Virtueller Supercomputer: Rechnen gegen den Rinderwahn - DER SPIEGEL
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Virtueller Supercomputer Rechnen gegen den Rinderwahn

Wissenschaftler wollen Millionen PC-Besitzer dazu bewegen, ihre Rechner zum leistungsstärksten Supercomputer der Welt zusammenzuschließen. Das gigantische Netzwerk soll bei der Erforschung von Krankheiten wie Krebs oder BSE helfen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frankfurt am Main - Internetnutzer auf der ganzen Welt haben sich bereits vernetzt, um bei der Suche nach außerirdischem Leben zu helfen oder um bei Napster oder Gnutella Musikdateien auszutauschen. Mit Hilfe der Industrie wollen Wissenschaftler dieses Peer-to-Peer (P2P) genannte Verfahren nun einem gemeinnützigen Zweck zuführen: Das in dieser Woche gestartete "Philanthropic Peer-to-Peer Program"  soll der Medizin zugute kommen. Als erste Anwendung wird die ungenutzte Prozessorleistung der Teilnehmer zur Analyse von Eiweißmolekülen eingesetzt, um die Ursachen der Leukämie zu erforschen.

"Es gibt so viele Leute, deren PC eingeschaltet ist, ohne dauernd im Einsatz zu sein", heißt es in Kreisen des Chipherstellers Intel, der das Vorhaben finanziell und mit seinem technischen Know-how unterstützt. "Mit solchen Projekten können diese massiv ungenutzten Ressourcen sehr sinnvoll verwendet werden." Das bislang bekannteste Beispiel für ein solches "Distributed Computing", das auf mehrere Computer verteilte Rechnen, ist das Seti@home-Projekt . Für die Suche nach außerirdischer Intelligenz stellen mehr als zwei Millionen Menschen in aller Welt ihre Computer zur Verfügung. In Nutzungspausen werden von Radiotelekopen gewonnene Daten ausgewertet und anschließend an die Seti-Forscher zurückgesendet.

Für das Leukämie-Projekt sollen 250 Millionen Moleküle analysiert werden. Mit den zur Verfügung stehenden Rechenzentren würde diese Auswertung den Betreibern zufolge etwa drei bis fünf Jahre dauern. Mit Hilfe des P2P-Projekts erhofft man sich eine Verkürzung auf zwei Jahre. Unterstützt wird das Vorhaben neben Intel unter anderem auch von dem Unternehmen United Devices, der Nationalen Krebsforschungsstiftung der USA und der Universität Oxford.

Virtueller Supercomputer mit 50 Teraflops

"Wir hoffen, bis Ende des Jahres sechs Millionen Computernutzer dafür gewinnen zu können", heißt es bei Intel. Damit stünde eine Leistung von 50 Teraflops, also 50 Billionen Rechenoperationen pro Sekunde, zur Verfügung - nach Angaben des Chipherstellers wäre das Netzwerk damit der leistungsstärkste Supercomputer der Welt. Zum Vergleich: Der derzeit leistungsfähigste Intel-Chip, ein Pentium IV mit 1,5 Gigahertz, schafft etwa 4,5 Gigaflops, das sind 4,5 Milliarden Berechnungen in der Sekunde.

Die Teilnehmer laden aus dem Internet ein kleines Programm herunter, das im Hintergrund auf ihrem Computer läuft und überwacht, ob ungenutzte Ressourcen wie Prozessorleistung, Arbeitsspeicher und Festplattenkapazität zur Verfügung stehen. Ist dies der Fall, werden Pakete, die jeweils Daten über 100 Moleküle enthalten, über das Internet auf den Teilnehmer-PC geschickt und dort analysiert. Die Ergebnisse gelangen dann auf dem gleichen Weg wieder zurück.

Das "Distributed Computing" ist neben dem Datenaustausch in Netzen wie Napster oder Gnutella eine der viel versprechendsten P2P-Techniken. Bei Intel wird sie etwa in der Entwicklung von Prozessoren und Platinen eingesetzt - hierfür sind über die Forschungslabors des Unternehmens in Arizona rund 10.000 Computer zusammengeschlossen, die jeden Monat 2,7 Millionen Arbeitsvorgänge abwickeln können. Dadurch hat Intel nach eigenen Angaben in einem Jahr Kosten von 500 Millionen Dollar eingespart.

An dem Leukämie-Projekt sind auch Forschungsinstitute aus Italien, Spanien und Portugal beteiligt. Intel will auch mit deutschen Instituten in Kontakt treten, um sie für neue Aufgabenstellungen zu gewinnen. Die nächsten Vorhaben für das "Philanthropische Peer-to-Peer" sind schon in Planung - hierbei soll es etwa um die Erforschung von Prostatakrebs, der Parkinson-Krankheit oder der Rinderseuche BSE gehen.

Von Peter Zschunke, AP