XP ohne AOL: Schlechte Nachrichten für Postboten - DER SPIEGEL
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XP ohne AOL Schlechte Nachrichten für Postboten

Die Verhandlungen von Microsoft und AOL über die Integration des AOL-Dienstes in das neue Betriebssystem Windows XP wurden am Samstag wieder einmal abgebrochen. Endgültig, meinen Vertreter beider Unternehmen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man kann das ja verstehen: Irgendwann muss Schluss sein. Spät am Samstag brachen Vertreter von AOL und Microsoft ihren zehnwöchigen (!) Verhandlungsmarathon ab, der die Medien mit einer steten Flut handlicher Kurzmeldungen versorgt hatte: Verhandlungen eingestellt, wieder aufgenommen, eingestellt, wieder aufgenommen und so weiter...

Irgendwann am Samstag schließlich keimte die Erkenntnis, dass man sich vielleicht einmal wieder ein freies Wochenende gönnen sollte. Zu unüberwindbar schienen die Differenzen.

Worum es geht?

Es geht um die Integration des AOL-Dienstes in das neue Betriebssystem Windows XP. AOL hätte - offensichtlich - gern gesehen, dass der Online-Zugang zum größten Dienst der Welt bereits vorinstalliert mit dem neuen Betriebssystem ausgeliefert worden wäre. Das ist verständlich, aber was hat Microsoft davon?

Die Mannen von Bill Gates schleppen schließlich seit Jahren einen Service mit sich herum, der einst mit dem Anspruch angetreten war, zum größten Onlinedienst der Welt zu werden. MSN eben, und für MSN tut Microsoft eine ganze Menge mit dem neuen XP. Warum also hätte Microsoft bereit sein sollen, einen Konkurrenten "an Bord" zu holen?

Auf diese Frage gibt es keine logische, aber eine diplomatische Antwort: Um guten Willen zu zeigen.

Darauf hätte Microsoft noch vor wenigen Monaten allergrößten Wert gelegt. Noch steht das Unternehmen vor Gericht, und tatsächlich ging es im Prozess gegen den Softwareriesen auch um genau solche Fragen: Wie geht Microsoft mit Konkurrenten um; wie willens ist das Redmonder Unternehmen, anderen Firmen Zugang zu seiner Windows-Plattform zu gewähren?

Bis vor wenigen Monaten übten sich die Microsoftler im Kreidefressen und demonstrierten Kooperationsbereitschaft, wo immer sie konnten. Das ist vorbei: Der Abbruch der Verhandlungen mit AOL setzt ein klares Signal: Wir kooperieren, aber nicht um jeden Preis.

So scheiterten die Verhandlungen letztlich daran, dass AOL längst mehr bietet, als nur den Online-Access. Die Software kommt im Bündel mit dem Realplayer - und der ist die größte Konkurrenz für Microsofts MediaPlayer. Der wiederum ist ein Kernstück des neuen Betriebssystems, denn Microsoft zielt offensiv auf den Markt der Online-Musik. AOL wirft Microsoft nun vor, den Markt des Online-Musikvertriebes monopolisieren zu wollen. Das ist schon fast wieder witzig, denn mit solchen Ambitionen könnte man durchaus auch den Namen AOL verbinden, seit das Unternehmen auch ein "Time Warner" im Namen trägt - immerhin eines der fünf größten Musikunternehmen der Welt.

Für die Microsoft-Verhandlungsführer hieß die Devise jedenfalls: Wenn AOL, dann nur mit einem in die zweite Reihe verwiesenen Realplayer.

"Default" sollte sein, dass Multimedia-Files nach dem Klick automatisch mit dem MediaPlayer geöffnet werden - außer, der Nutzer hätte sich dagegen entschieden und die entsprechende Einstellung verändert.

Dagegen waren die Verhandlungsführer von AOL - die Verhandlungen kamen zum Stillstand.

Eine Kollision von Betonköpfen? Krach um Kinderkram?

Durchaus nicht. Am Realplayer/MediaPlayer-Streit zeigte sich nur deutlich die Kollision zweier inkompatibler Unternehmen, die mittlerweile an so vielen Stellen konkurrieren, dass eine Einigung zwischen beiden eher ein Fall für die Kartellbehörden gewesen wäre, als der Abbruch der Verhandlungen. Beide kommen aus der "Technologie-Ecke", beide streben danach, sich als multimediale Medienhäuser zu etablieren.

Das widerwillige Miteinander der letzten Jahre resultierte doch nicht zuletzt aus juristischen Auseinandersetzungen. Einzig, dass sich AOL den im "Browser War" - einem der Auslöser des Kartellprozesses gegen "MS" - unterlegenen Netscape-Browser einverleibte, ließ die Konkurrenten zeitweilig fast wie Verbündete erscheinen: Was Microsoft nie gelungen war - Netscape tatsächlich kaputt zu bekommen -gelang erst AOL durch stete Vernachlässigung und halbherzige Weiterentwicklung.

AOL selbst führt, gebunden durch alte Verträge, noch den Microsoft Internet Explorer mit sich - eine Art "Gegenstück" zur Vorinstallation des AOL-Dienstes unter Windows. Der "IE" dürfte wohl nun ebenfalls "fliegen": Da steht zu hoffen, dass es den Netscape-Entwicklern bald gelingt, eine marktreife Browser-Version auf den Markt zu bringen, der wieder auch die Webauftritte der Time-Warner-Zeitschriften korrekt anzeigen kann. Netscape 6 verbreitert das Bildschirmformat bei dynamisch generierten Seiten mitunter auf mehrere Meter mal 600 Pixel. Das könnte böses Blut geben, "inhouse".

Auf beiden Seiten zeigt der Abbruch der Verhandlungen ein Selbstbewusstsein, das dort vor Monaten nicht zu finden war. Microsoft zittert offenbar längst nicht mehr vor dem noch immer drohenden Urteil im Kartellprozess. Und AOL verliert mit der Vorinstallation der Zugangssoftware einen zwar wichtigen, längst aber nicht mehr lebenswichtigen Vertriebskanal.

Denn - Windows-User wissen das - AOL war über Jahre mit den diversen Windows-Versionen ausgeliefert worden und soll so auch zahlreiche Kunden gewonnen haben. Auf der anderen Seite ist AOL seit dem Frühjahr letzten Jahres nicht mehr die gleiche Firma. Seit der Fusion mit Time Warner hat AOL einen starken Partner im Rücken, der - wenn er will - den Postboten in aller Welt Rückenschmerzen bereiten kann.

"Inhouse" kostet der Vertrieb immer neuer AOL-Zugangs-CDs, die allmonatlich die Briefkästen zu Millionen verstopfen, herzlich wenig. Zeitschrift auf, Uhu drauf - und wieder freut sich ein glücklicher Kunde über einen neuen, glänzenden Frisbee. Es soll Leute geben, die AOL-CDs sammeln und solche, die damit tapezieren.

So und nicht anders kann man die ganze Sache bewerten: Als enorm schlechte Nachricht für Postboten und Zeitschriftenverkäufer, als gute Nachricht für Microsoft-Aktionäre. AOL hat einen Vertriebsweg verloren, Microsoft sein Selbstbewusstsein wiedergefunden. Künftig, liebe User, werden Sie auf das gewohnte AOL-Logo auf dem Windows-Desktop verzichten müssen. So what?

Frank Patalong

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