Windows-Sourcecode Sicherheitsleck bei Linux-Firma?
Es ist kein Routinefall, wenn einem Unternehmen wie Microsoft Teile des Sourcecodes eines der - egal, wie man dazu steht - wichtigsten Programme der Welt "abhanden" kommt. In der letzten Woche gelangten rund 15 Prozent des geheimen Quellcodes des Windows 2000-Betriebssystems ins Internet und fanden dort über P2P-Börsen reißenden Absatz.
Windows aber treibt rund 90 Prozent aller Rechner in der Welt an und gilt zudem als permanent sicherheitsgefährdet - da ist die Aussicht, Teile des Quellcodes in falschen Händen zu wissen, alles andere als beruhigend.
Denn Einsicht in den Quellcode könnte zumindest hypothetisch die Gefahr neuerlicher Hackerangriffe und Sicherheitslücken erhöhen.
Mit jedem Leck steigt der Kundenfrust
Schon heute treten die so regel- und übermäßig auf, dass sogar die Unternehmensberatung Gartnergroup ihren zunehmend frustrierten Kunden offen empfiehlt, die "Kosten fortlaufender Sicherheitspatches ernsthaft in die Kalkulation" einzubeziehen, wenn entschieden werde, "welches Betriebssystem man erwerben sollte". Da wird die Business-Welt besonders den aktuellen Fall mit Argusaugen verfolgen, denn Windows 2000 findet vor allem in Firmennetzwerken Anwendung.
Richard Stiennon, Co-Autor des aktuellen Gartner-IT-Sicherheitsgutachtens, spricht von "zunehmend verstimmten" Kunden von Microsoft-Firmenlösungen. Immer neue Sicherheitsprobleme bänden nicht nur Arbeitszeit, sie verursachten auch direkte Kosten: Mittlerweile rät Gartner seinen Business-Kunden nicht nur, das Firmennetzwerk mit aktuellen Patches, Virenscannern, Intrusion-Detection-Software und Firewalls zu schützen, sondern auch jeden einzelnen PC. Eine Bank im Kundenstamm, erzählte Stiennon der "E-Commerce Times", habe sich dafür kürzlich "zehn Million Dollar zusätzlich" bewilligen lassen müssen.
Doch der wachsende Frust ist nicht nur auf die Welt der Unternehmen und Behörden, von denen immer mehr gerade in den sensiblen Bereichen der "kritischen Infrastrukturen" auf Linux umsteigen, beschränkt.
Das Maß scheint so voll, dass selbst die "Computer Bild", bisher nicht unbedingt als Microsoft-kritisch aufgefallen, ihren Lesern in der letzten Ausgabe Hilfestellung für den Einstieg in Linux bot. Was sich vordem allenfalls als Beileger bei "c't" und anderen Computerzeitschriften der "ernsthafteren" Sorte fand, wollte sich auch Computerbild nicht länger nehmen lassen: Die Beilege-CD mit einem kompletten, installierfähigen Linux.
Microsoft: Diesmal schuldlos?
Da dauerte es auch nicht lang, bis nach Bekanntwerden des Quellcode-Lecks Kommentatoren vorpreschten und mangelnde Sicherheit auch im Unternehmen Microsoft anmahnten - mitunter verbunden mit dem süffisanten Hinweis, dass Microsoft aus dem Beispiel Linux lernen solle: Da sorge der veröffentlichte Quellcode gerade dafür, dass das Betriebssystem sicherer sei.
In diesem konkreten Fall jedoch zieht solche Kritik nicht. Während eine Sonderermittlungs-Kommission der "North-west Cybercrime Task Force" noch eifrig forscht, beginnt sich abzuzeichnen, wo der "Maulwurf" wirklich saß - und zwar keineswegs bei Microsoft.
"Hat es hier begonnen?" überschrieb Zuri Dar am Montagmorgen seinen Artikel in der Online-Ausgabe der israelischen Ausgabe der Tageszeitung "Haaretz" - und nannte direkt Namen. Demnach sei die Weitergabe des Quellcodes "möglicherweise" von dem Unternehmen Mainsoft aus San Jose ausgegangen, "vielleicht" durch dessen Cheftechniker Eyal Alaluf. Das sind sehr konkret benannte "vielleicht" und "möglicherweise".
Unplausibel wäre das nicht: Mainsoft arbeitet seit 1994 mit Microsoft zusammen und hat Zugang zum Quellcode. Den braucht das Unternehmen auch, denn es hat sich darauf spezialisiert, populäre Microsoft-Programme für die Nutzung auf anderen Betriebssystem-Plattformen zu portieren - unter anderem .Net-Produkte für Unix und Linux.
Mainsoft: "Kooperieren voll und ganz"
Noch kommentieren Microsoft und die US-Fahndungsbehörden das Leck nicht detailliert. Nur dass es sich nicht im Unternehmen selbst und auch nicht bei den Partnern der "Shared Source Initiative" befinde, verkündet Microsoft schon selbstbewusst.
Weit kleinlauter klingt da, was Mainsoft-Chef Mike Gullard zu der Sache zu sagen hat: "Mainsoft nimmt die Sicherheitsinteressen von Microsoft und allen unseren Kunden ernst und wir erkennen Ernsthaftigkeit der derzeitigen Situation. Wir kooperieren voll und ganz mit Microsoft und allen Ermittlungsbehörden in ihren Ermittlungen."
Da hat es Mainsoft nun wohl mit ziemlichen Kalibern zu tun. Die Sonderkommission der North-west Cybercrime Task Force besteht aus Vertretern von FBI, US-Geheimdiensten, der IT-Sicherheit von Microsoft und der Polizei von Seattle. Windows gilt den Amerikanern nämlich nicht nur als geschützte Marke mit etlichen schutzwürdigen Patenten, sondern auch als "Trade Secret", das nur mit staatlicher Genehmigung an Firmen in anderen Ländern abgegeben werden darf.
Ein Windows-Leck ist eben kein Routinefall, sondern gefährdet Infrastrukturen und mittelfristig auch substanzielle Einnahmequellen. Microsoft erwartet für das laufende Geschäftsjahr rund 36 Milliarden Dollar Umsatz bei zehn bis elf Milliarden Dollar Gewinn. Ein wirtschaftliches Schwergewicht, das sich vor allem auf die Prädominanz eines Programmes gründet: Windows.
Frank Patalong