Visitenkarten: Fünf Wege ums Abtippen herum - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Visitenkarten Fünf Wege ums Abtippen herum

Stapelweise staubige Karten auf dem Schreibtisch? Wüst zerknüllte Pappe in der Sakkotasche? Visitenkarten sind ein Anachronismus der Informationsgesellschaft - und gleichzeitig nicht totzukriegen. Unser Apparatschik will wenigstens das leidige Abtippen umgehen.
Von Stefan Schmitt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie sehr wir noch Jäger und Sammler sind, zeigt sich in unserer Fixierung auf Trophäen. Und seien es nur bunt bedruckte Papierkärtchen. Nicht überzeugt? Das ist nur die letzte von rund drei Dutzend Hypothesen, die ich vor lauter Grübelei über die Frage aufgestellt habe, warum wir eigentlich noch Visitenkarten benutzen. Ich meine papierne Visitenkarten, die allgegenwärtigen Ärgernisse.

Visitenkarten von Interviewpartnern, Pressesprechern, interessanten Zufallsbekanntschaften auf Partys, von fremden Menschen, die einem die Dinger halt in die Hand drücken. Ähnlich wie Skelettteile, Fell- und Lederfetzen erlegter prähistorischer Tiere mag auch so eine Hand voll Visitenkarten einen gewissen zufriedenen Stolz hervorrufen, wenn man dieselben frisch in Höhle oder Haus gebracht hat: Der Tag hat sich wieder gelohnt.

Bei mir wird es ab da jedoch schreibtischarchäologisch. Aus den Stapeln werden verstreute Schichten von Kartonkärtchen im DIN C8-Format. Staub legt sich wie eine Sedimentschicht darüber, bis die nächsten Karten kommen, dann wieder Staub, dann wieder... - nur vor dem Abtippen scheue ich mich.

Ist das keine Riesenidiotie? Da verfügt unsere Zivilisation über Kernspintomografen, Rasterkraftmikroskope, Erdbeobachtungssatelliten und Unmengen billiger USB-Webcams für fragwürdige Spielereien vor dem PC-Bildschirm. Wir fangen also wirklich jeden Informationsgehalt der Welt auf und digitalisieren ihn. Außer Adressen, Geschäftstiteln, Durchwahlen und Faxnummern. Die überreichen wir einander auf Papier - wo sie heillos analog herumliegen, Staub fangen, Arbeit machen.

Denn vom Einsortieren in ein Rolodesk über die händische Abschrift in ein schwarzes Büchlein bis - und das dürfte heute wohl vorherrschen - zum mühsamen Abtippen in eine Adressdatenbank, auf Neudeutsch Personal Information Manager (PIM): Analoge Visitenkarten machen Arbeit, immer.

Kontakte per Bluetooth? Die Techies winken ab

Hätten wir gerade erst den Druck mit beweglichen Lettern erfunden, könnten wir uns gut rausreden: Geht halt nicht anders. Ginge aber doch, in der Digitalwelt. Schon im April 1996, vor über zehn Jahren, wurde das elektronische Vcard-Format standardisiert. Seit den späten Neunzigern können Handys Kontaktdaten per Infrarot übertragen. Heute wird kaum noch ein neues Mobiltelefon ohne Bluetooth gebaut - damit könnte man ganze Adressbücher tauschen.

Macht aber keiner. Ich habe es ausprobiert. "Meine Visitenkarten sind nicht rechtzeitig aus der Druckerei gekommen", sagte ich, und das war nicht einmal gelogen. "Aber ich kann Ihnen meine Kontakte gerne digital per Bluetooth überreichen." Das klang gestelzt, aber ich konnte mir keinen besseren Ort als die CeBIT dafür vorstellen. Doch wie reagierten die Hightech-Menschen auf der Zukunftsspielzeugmesse? Kein einziger wollte Digitales - kleine Papierkärtchen hingegen bekam ich in größerer Stückzahl zugesteckt.

In einer idealen Welt würden die Dinger abgeschafft: Die Menschen funkten sich per Handy ihre Kontakte zu, hängten zusätzlich zur Signatur eine kleine Vcard-Datei an jede E-Mail oder hinterlegten ihre Adressdaten bei einem Kontakt-Aktualisierungs-Dienst im Internet. Wie gesagt, in einer idealen Welt - einer ohne analog-digitale Anachronismen.

Wenigstens nicht mehr abtippen müssen

Doch auch ohne den gänzlichen Verzicht auf die papiernen Trophäenkärtchen lässt sich die analoge Lücke schließen: Zweidimensionale Barcodes, sogenannte Semacodes, passen als Aufkleber auf den Rücken jedes Standardkärtchens. Für viele Smartphones gibt es die Software Semapedia-Reader. Wer den 2D-Code fotografiert, dessen Handy entschlüsselt den darin verborgenen Text: Das können Kontaktdaten sein oder gleich eine URL zu der Seite, auf der ich meine Vcard-Datei hinterlege. Klingt selbstgebastelt, funktioniert aber.

Das alles gibt es schon lange (siehe Kasten). Es hat nur bislang nichts am Kärtchen-Ärgernis ändern können.

Es scheint, als verteilten und sammelten die Menschen zu gerne Analoges. Solange das Kollektiv also auf Karton setzt, werde ich dagegen anscannen.

Schon lange habe ich einen Miniscanner zuhause: Durch den passt gerade so eine DIN C8-Karte. Eine Texterkennung voller typischer Kartenlayouts übersetzt und interpretiert die meisten Einträge korrekt. Ein Klick und der Datensatz wird in MS Outlook, Lotus Notes oder Apple Mail eingefügt. Das ist schon viel praktischer als Abtippen - aber immer noch ein Anachronismus.

Mehr lesen über