WWW contra Buch Musikmachen wird multimedial
Einer der größten Anbieter kostenloser Notationen im Netz ist OLGA (Online Guitar Archive). Hier kann jeder Hobby-Musiker seine Vorstellungen davon, wie ein Song auf der Klampfe gespielt wird, veröffentlichen. Das Prinzip lautet: Von Amateuren für Amateure. Es kann also vorkommen, dass Klassiker wie "Sweet home Alabama" in fünffacher Version vorhanden sind, wovon eine nah am Original ist, andere jedoch eher an Free-Jazz erinnern.
Selbst das Erlernen eines Instruments wird in Form von Online-Lehrgängen angeboten. Multimedial und interaktiv versteht sich (www.planet-guitar.net). Wer braucht angesichts eines solchen Angebots noch das gute, alte Musikbuch? Sind seine Tage gezählt? Ist das Buch zumindest in diesem Bereich endgültig von PC & Co. verdrängt worden?
Evolutionärer Druck
Die Musikverlage stehen unter einem evolutionären Druck, so viel ist klar, denn PC & Co. sind längst ein ernstzunehmender Konkurrent geworden, den es zu toppen gilt. "Der Songbuch-Bereich ist durch die kostenlosen Internet-Angebote sicherlich eingebrochen", so Detlef Kessler, Inhaber und Geschäftsführer des Brühler Musikbuch-Verlages AMA. Dennoch schrecken ihn die Entwicklungen im PC- und Internetbereich nicht ab: "Ein Buch können Sie mit aufs Klo nehmen, einen Computer nicht. Und die CD-ROM-unterstützte Literatur steckt noch in den Kinderschuhen". Wenn überhaupt, dann ist die negative kulturpolitische Entwicklung verantwortlich für den Niedergang: "Die Kids hocken lieber vorm Fernseher oder vor dem PC, als sich mit einem klassischen Instrument zu beschäftigen. Die Instrumente verkaufen sich nicht mehr", so der AMA-Chef.
Etwas optimistischer sehen die Kollegen vom Voggenreiter-Verlag die Lage. "Klassische Instrumente sind nach wie vor gefragt", so Jeanette Huppertz von der Abteilung Vertrieb und Marketing. Den technischen Entwicklungen der vergangenen Jahre hat man sich hier dennoch nicht verwehrt: Audio-Software, der PC als Instrument, alles Produktthemen, die im Hause Voggenreiter in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen haben. "Wir haben schnell reagiert auf die neuesten Entwicklungen im Computer- und Technikbereich", sagt Huppertz.
Im Buchbereich hat man auch aufgerüstet: Schmückte vor einigen Jahren noch eine pechschwarze Schallfolie so manches Lehrbuch, um dem angehenden Musiker akustisch zu verdeutlichen, wie sich denn das, was er da schwarz auf weiß gedruckt vor sich sieht, im Optimalfall zu klingen hat, sind heutzutage die Musikbücher ganze Pakete: DVD, CD-ROM, Videos und allerlei Technikkram gehören dazu.
Auch den Songbuch-Bereich, mit www-Konkurrenz wie OLGA im Nacken, will man bei Voggenreiter nicht so ohne weiteres verloren geben. Jeanette Huppertz: "Ein Fan der Toten Hosen kauft sich die Platte seiner Lieblingsband im Laden, anstatt sie zu brennen. Genauso verhält es sich bei Notationen: Der Fan will das offizielle Songbuch und keine lieblos zusammengeschusterten Noten im Internet".
Einbußen durch Extras kompensieren
Dennoch ist man sich bei dem Bonner Verlag über die Einbußen durch das kostenlose www-Angebot im Klaren. Dementsprechend werden künftige Veröffentlichungen von Songbüchern mit Extras aufgeblasen, die Exklusiv-Charakter haben und im Internet nicht wieder zu finden sein werden. "Wir planen ein Songbuch der Gruppe Reamonn, das neben der Notation auch Kommentare und Tipps der Musiker enthalten wird". Extras, die sicherlich auch ihren Preis haben werden.
Beim Mainzer Schott-Verlag dagegen gibt man den Kampf um die Gunst der Cover-Musiker verloren: Selbst die Musik von Zugpferden wie Herbert Grönemeyer soll in Zukunft nicht mehr in Songbuch-Format gepresst werden. "Der Songbuch-Bereich ist durch das Internet-Angebot nahezu obsolet geworden, reine Lehrbücher dagegen werden auch in Zukunft bestehen", glaubt Harald Wingerter, Lektor für Rock-, Pop- und Jazz-Literatur des Schott-Verlages.
Bei aller Liebe zum PC & Co. bleibt doch die Frage: Will man sich wirklich mit der Klampfe unter dem Arm vor den Computer quetschen und dann abwechselnd auf den Monitor schauen (CD-ROM, www), den Blick zum Fernseher wenden (DVD, Video), gleichzeitig die Stereo-Anlage (CD) bedienen, mit der Maus rumfuchteln und sich schließlich noch auf das Griffbrett konzentrieren?
Nostalgisch erinnert sich der Autor an die einsamen Stunden mit der Gitarre, "Peter Bursch's Gitarrenbuch", Blut, Schweiß, jeder Menge Spaß und absolut keinem Hightech-Schnickschnack!