rainer Woisin, Marketing-Direktor des Hamburger Chessbase-Verlags.
Die Idee zu Playchess.com ist schnell erklärt. In mehreren virtuellen Räumen treffen sich Schachspieler vieler Nationen und tragen per Internet Schachpartien aus. Spielzüge und Brettstellungen lassen sich auf dem Bildschirm mitverfolgen, und in Chat-Rooms können Spielverläufe untereinander diskutiert werden.
Bereits in Fritzens Betaphase verbuchte Playchess.com regen Zulauf. An einem Sonntagmittag wirbelte ein meisterlicher Spieler in dem virtuellen Schachklub und setzte jeden Matt, der ihn zu einer Partie bat. Sein Aliasname Bobby legte den Schluss nahe, dass kein geringerer als das einstige Enfant terrible der internationalen Schachszene Bobby Fischer der Erprobungsstufe von Playchess einen spektakulären Besuch abgestattet hat.
Online attraktiver als "Offline"?
Die Anziehungskraft virtueller Schachräume fällt sofort ins Auge. Dort hat jeder Schachspieler gute Aussichten, auf gleichwertige Spieler fremder Nationen zu treffen und mit ihnen Partien auszutragen, zu denen es im Vereinsleben niemals gekommen wäre.
Umso besser, wenn sich im virtuellen Schachclub eine Spielofferte gegen Meister der Schachspielzunft ergibt. Mit einigem Stirnrunzeln sieht die Chessbase-Crew der unerlaubten parallelen Nutzung von Fritz als Berater von online gespielten Schachpartien entgegen. Um Teilnehmer davon abzuhalten, sich durch Nutzung des schachlichen Rechenhirns Fritz eine höhere Spielstärke zu erschleichen, erwirbt jeder Spieler zu Beginn eine internationale verbindliche Wertungszahl (ELO-Zahl). Wenn ein Spieler mit niedriger Wertungszahl in relativ kurzer Zeit deutlich an ELO-Punkten zulegt, dann liegt der Schluss nahe, dass Assistent Fritz am Werke ist. Zudem werden die Partien von spielerfahrenen Scouts beobachtet, die anhand der Spielzüge beurteilen, ob Fritz oder der Spieler für außergewöhnliche Züge verantwortlich ist.
Auch der Deutsche Schachbund unterstützt schachliche Internetprojekte, um besonders die junge Schachspielergeneration anzusprechen, die das Vereinsleben eher meidet. Dabei könnte die deutsche Standesvereinigung der Vereinsspieler sich selber das Wasser abgraben, weil die vielfältigen Optionen zum kreativen Schachspielen und Lernen via Internet viel attraktiver sind als eine verwinkelte Karriere im heimatlichen Schachverein. Zudem lässt sich in der modernen Wissensgesellschaft analytisches Denken und Urteilsfähigkeit an vielen Orten leichter erlernen als im ausdauernden Tunnelblick auf die 64 Felder, die nur einer handverlesenen Weltelite Zugang zu Ruhm und Reichtum versprechen.