Windows ME Redmonds letzter Schrei
Ungewohnt still und leise "erscheint" am 14. September ein neues Microsoft-Betriebssystem: Windows ME ist eine Software, die es nach Microsofts Strategie überhaupt nicht hätte geben sollen. Windows 98 und Windows 2000 sollten jenseits der Jahrtausendwende zu einem multimediatauglichen Netzwerkbetriebssystem verheiratet werden, das bis dahin alle Dos-Wurzeln hinter sich gelassen haben sollte.
Doch auch in der nun aufgelegten Version hat sich Windows ME von den Geistern, die Microsoft nun seit zwanzig Jahren beschwört, durchaus nicht verabschiedet. Um die Akrobatik zwischen den Dos-Altlasten und der schönen, neuen Welt von Multimedia und Internet so anwenderfreundlich und reibungslos wie möglich hinzubekommen, haben die Microsoft-Ingenieure insbesondere die "Notfallaggregate" der Großsoftware getrimmt, die 600 MB und mehr auf der Festplatte verschlingt.
Die "Lösung" bei Schutzverletzungen: Symptomklitterei statt Ursachen-Bekämpfung
Sobald Windows ME des Anwenders Lust mit "Schutzverletzungen" quittiert und sich wie an Krücken dahinschleppt, verheißt eine neu implementierte Systemwiederherstellung Rettung. Damit "PC-Health", so heißt der Softwarezauber, dem System die versprochene Gesundung auch wirklich zugute kommen lassen kann, wird ein älterer Systemzustand auf der Festplatte gesichert - was nicht nur weiteren Speicherplatz, sondern auch Zeit und Ressourcen kostet.
Und Nerven: Falls der gespeicherte Systemzustand bereits marode war, stehen die Karten schlecht, zu einem stabilen Windows ME zurückzugelangen.
Da bleibt die Frage, warum Microsoft sein frisch gelaunchtes Betriebssystem durch den aufgesetzten Wartungsmechanismus schlechter macht als seine Vorgänger waren. Einen entschlossenen Schritt in ein neues Millennium vollzieht dieses "Windows Millennium" nicht.
Auch die Schlüsselfeatures, die Windows ME für Anwender attraktiv machen könnten, sind schon längst verfügbar. Vor Monaten hatte Microsoft den Internet Explorer 5.5 zum Download bereitgestellt, der Windows 98 ganz nebenbei Funktionalitäten beibringt, die Windows ME auch nicht besser beherrscht. Um überhaupt gegen MP3 und Real Video/Audio noch ein Standbein im turbulenten Multimediamarkt zu ergattern, veröffentlichten die Redmonder bereits im Sommer den neuen, kostenlosen Windows Media Player, der auch ältere Windows-Versionen für die Abspielbarkeit aller möglichen Multimedia-Formate öffnet.
Fazit: Betriebssystem mit geringer Halbwertszeit
Indes bleibt abzuwarten, ob Microsoft diesmal ein absturzsicheres Betriebssystem geschaffen hat, das durch kein Flickwerk von Patches und Bugfixes nachträglich fehlerbereinigt werden muss.
Echte Multimediaanwendungen wie Lernsoftware, DVD-Filme oder 3D-Spiele laufen nur so gut wie die Hardware, um die der Windows-PC erweitert wird. Als erstes Betriebssystem arbeitet Windows ME deshalb mit digitalen Signaturen für Treiber, über die das Betriebssystem mit Grafikkarten, Scannern, Webcams oder Digitalkameras kooperiert. Treiberdateien mit veralteten Signaturen weigert sich Windows ME zu installieren und besorgt sich aktuelle Treiberversion aus dem Netz. Ohne Internetanschluss bleibt Windows ME folglich das halbe Vergnügen.
Windows ME hat kaum Chancen, zur Galionsfigur für Microsofts NET-Strategie zu werden. Die Oberflächenpolitur und Systembereinigung, für die Windows ME letztlich steht, sind schwer in Einklang zu bringen mit Microsofts Plänen von der Erschaffung eines Netzinfrastruktur.
Microsoft ME: Ein Zwischenprodukt, um die Wartezeit bis zur Veröffentlichung echter Innovationen zu füllen. Die Veröffentlichung des echten Windows-Nachfolgers "Whistler" hat Microsoft angeblich um ein halbes Jahr vorgezogen. Voraussichtlich liegt das Softwarepaket schon Mitte April nächsten Jahres in den Regalen. Ob dort dann noch Platz für "ME" ist, wird die Zeit zeigen.