Windows-Präsentation "Das größte Softwareprojekt aller Zeiten"
San Francisco - Die Präsentation konnte sich durchaus sehen lassen: Keine Systemabstürze wie beim letzten Mal, ein offensichtlich gut aufgelegter Patrick Stewart und brav applaudierende Gäste. Microsoft zog bei der Vorstellung seines neuen Betriebssystems alle Register, um die teils heftige Kritik im Vorfeld vergessen zu machen.
Und so geizte Microsoft-Gründer Bill Gates in seiner Moderation auch nicht mit Superlativen. "Was wir ihnen heute zeigen ist jenseits von dem, was sie jemals mit einem Stück Hardware tun konnten." Windows 2000 stelle das größte und ehrgeizigste Softwareprojekt aller Zeiten dar. Etwas, so Gates, "das sie noch nie zuvor gesehen haben".
Die Nachfolge-Software von Windows NT, die ab sofort als Einzelplatz- und Serverlösung auf dem Markt ist, ist mit einem Computercode von über 35 Millionen Zeilen eines der umfangreichsten bisher entwickelten Programme. Windows 2000 soll dem Konzern aus Redmond helfen, seinen Anteil im lukrativen Marktsegment der Server-Computer weiter auszubauen.
Ein Vorhaben, das sich der Softwareriese einiges kosten lässt: So sollen mit einer 200 Millionen Dollar teuren Werbekampagne in den kommenden Monaten vor allem Unternehmen als Kunden für das neue Programmpaket gewonnen werden. Die Angaben zu den Kosten für die Entwicklung von Windows 2000 schwanken zwischen zwei und acht Milliarden Dollar.
Zum Start des neuen Programms sagte Gates, Windows 2000 sei "wesentlich zuverlässiger" als andere Microsoft-Produkte in der Vergangenheit. Bereits seit Monaten liefen die rund 70.000 Rechner des Microsoft-Konzerns problemlos mit dem neuen Betriebssystems. Während ein Windows-95-Rechner unter Volllast nach rund zwei Tagen neu gebootet werden musste, laufe ein vergleichbarer Computer mit Windows 2000 bereits seit 90 Tagen ohne Unterbrechung.
Windows 2000, das bereits vor zwei Jahren auf den Markt kommen sollte, werde Bedürfnisse der Kunden besser bedienen und Marktanteile der Konkurrenz an sich ziehen, sagte der neue Chef von Microsoft, Steve Ballmer im Vorfeld der Präsentation. Microsoft steht ganz offensichtlich unter Zugzwang: Nach jüngsten Zahlen des Marktforschungsinstituts IDC hat die verzögerte Einführung von Windows 2000 vor allem dem kostenlosen Betriebssystem Linux genutzt.
Linux hat bei Betriebssystemen in Unternehmen derzeit einen Marktanteil von 24 Prozent, nachdem es ein Jahr zuvor erst bei 16 Prozent lag. Windows konnte seinen Anteil von 38 Prozent dagegen nicht weiter ausbauen. Bei Heimcomputern sieht das ganz anders aus: Dort dominiert der Softwareriese dank Windows 95/98 mit einem weltweiten Marktanteil von etwa 85 Prozent.
Ob Windows 2000 der - von Microsoft erhoffte und dringend benötigte - Erfolg wird, ist unter Experten umstritten. "Windows 2000 ist stark und gut positioniert", sagt Richard Doherty, Gründer der Marktforschungsfirma Envisioneering. "Im Vergleich zu Windows NT ist es Microsoft gelungen, das System zu verschlanken und die noch vorhandenen Löcher zu stopfen."
Die GartnerGroup, die weltweit größte Technologie-Beratungsfirma, warnt dagegen vor einem unüberlegten Umstieg auf die neue Software. Jedes vierte Unternehmen werde Schwierigkeiten haben, seine Programme reibungslos unter Windows 2000 zum Laufen zu bringen. Gartner-Vizepräsident Michael Gartenberg sagte, Unternehmen sollten zumindest auf den ersten "Service Pack" warten, bevor sie im großen Maßstab auf das neue System umstiegen.
Nach den Prognosen von Gartner werden in diesem Jahr nur drei bis sechs Prozent der 1999 installierten Windows-NT-Server auf Windows 2000 umgestellt werden. Bis Ende 2001 sollen es aber 45 bis 50 Prozent sein.
An der Programmierung von Windows 2000 haben laut Microsoft allein 2000 Programmierer im Kern-Entwicklungsteam gearbeitet. Offensichtlich nicht besonders gründlich: Denn in einem wenige Tage vor dem Verkaufsstart bekannt gewordenen internen Microsoft-Papier ist von "mehr als 63.000 bekannten Problemen" die Rede.
In Deutschland wird Windows 2000 am 24. Februar zur Cebit vorgestellt. Nach Angaben von Microsoft wurden bereits die Dresdner Bank, die Robert Bosch GmbH und die Finanzverwaltung in Hamburg als Großkunden für Windows 2000 gefunden. Allerdings: In der Verwaltung der Hansestadt ist der Einsatz von Windows 2000 auf Grund einer möglichen Scientology-Verflechtung nicht unumstritten.