Workshop Fotografie: Der entscheidende Moment - DER SPIEGEL
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Workshop Fotografie Der entscheidende Moment

Was nützt die beste Digitalkamera, die kräftigste Bearbeitungssoftware, wenn man beim Foto-Shooting die wichtigste Zutat zum perfekten Foto vergisst: eine gute Idee? Denn Fotografie heißt auch Inszenierung - und die beste schafft man mitunter mit einfachen Mitteln.
Von Joe McNally
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
"Ich gab diesen Bodybuildern Blitzgeräte in die Hand und bat sie, sich selbst zu beleuchten"

"Ich gab diesen Bodybuildern Blitzgeräte in die Hand und bat sie, sich selbst zu beleuchten"

Foto: Joe McNally

Manchmal, vor allem, wenn mir die Ideen ausgehen (das passiert nicht oft), bitte ich meine Models um Hilfe. Ich stelle Fragen wie: "Wie würden Sie am liebsten einmal fotografiert werden, wie sind Sie noch nie fotografiert worden?"

Zuweilen bleibt die Antwort aus, aber manchmal bekommt man Vorschläge, die man unbedingt nutzen sollte. Und hin und wieder entsteht eine Idee, ein kurzer Einblick, der die Tür zu einem erfolgreichen Foto öffnet.

Das Motiv einbeziehen

Das ist eine Möglichkeit, die Models einzubeziehen. Eine andere ist, sie zu Schauspielern zu machen und physisch mitarbeiten zu lassen, um ein erfolgreiches Bild aufzunehmen. Bodybuilder sind wie Skulpturen, die wie in einem Museum dramatisch mit Lichtern inszeniert werden müssen.

Also gab ich diesen Bodybuildern einen Auftrag. Beleuchtet Euch selbst. Ich bezog sie ein, weckte ihr Interesse und machte sie zu den Regisseuren ihres eigenen Fotos. Sie nahmen eine Pose ein und beleuchteten diese dann. Das war cool, sie hatten etwas, worauf sie sich konzentrieren mussten und das von dem kalten Meerwasser ablenkte, in dem ich sie stehen ließ.

Diese kleinen Blitze sind toll. Man kann mit ihnen zoomen, ihre Streuung steuern und die Intensität einstellen. Die heutige Blitzgeneration kann drahtlos von der Kamera aus gesteuert werden. Das ist ein wichtiger Vorteil, wenn die Sonne untergeht, die Wellen spritzen und die Models frieren.

Fotografieren, was man mag

Egal, wie viel Unsinn Sie durchmachen müssen, um als Fotograf zu überleben, wie viele schlechte Aufträge, schlechte Tage, schlechte Kunden, arrogante Models, aufmüpfige Assistenten, überdrehte Art-Direktoren, technische Katastrophen, Ausfälle von Geist, Körper und Willen, all diese "hätte", "sollte" und "müsste", die Sie in Ihren Träumen verfolgen: Lassen Sie sich immer Platz, das zu fotografieren, was Sie mögen. Das ist die einzige Möglichkeit, Ihre Leidenschaft für die Fotografie zu bewahren.

Dieses Mädchen ist 15 Jahre alt und ich dachte wirklich, ein Engel betritt den Raum. Sie gab mir die Hand und fühlte sich vom ersten Moment an vor der Kamera wohl. Sie beherrschte die Kamera regelrecht. Die süße Einfachheit des Fotos täuscht über die Komplexität und die harte Arbeit im Hintergrund hinweg.

Ob Sie es glauben oder nicht: Sie steht auf weißem, durchgehendem Papier. Ich bin immer dafür, das Licht im Vorder- und Hintergrund getrennt zu steuern, und in diesem Beispiel habe ich wegen der Umgebung die Kontrolle über den Hintergrund verloren. Der Feind war hier die große weiße Kiste von Ballettstudio, in dem ich fotografierte. Weiße Wände, eine weiße Decke, also streute das Licht der Blitzgeräte überall hin, auch auf den weißen Hintergrund, was der Art-Direktor eigentlich nicht wollte. Wie zähmt man einen Hintergrund?

So machen Sie dieses Foto: In Fällen wie diesem ist es ebenso wichtig, die Beleuchtung des Hintergrunds zu kontrollieren wie die des Vordergrunds. Wir dämmten das Vordergrundlicht ein (dazu montierten wir undurchsichtigen schwarzen Stoff außerhalb des Bilds links von der Kamera). Diese sogenannte Fahne (eine große in diesem Fall) saugt das Licht förmlich auf. Ich verwendete eine große Octabank-Softbox und einen Bodenblitz, der meist auf einem Lastolite-Panel montiert ist, direkt unter dem Hauptblitz rechts von der Kamera. Ich fotografierte mit einem 70–200-Millimeter-Objektiv. Die blauen Streifen entstehen durch einen tief stehenden Blitz mit blauer Gelfolie (keine Softbox, kein Schirm, gar nichts). Außerdem stellte ich einige Trainingsgeräte aus dem Tanzstudio vor die Beleuchtung, um den Hintergrund etwas aufzulockern.

Halten Sie still

"Egal, wie viele Megapixel Ihre Superkamera aufnehmen kann, sie sind keinen Pfifferling wert, wenn Sie die Kamera nicht still halten"

"Egal, wie viele Megapixel Ihre Superkamera aufnehmen kann, sie sind keinen Pfifferling wert, wenn Sie die Kamera nicht still halten"

Foto: Joe McNally

Egal, wie viele Megapixel Ihre Superkamera aufnehmen kann (Megapixel werden übrigens völlig überbewertet), sie sind keinen Pfifferling wert, wenn Sie die Kamera nicht still halten. Arbeiten Sie daran und üben Sie.

Ich bin Rechtshänder, aber mein linkes Auge ist das führende. Stellen Sie sich das vor. Nach Jahren des Fokussierens durch irgendwelche Objektive ist mein linkes Auge viel stärker als das rechte, eigentlich verwunderlich, dass ich nicht den ganzen Tag im Kreis laufe. Der Vorrang des linken Auges ist jedoch ein Vorteil, wenn Sie die Kamera bei langen Verschlusszeiten halten. Vor Jahren nahm mich Keith Torrie, ein genialer Fotograf bei Daily News mit einer ähnlichen Auge-Hand-Diskrepanz, zur Seite und zeigte mir, wie er eine motorgetriebene Kamera hielt. Keith ist in der Branche als einer der wenigen bekannt, die immer gute Fotos schießen. Er wusste also, was er tat.

Er zeigte mir, wie er seine linke Schulter nach vorn warf und die Unterseite des Motorantriebs dort lagerte, wo sich Brust und Schulter treffen. Dort ist keine Lunge, kein Herzschlag zu finden, nur Muskeln und Knochen. Machen Sie das richtig, dann ist das, als hätten Sie ein drittes Bein.

Heutzutage müssen Sie sich auch keine Sorgen mehr machen, dass Sie ständig mit der linken Hand Blende und Fokus einstellen müssen. Machen Sie das einfach mit rechts – fertig. Ellenbogen in den Bauch, ausatmen, und schon können Sie Fotos bei Geschwindigkeiten aufnehmen, von denen Sie nie zu träumen gewagt hätten.

So machen Sie dieses Foto: Diese Aufnahme aus einem Hubschrauber kommt mit dem vorhandenen Licht aus. Der Schlüssel zu Aufnahmen wie dieser ist, die Kamera trotzdem still halten zu können, während Sie Verschlusszeiten von 1/30 bis 1/10 Sekunde verwenden. Dieses Foto wurde mit einem 17–55-Millimeter Nikon-Objektiv bei Blende 2,8 aufgenommen.

Machen Sie Licht

"Ist das vorhandene Licht das einzig gute Licht? Ja. Damit meine ich jedes &*%%@$ Licht, das irgendwie vorhanden ist."

"Ist das vorhandene Licht das einzig gute Licht? Ja. Damit meine ich jedes &*%%@$ Licht, das irgendwie vorhanden ist."

Foto: Joe McNally

Als Student wollte ich immer gern W. Eugene Smith sein, ein legendärer "Life"-Mitarbeiter, perfekter Fotojournalist und Wegbereiter des Foto-Essays. Außerdem war er etwas verrückt.

Das war offensichtlich, als er zu einem Vortrag an der Syracuse University erschien und ein Glas Milch und ein Glas Wodka vor sich aufs Rednerpult stellte. Beides war nach dem Vortrag alle. Er antwortete auf Fragen, ich saß in der ersten Reihe und las jedes Wort von seinen Lippen ab.

"Mr. Smith, ist das vorhandene Licht das einzig gute Licht?", war die Frage.

Er beugte sich zum Mikrofon. "Ja", sagte er mit tiefer Stimme. Pause.

Uns alle durchlief ein Schauer. Das war’s! Kein Blitz mehr! Das Licht Gottes oder keines!

Dann sprach er weiter. "Damit meine ich jedes &*%%@$ Licht, das irgendwie vorhanden ist."

So weit, so gut.

So machen Sie dieses Foto: Diese Außenaufnahme entstand in Jaipur, Indien, mit lediglich dem vorhandenen Licht auf dem Festival des Lichts. Ich arbeitete mit einem 180-Millimeter-Objektiv bei f/2.8. Der weiche Schein durch den Schleier kommt nur von den Kerzen.

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