Voice over IP Telefon zum Nulltarif
Im Dezember 1997 überschrieb Ingo Paszkowksy einen Artikel im "Handelsblatt" mit der Zeile "Übertragungsqualität noch zu schlecht" - und nahm damit den Ruf vorweg, den das Telefonieren über das Internet seitdem nicht los wird: Seit dem Sommer 1996 wird die Internet-Telefonie als steter Hoffnungsträger gehandelt, dessen Zeit eben noch nicht ganz da sei.
Zugegeben: Im Geschäftsleben ist "Voice over IP", kurz VoIP, längst Teil des Alltags - und die Gesprächsqualität absolut hinreichend, wenn das Kabel dick genug ist. Großfirmen telefonieren intern über ihre Netzwerke, und extern zumindest mit ihren Dependancen.
Am Heimrechner hat sich die wohl günstigste Form der Telefonie hingegen nie durchsetzen können. Deutsche Versuche mit der Technik scheiterten Ende des letzten Jahrhunderts nicht nur an deren Tücken (Rauschen, Gesprächsunterbrechungen, "Rap"-Effekte), sondern auch an überzogenen Erwartungen und Preisen. Die Deutsche Telekom testete ihren "T-Netcall" seit 1997, hob den Dienst schließlich im Frühjahr 2001 aus der Taufe - und ließ ihn gleich wieder mangels Nachfrage in der Versenkung verschwinden. Zuletzt warf in NRW das Kabelunternehmen ish das Handtuch, nachdem sich abzeichnete, dass auf diesem Markt wohl noch immer keine Mark zu machen sei.
Denn am wichtigsten Grund gegen VoIP kam bisher kein Anbieter vorbei: Attraktiv wird die Sache erst, wenn eine kritische Masse erreicht ist. Es gibt einfach nicht genug VoIP-Teilnehmer. Doch nur bei der Telefonie von einem zum anderen VoIP-Telefon lohnt sich die Sache richtig: Die technisch problemlos mögliche Umlenkung des VoIP-Anrufes zu einem normalen Festnetz-Telefon frisst den Preisvorteil wieder auf.
Telefon mit eigenem "Amt"
Genau hier will MP3.com-Gründer Michael Robertson mit seiner neuesten Firmengründung ansetzen. "SIPphone" heißt die Firma, über die er - zu leicht günstigeren Preisen als die Konkurrenz - VoIP-Telefone vermarkten will. Und das, glaubt Robertson, wird ein Knaller, weil er die Vermittlung gleich mit aus der Taufe hebt: Die Website des Unternehmens soll sich zu einer Art internationaler Auskunft der SIPphone-Nutzer mausern.
Denen bietet Robertson die schmucklosen Telefone gleich im Doppelpack an: Eines für den Heimgebrauch, eines für Oma? Dem steht nichts entgegen, so lange diese über einen DSL-Anschluss verfügt, denn Breitband ist bei VoIP Pflicht. Dann allerdings, verspricht Robertson, brauche man das Telefon nur mit dem DSL-Modem verbinden, und schon wenige Minuten, nachdem sich das dann automatisch eingelogt habe, melde sich schon die Serviceline: "Willkommen bei ISPphone!"
So einfach geht das, und auch das Wählen läuft ganz normal: Die meisten SIP-Nummern, von denen es bereits "tausende" gebe, haben elf Stellen.
Das klingt gut - auch, wenn es "tausende" potenzielle Telefoniepartner zuletzt wohl so gegen 1890 gegeben haben dürfte. Dass die Technik trotzdem erfolgreich sein kann, beweist jedoch das Beispiel Japan: Dort telefonieren angeblich bereits 2,4 Millionen Kunden über das Internet.
Die verbleiben dabei jedoch in den liebenden Armen ihrer Telekommunikationsunternehmen, während Robertson seine Kunden lieber auf eine DSL-Flatrate setzen möchte. Nichts ist unmöglich, doch dass sich daraus eine zweite, mit dem Festnetz ernsthaft konkurrierende Telefonie-Welt entwickeln könnte, scheint doch zweifelhaft.
Und nun? Vielleicht doch eher Enum?
Und doch könnte es noch dazu kommen, denn weit weniger publikumswirksam, dafür aber gründlich arbeitet ein mächtiger Konkurrent an einem System, das Herrn Robertson das Geschäft verderben könnte: Enum. Hinter dem kryptischen Kürzel verbirgt sich ein technisches Protokoll der Internet Engeneering Task Force IETF, mit dessen Hilfe die Welten von Web und Telefon verschmelzen sollen.
Unter dem Enum-Protokoll bekämen verschiedenste elektronische Kommunikationsapparate eines Nutzers eine einheitliche Nummer, unter der sie zu erreichen wären. Im Klartext: Die Frage nach der VoIP-Nummer eines potenziellen Partners entfiele. E-Mail-Adresse, Telefonnummer und andere "Koordinaten" hätten eine einheitliche Gestalt.
Enum-Versuche laufen weltweit, jetzt fehlt nur noch ein finanzkräftiges Unternehmen, das lautstark genug dafür trommelt. In den Startlöchern steht beispielsweise das ehemals mittelständische Unternehmen Microsoft - und wie es sich anfühlt, mit der IT-Weltmacht Bill Gates zu boxen, weiß Robertson ja aus eigener Erfahrung.
Für die Vermittlungsdienste von ISPphone gäbe es dann wohl schnell keinen Bedarf mehr, und Herr Robertson würde zum bloßen Telefonverkäufer - was für sein Geschäft vielleicht noch nicht einmal schlecht wäre. Abwarten, Tee trinken, und vielleicht ist Robertson ja doch kein Vorprescher, sondern die Zeit ja wirklich reif: Geiz ist ja bekanntlich geil. Wenn nicht, werden wohl wie üblich die Letzten die Ersten sein.