Webkonferenzen Immersive Illusionen
Dem Bahnchef wird diese Zahl überhaupt nicht gefallen - und auch Luftfahrtmanager dürften bei ihrem Anblick erschaudern: Auf stattliche 220 Millionen Euro soll der europäische Markt für Webkonferenzen bis zum Jahr 2009 steigen. Für das kommende Jahr sagen die Marktforscher von Frost & Sullivan einen Zuwachs von mehr als 50 Prozent voraus, für 2005 fast eine Verdopplung. Durch die Internet-Konferenzen steigt, so die Hoffnung ihrer Entwickler, die Produktivität im Unternehmen, die Reisekosten gehen zurück.
Tony Gasson ist einer von denen, die Bahn und Flugzeug das Leben schwer machen wollen: Erst gestern hat der Vizepräsident der US-Firma WebEx, Marktführer bei Webkonferenzen, angekündigt, verstärkt in Europa aktiv zu werden. Mit Testangeboten will die kalifornische Firma, vom "Forbes Magazine" zum am schnellsten wachsenden IT-Unternehmen der letzten fünf Jahre gekürt, neue Kunden gewinnen.
Spätestens seit dem 11. September 2001 boomt die Branche: Die Angst vor Terroranschlägen und zuletzt auch der Lungenseuche Sars treibt die Manager vor den Bildschirm statt in den Flieger. Nach dem Angriff auf das World Trade Center konnten viele Anbieter den Wünschen ihrer Kunden, schnellstmöglich vor Ort ein ausgewachsenes Konferenzsystem zu installieren, gar nicht nachkommen.
Gespräche ohne Telefon
Einen solchen Aufwand wollen die Anbieter von Webkonferenz-Lösungen bewusst umgehen. Tony Gasson reicht für Besprechungen ein Computer, eine Internetverbindung und ein Telefon. Wer ein Headset sein eigen nennt, kann auf den Telefonanschluss sogar verzichten - und direkt über die Internetleitung mit den Kollegen sprechen.
Das reine Gespräch steht allerdings im Hintergrund. Angebote wie WebEx setzen vor allem auf die Präsentation und den Austausch von Dokumenten. Über das Netz kann jede beliebige Datei angezeigt werden, die Maus dient als digitaler Textmarker. Fremde Benutzer können sogar die Kontrolle über Anwendungen auf dem eigenen Rechner übernehmen, um so zum Beispiel gemeinsam eine Kalkulation zu erstellen.
Microsoft bietet mit dem in Windows integrierten "Netmeeting" ähnliche Funktionen an. Praktikern wie Ken Lomax von der Siemens-Softwareentwicklung ist das allerdings zu unsicher - vor allem wenn Dokumente mit Partnern außerhalb des Firmennetzwerkes besprochen werden sollen.
Moderne Webkonferenzsysteme setzen daher nicht nur auf eine komplette Verschlüsselung, sie belassen Dateien auch immer auf dem Rechner ihres Besitzers. Selbst wenn gemeinsam ein Excel-Datenblatt ausgefüllt wird, übermittelt die Software nur die Position der Maus, die Grafikinformationen und Tastatureingaben, nicht aber die Excel-Datei.
Videos als Dreingabe
Mit Webcams lassen sich die Gegenüber zudem beobachten. Die Aufnahmen ruckeln, im Gegensatz zu ferngesteuerten Programmen, allerdings gehörig. Für WebEx-Manager Gasson sind Videobilder daher auch eher eine nette Dreingabe als ein Ersatz für die reale Kommunikation: "Wenn sie eine neue geschäftliche Beziehung aufbauen wollen, kommen sie um ein persönliches Treffen nicht herum."
Doch immer realistischere aber auch aufwändigere Videosysteme sollen selbst diesen Zwang auf ein Minimum reduzieren. So hat das texanische Unternehmen Teleportec eine Tischplatte mit ausfahrbarer Glasscheibe entwickelt, auf der ein dreidimensionales lebensgroßes Hologramm des Gegenübers erscheint.
Das Berliner Heinrich-Hertz-Institut (HHI) arbeitet sogar an einem Konferenzsystem, das Menschen aus unterschiedlichen Winkeln der Erde an einem virtuellen Konferenztisch zusammenbringt - so sieht es zumindest aus.
In Wirklichkeit sitzt jeder der drei Teilnehmer an einem eigenen, halbkreisförmigen Tisch, der direkt vor einem großen Flachbildschirm steht. Darauf sind die anderen beiden Gesprächpartner zu sehen, lebensgroß, einer rechts und einer links, ganz so als hätten sie direkt nebeneinander Platz genommen.
Schau mir in die Augen, Kollege
Videokameras neben und über dem Bildschirm nehmen jeden Blick, jede Geste des Sprechenden auf. Dessen Position im Raum lässt sich aus den kleinen Unterschieden der verschiedenen Kamerabilder berechnen. Dadurch wird klar, wohin er blickt oder zeigt; die Bilder auf dem Monitor werden entsprechend reproduziert. Schaut ein Teilnehmer dem anderen direkt in die Augen, hat auch der dritte Mitarbeiter vor seinem Bildschirm genau diesen Eindruck.
- Mobile Video:Schau mir in die Augen, Kleiner
- Heinrich-Hertz-Institut:Immersive 3-D-Videokonferenz
- WebEx Communications
- Teleportec:Advanced Video Conferencing
"Immersiv" nennen Computerexperten diese Art der Illusion, bei der selbst der triste Bürohintergrund in Echtzeit durch eine angenehm blaue Tapete inklusiv Gemälde und Zimmerpflanze ersetzt wird. "Die Leute sollen sich in eine Situation hineinversetzt fühlen", erklärt HHI-Projektleiter Ralf Tanger. Die künstlich erzeugte Distanz verschwindet, die Konferenz wird angenehmer, die Gespräche produktiver.
Noch handelt es sich bei dem System um einen Prototypen - entsprechend hoch sind seine Anforderungen. Um die Video- und Richtungsdatendaten in Fernsehqualität zu verschicken, ist ein schnelles Firmennetzwerk nötig. "Über das Internet wäre eine solche Übertragung kaum möglich", sagt Tanger.
Bis zu 30.000 Euro könnte ein solcher Videokonferenzplatz eines Tages kosten. Für den nachmittäglichen Kaffeeplausch mit der Familie vielleicht etwas zu viel. Für den gestressten Manager könnte sich das System allerdings schnell rechnen - spätestens nach sieben oder acht gesparten Business-Class-Flügen in die USA.