Windows XP "Das Betriebssystem, das meine Mutter verdient hat"
In Bill Gates Universum gelten besondere Regeln. "Dem PC-Markt geht es prima!" lautet eine davon. Man muss halt bloß an das Geld derjenigen herankommen, die sich bisher noch keinen PC gekauft haben. Und das neue Betriebssystem Windows XP ist so etwas wie das Einfallstor. Microsoft verspricht, dass XP vor allem eins sein soll: richtig einfach zu bedienen.
Die Vokabeln "easy" und "convenient" zogen sich wie ein himmelblaues Band durch die gesamten 90 Minuten der XP-Premiere. Meist führte Jim Allchin, Vizechef beim Projekt XP, das Wort. Allchin frohlockte, XP sei "das Windows, das meine Mutter verdient hat". Microsoft will in die Entwicklung des Mütterbelohnungswerks XP eine Milliarde Dollar gesteckt haben.
Wohin das Geld gegangen, war nicht eindeutig sichtbar. Die XP-Anwendungen kamen bei der Präsentation durch Gates und Allchin zwar blitzschnell auf den Schirm. Dennoch wurde wenig wirklich Neues gezeigt. Geradezu peinlich an der Präsentation war, dass Gates und Allchin keine Brücke zwischen der neuen Software und der ".Net"-Strategie des Konzerns bauen konnten.
"Luna": Apples OS X lässt grüßen
Die Benutzeroberfläche für das Privatanwender-XP, die bei Microsoft "Luna" heißt, schimmerte bei der Präsentation zartblau. Für XP wurden unter anderem der Browser und das Media-Player-Interface verändert. DVDs können jetzt direkt im Media Player abgespielt werden. Schöne Details, die teils an Apples OS X erinnern - aber insgesamt doch keine "Revolution".
Wer mit der einfachen XP-Bedienung immer noch nicht zurecht kommt, für den hat Microsoft allerdings eine echte Neuheit: Die Hotline-Mitarbeiter des Konzerns können via Internet auf den Desktop des XP-Users zugreifen und Probleme per "Fernsteuerung" lösen. Kritiker sehen in dieser "Remote Assistance" allerdings ein weiteres Sicherheitsrisiko für Windows - Allchin wimmelt ab: "Die Daten sind verschlüsselt, da kann nichts passieren."
Gates: Leben ohne XP ist möglich
Die XP-Markteinführung ist in der zweiten Jahreshälfte geplant. Intel, Compaq und Hewlett-Packard haben ihre Unterstützung zugesagt. Die neue Software wird wohl bald Standard auf allen PCs, die von Industrie angeboten werden.
Merrill-Lynch-Analyst Henry Blodget bleibt trotzdem skeptisch, was den Bedarf für XP angeht: "Ich glaube, dass wenige Privatanwender sich anstellen werden, um für ihren alten PC ein neues Betriebssystem zu kaufen. Wie viel Nachfrage gibt es in diesem Marktsegment tatsächlich? Ich halte die Frage für unbeantwortet."
Bleibt noch die Frage nach dem Markt für die Business-Version von Windows XP. Illuminata-Analyst Jonathan Eunice stellt fest, dass "viele kleine Geschäfte noch immer nicht auf Windows 2000 aufgerüstet haben." Und selbst Gates gab unumwunden zu, dass "wer mit Windows 2000 zurechtkommt und nicht gerade eine der neuen XP-Anwendungen braucht", auch gut ohne ein Upgrade leben kann.
Kritiker bemängeln zudem, dass XP nur auf Rechnern laufen wird, die nach 1999 gebaut wurden: Zu anspruchsvoll ist das Programm in Sachen Mindestanforderungen. Es gebe aber zahlreiche User, die ihre Rechner weit länger betrieben als nur zwei Jahre.