Windows Live Beta: Microsoft eröffnet neue Web-Suche - DER SPIEGEL
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Windows Live Beta Microsoft eröffnet neue Web-Suche

Innerhalb kürzester Zeit, tönte vor kurzem Bill Gates, wolle Microsoft eine Web-Suche anbieten, die Google um Längen schlagen soll. Wie er sich das vorstellt, kann man seit heute als Betaversion besichtigen: "Live" ist wirklich anders - aber auch besser?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man muss Geduld mitbringen, wenn man sich am heutigen Mittwoch die Betaversion der neuen Microsoft-Searchengine ansehen will: Das Interesse an dem neuen Dienst ist offensichtlich hoch. Er ist zudem - wie bei Microsoft üblich - für den Internet Explorer optimiert. Nutzer von Opera können sich wund warten, bis etwas passiert, Firefox-User bekommen zumindest etwas zu sehen, wenn sie genügend Geduld mitbringen. Richtig flüssig läuft die Sache aber nur mit dem zunehmend unpopuläreren Hausbrowser von Microsoft.

Zuerst erscheinen Namensschriftzug und Suchfenster und verweisen darauf, dass man es hier nicht mehr mit MSN Search zu tun hat, sondern mit Windows Live  - unter diesem Stichwort entwickelt Microsoft bekanntlich seine Betriebssystem-Verlängerungen hinein ins Internet. Kein Wunder also, dass das Styling der nun langsam erscheinenden Suchmaske den weichen Formen und Farben von Windows XP und Vista angenähert ist.

Unter dem Suchfenster tauchen nun verschiedene Linkblöcke auf, in denen zunächst Verweise auf News aus verschiedenen MSN-nahen Angeboten wie "Focus" oder "Max" zusammengetragen sind. Anders als bei Google, Yahoo und Co. kombiniert Microsoft von vornherein den Suchdienst mit redaktionellen Angeboten - und bleibt dabei erst einmal im eigenen Laden.

Das aber kann man schnell ändern, wenn man will: Unter dem Menüpunkt "Inhalte hinzufügen" hat man die Auswahl aus einigen anderen Nachrichten- und Serviceangeboten, die man mit der Maus auf den Platz zieht, auf dem man sie haben will. Die individuelle Zusammenstellung merkt sich Live per Cookie oder aber durch eine Abspeicherung eines persönlichen Profils nach dem Einloggen in Microsofts Passport-Netzwerk. Das ist durchaus chic - auch wenn man sich fortan zu Recht beobachtet fühlen darf.

Weniger nett ist, dass all das zunächst auf deutsche Angebote begrenzt zu sein scheint. Wer www.live.com ansurft, landet unweigerlich auf der deutschen Version der Seite. Dabei hat Microsoft die freie Sprachwahl durchaus im Programm, nur eben gut verborgen. Unter "Einstellungen" - ein Menüpunkt, der sich zunächst unter einem dicken, blauen Balken verbirgt - gibt es nämlich durchaus die Möglichkeit, die Sprachversion zu wechseln. Das klappt auch ganz prächtig und führt derzeit zu neun verschiedenen Regionen mit einer entsprechenden Zusammenstellung redaktioneller Links, aus denen man sich bedienen kann.

Auch das ist gut gemacht. Natürlich hat das Inhalte-Portfolio auch hier wieder einigen Stallgeruch, die Mehrzahl der Links ist aber offensichtlich nach redaktionellen Kriterien durchaus intelligent zusammengestellt. So greift die Vorauswahl "English (United Kingdom)" nicht nur sehr gezielt auf britische Quellen zurück, sondern engt auch die freie Suche in den Nachrichtenangeboten des Webs auf Medien aus dem Commonwealth ein. Sehr bewusst lässt sich also steuern, aus welcher Weltecke man seine Nachrichten beziehen will.

Die Hauptsache: Die Suche im Web

Womit wir bei der Suche im Web wären. Sie beginnt mit einem Eingabefenster ohne einschränkende Möglichkeiten, wie man sie von der Konkurrenz gewohnt ist (z.B. WWW, Bilder, Videos, Nachrichten). Diese Möglichkeit wird erst mit der Ergebnisseite sichtbar: Bisher bietet Live hier in der deutschen Version Websuche, Nachrichtenangebote und "Feeds" - was sehr gezielt und gut RSS-Feeds sowie Blogs abgreift.

Hier glänzt die Microsoft-Websuche tatsächlich, auch die Aktualität der in der Nachrichtensuche abgegriffenen Quellen bietet keinerlei Anlass zu Klagen. Die US-Version bietet zusätzlich eine Bildersuche und - unter dem Stichwort "Local" - einen auf Virtual Earth basierenden Findeservice mit Gelbe-Seiten-Funktion an: Namen eingeben und man bekommt z.B. die gesuchte Pizzeria mit Adresse auf einer Karte angezeigt.

Doch kommen wir zur Hauptsache: Der freien Suche im Web. Die Ergebnisse werden in ein Scrollfenster eingeblendet, das "nach unten" endlos weiter zu reichen scheint: Offenbar werden Ergebnisse "nachgefüttert", wenn man sich entsprechend weit hinab in die unteren Ränge der Ergebnisliste bewegt. Das ist anders als bei allen anderen großen Suchmaschinen.

Microsoft setzt eben nicht auf eine weitgehend "normale" Webseite mit Sucheingabe-Maske, sondern baut sich Windows Live komplett dynamisch, Scriptbasiert und auf den jeweiligen User zugeschnitten auf dem Desktop zusammen. Was da alles funkt und vor sich hin macht, ist für den normalen Surfer nicht sichtbar: Die Seite ist aus Stylesheets und Java-Scripts montiert.

Aber für Otto-Normalsurfer zählt letztlich ja auch nur, was hinten raus kommt: Dass Windows Live aufwendiger ist als beispielsweise Google, bremst die Seite in Zeiten von DSL nicht mehr soweit aus, dass man dies noch als Nachteil empfindet. Wer die Seite per Modem oder ISDN besucht, wird darüber allerdings anders denken.

Die Qualität der Suchergebnisse dürfte trotzdem das ausschlaggebende Argument für oder gegen einen Suchdienst sein. Was fällt hier auf?

Zunächst einmal eine hohe Güte der Top-Nennungen der Ergebnisliste. Sehr zielgerichtet findet Windows Live deutschsprachige Seiten zur Test-Recherche "Retinitis pigmentosa" (eine degenerative Augenkrankheit). Wie auch immer das Relevanz-Ranking organisiert ist, die Sprache scheint das wichtigste Kriterium zu sein. So verweisen die ersten Nennungen auf deutsche Seiten, erst nach den ersten Zehn streut Live erste englische Quellen ein.

Weiter zum zweiten Teil: Wie es bei Google zugeht...

Bei Google geht es dagegen direkt bunt durchmischt zu, allerdings auch nicht weniger relevant - aber auch nicht merklich relevanter, und das ist ein Novum: Die bisherige Microsoft-Suche MSN-Search gehört nämlich nicht gerade zu den Spitzenangeboten in diesem Segment. Da hat sich also offensichtlich etwas getan.

Welcher Ansatz ist nun besser? Das ist so einfach nicht zu beantworten. Google bewertet Relevanz eher daran, wie viele Verweise es auf eine Quelle gibt, Microsoft lässt als wichtiges Kriterium die Muttersprache des Suchenden einfließen.

Hier vergleicht man letztlich Äpfel mit Birnen: Der anglophile Akademiker wird an Google schätzen, dass die wichtigen englischen Quellen sehr früh kommen, der vielleicht weniger sprachlich versierte Freizeitsurfer wird an Microsoft schätzen, dass hier die für ihn schwerer nutzbaren Angebote erst weiter hinter kommen. Google liefert sogar völlig einsprachige Listen, wenn man die Suche entsprechend einschränkt. In seiner Voreinstellung geht Google aber zunächst davon aus, dass man das nicht will - was zumeist auch so sein dürfte. Offensichtlich ist das auch eine Frage der Zielgruppenorientierung.

Deutlich weniger trennscharf als Google ist Windows Live bei Recherchen, die mehrere Worte umfassen. Google verbindet solche Anfragen ohne boolsche Operatoren, zeigt erst Ergebnisse, in denen die Suchworte in exakter Abfolge stehen, dann erst Dokumente, in denen sie sich verteilt finden. Microsoft löst das nicht so gut, hier muss man mit boolschen Operatoren arbeiten, um eine ähnliche Qualität heraus zu kitzeln.

Fazit

Der Beginn des Betatests fällt für Windows Live nicht schlecht aus. Über Design und Aufbau der Seite kann man streiten: Manch ein Liebhaber des Google-Purismus wird sich da schaudernd abwenden. Andere mögen vor allem an den ausgeprägten Möglichkeiten, die Seite auf eigene Informationsbedürfnisse zuzuschneiden, Gefallen finden.

Das funktioniert, so lange man die Cookies und Verlaufsprotokolle des Browsers nicht löscht. Doch nicht jedem ist wohl bei dem Gedanken, dass unzählige unseriöse Webseiten Cookies hinterlegen, um Bewegungsprotokolle zu erstellen. Also löscht man die Dinger regelmäßig (alle neuen Browser tun dies einstellbar automatisch in festen Zeitabständen oder einfach per Mausklick).

Was die mühselig zusammengestellte, schöne und personalisierte Live-Seite zerschießt. Das lässt sich natürlich vermeiden: Per Login über das MS-Passport-Netzwerk. Das merkt sich nämlich alles, was man bei Windows Live tut, stellt die "verlorene" Seite wieder zusammen. Feine Sache, wenn man davon absieht, dass man hier schon wieder beginnt, Microsoft immer mehr von sich mitzuteilen: Eindeutig identifiziert durch Passport, E-Mail- und IP-Adresse "lernt" MS nun, was man gern liest, wofür man sich interessiert etc. Wem bei Cookies schon mulmig wird, der kann dann wohl nicht mehr schlafen.

Tatsächlich ist das kein unwichtiges Thema. Über die kleinen, "ganz normalen" Suchdienstleistungen hinaus, die jede Searchengine bietet, sind die meisten besonderen Services immer häufiger an Authentifikationen gebunden. Firmen wie Microsoft, Google oder Yahoo lernen immer mehr über das Verhalten und die Interessen ihrer Kundschaft. Vertrauen hin, Vertrauen her, immer mehr Menschen fühlen sich damit aus guten Gründen nicht mehr wohl.

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