Web aus der Steckdose: Breitbandträume - DER SPIEGEL
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Web aus der Steckdose Breitbandträume

Die führenden Stromerzeuger stehen in den Startlöchern, um ihren Kunden schnelle Internetzugänge über das Stromnetz anzubieten. Eine noch nicht in Kraft getretene neue Nutzungsbedingung für Funkfrequenzen könnte sich als Schlupfloch in den Markt entpuppen.
Von Mario Gongolsky
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Powerline-Prinzip ist seit den Tagen des Drahtfunks und der Telefonrundsprüche bekannt. Man moduliert der Stromleitung ein Datensignal auf und nutzt das Magnetfeld, welches jeden stromdurchflossenen Leiter umgibt, um dieses Datensignal mit zu transportieren.

Dadurch wird allerdings jede Stromleitung zu einer Sendeantenne. Je schneller die Daten via PLC übertragen werden, desto mehr Frequenzen werden beansprucht. Die Angst vor Funkstörungen grassiert längst nicht nur bei den Funkamateuren, sondern auch bei den Rundfunkveranstaltern und professionellen Funknutzern wie Seefunkstellen, militärischen Einrichtungen, Botschaften, um nur einige Nutzer des umstrittenen Frequenzspektrums zwischen 1 bis 30 MHz zu nennen.

Tatsächlich sind fast alle Frequenzen in diesem Bereich vergeben und deshalb warten Energieversorger derzeit vergeblich auf eine Lizenzierung von Frequenzabschnitten für die Störungsablage durch Powerline-Datenkommunikation. "Eine solche Genehmigung", so Werner Hugentobler von der RegTP Außenstelle in Mainz, "setzt eine Übereinkunft mit anderen Funkdienstbetreibern im betroffenen Frequenzbereich voraus, die im nationalen Frequenznutzungsplan verzeichnet werden muss".

Die Zukunft der Powerline-Technik entscheidet sich offensichtlich an der Frage, ob die durch PLC erzeugten Störfeldstärken so geringfügig sind, dass die "Nutzungsbedingung 30" (kurz: "NB 30") zur Geltung kommen kann. Diese Regelung definiert, ab welchen Feldstärken ein "Sendegerät" überhaupt um eine Frequenzzuteilung bei der Regulierungsbehörde nachsuchen muss. Doch ein rechtssicheres Maß stellt diese im Juli durch den Bundesrat gebilligte Regelung nicht dar, weil ein Inkrafttreten bis Juli 2003 aufgeschoben wurde. Zahlreiche in Betrieb befindliche Kabelnetze können die Auflagen zur Zeit nicht erfüllen - ihnen sollte eine Übergangsfrist zugebilligt werden.

Nun beteuern die Stromerzeuger, das Problem der Aussendungen an den nicht abgeschirmten Versorgungsleitungen technisch in den Griff zu bekommen. Unter anderem wird auf eine Technik der Bochumer Powertec AG verwiesen, die beim Auftreten höherer Störfeldstärken in einem Frequenzsegment in ein anderes Frequenzsegment umverteilt, doch an der Tatsache einer Funkwellenausstrahlung ändert diese Technik im Kern nichts.

Das Powertec-System konzentriert sich auf die Datenversorgung innerhalb von Häusern und verwendet hierzu ein freigegebenes Frequenzband zwischen 3 und 148,5 kHz. Der technische Leiter von Powertec, Dirk Furtmann, erläutert: "Ausgelegt ist unser System derzeit auf eine Datenrate von 100 Kilobit" und damit für die Breitbandträume der Stromversorger ohnehin nicht leistungsfähig genug.

Hoffnungsschimmer: Es geht doch

Bei der Oneline AG ist man da schon weiter. In einen Feldversuch mit 140 Haushalten in Barleben bei Magdeburg hat man eine eigene Version der Powerline-Technik auf dem Prüfstand. Hier ist nicht in allen Trafohäuschen ein Powerline-Modulator erforderlich. Stattdessen verwendet man einen kleinen Umsetzer am Hausübergabepunkt, um das PLC-Signal den benachbarten Häusern zugänglich zu machen.

"Die NB 30 wird von unserem System eingehalten.", erklärt Michaela Roth von der Oneline AG fast beiläufig. Sollte der bis 31.12.2000 laufende Versuch in alle Richtungen positiv verlaufen, könnten die Kunden des Stromlieferanten Avacon tatsächlich bald reguläre PLC-Nutzer werden. Auch E.ON und die Preussen-Elektra/Bayernwerk setzen auf das Oneline-System.

Bei der MVV Energie AG in Mannheim heißt es ebenfalls, die Grenzwerte der NB 30 können erfüllt werden. Hier hat man die israelische Firma Mein-Net als Technologiepartner gewonnen, die durch ein "Spread-Spectrum-Verfahren" die Störintensität auf ein breiteres Frequenzspektrum verteilt und hierdurch die Einhaltung der Grenzwerte erzielt. Mit einem kommerziellen Start rechnet man bei der MVV ab Mai 2001.

Ist das Störungsproblem gelöst, wird sich schnell zeigen ob Powerline die hochgesteckten Ansprüche an eine breitbandige Datenanbindung in der Praxis liefern kann. Derzeit ist die Rede von maximal 2 Megabit, allerdings verringert sich der Datendurchsatz, weil sich alle PLC-Nutzer einer Modulatorstation die Bandbreite teilen müssen. Die aufwendige und recht teure PLC-Technik muss sich auf jeden Fall künftigen Flatrateangeboten am Markt stellen. Immer noch eine Technologie mit vielen Fragezeichen - der Abgesang der Powerline-Gegner kommt jedoch zu früh.