Yahoo! Instant Messenger: Da ist Musik drin - DER SPIEGEL
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Yahoo! Instant Messenger Da ist Musik drin

Hat da wer behauptet, die Musikindustrie habe keine Chance im Online-Wettbewerb mit den P2P-Börsen? PressPlay setzt auf den Yahoo! Messenger als Vertriebskanal - und der erreicht Millionen von Kunden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Millionen? Eine mehr als schwammige Zahlenangabe: Statistiken sind im Web so eine Sache für sich. Dienste, die auf dem Download einer Software beruhen, sind immer in Versuchung, diese Downloads als tatsächlichen Nutzungsindikator zu nehmen. Doch Surfer kennen das aus ihrer Alltagserfahrung: Man nutzt längst nicht alles, was man aus dem Web lädt - und wenn, dann vielleicht nur, bis man etwas Besseres findet.

Dazu kommt das Problem der Anonymität. Wie viele User geben beim Download von Browsern, Realplayern, beim Anlegen von Freemail-Accounts oder bei der Anmeldung bei P2P-Börsen ihre echten Namen an? Wie viele sind unter diversen Namen unterwegs?

Die Statistiker in Unternehmen und Marktforschungsinstituten wissen das. Manche rechnen einen prozentualen Anteil aus ihren Zahlen heraus: Doch auch das sind letztlich Schätzwerte, die nur auf Annahmen basieren. Das Halbwissen hat schließlich auch eine positive Seite: Alle profitieren von astronomisch hohen Nutzerzahlen.

Wie zum Beispiel AOL, das mit dem Instant Messengers AIM und ICQ sicherlich Marktführer ist. Zugleich ist AOL ein krasses Beispiel für die Unzuverlässigkeit von Daten. Es gibt Quellen, die trauen AOL im Instant-Messaging-Markt einen Marktanteil von 90 Prozent zu. Andere, wie im Sommer 2001 die Yankee Group und InsightExpress, sprechen hier von 56 respektive 57 Prozent.

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen: User tendieren dazu, zu verschiedenen Zwecken verschiedene Software-Module zu nutzen. Die Ausschließlichkeit, die die Zahl "90 Prozent" impliziert, ist mit Sicherheit falsch. Da bis heute kein einheitlicher Standard geschaffen wurde und die Nutzer verschiedener Messaging-Dienste in der Regel nicht miteinander kommunizieren können, führt das zu einer parallelen Nutzung verschiedener Programme. So kommt der Yahoo! Messenger, größter unter den Zwergen, angeblich auf immerhin 32 Prozent Marktanteil. Andere Quellen trauen ihm nur 14 Prozent zu.

Gezauberte Zahlen?

Vielleicht.

An ihnen entscheidet sich, ob der Yahoo! Messenger nun "nur" 30 Millionen, oder doch vielleicht 60 Millionen potenzielle Nutzer besitzt. Doch wie auch immer diese Antwort ausfällt: Es ist ein Pfund.

Und weil der Yahoo! Messenger es wie alle des rund halben Dutzends kleinerer Messaging-Dienste im Wettbewerb mit AOL und MSN nie leicht hatte, erfuhr der kleine Herausforderer im Lauf der Jahre zahlreiche Aufwertungen. Dass man sich die kleinen Programme mit Skins selbst aufhübschen kann, ist lang schon Standard. Dass die Yahoo!-Clients auch seit langem schon Daten übertragen können, macht sie nun zum Joker im keimenden Markt des Online-Musikvertriebes.

In dieser Woche etwa bietet Yahoo! eine "Background"-Skin für sein Programm an, das Fotos der US-Band Garbage zeigt. Schönes Detail für Fans: Parallel lädt der Messenger die neueste Single aus dem Web - und natürlich sorgt die Shop-Anbindung dafür, dass man theoretisch auch gleich das Portemonnaie zücken könnte.

Das sind Fähigkeiten, von denen Vertreter der Musikindustrie bisher nur träumen.

Die buhlen ganz anders um die zukünftige Online-Vertriebs-Kundschaft. Das Mittel der Wahl schienen die exorbitant erfolgreichen P2P-Börsen, über die Nutzer so fleißig wie - in aller Regel - illegal alles tauschen, was nicht gut genug verschlüsselt daherkommt.

Die Strategie der Musikindustrie hieß bisher Umarmen oder Ersticken: Während die meisten der großen Labels Ex-Marktführer Napster in den Winterschlaf klagten, umarmte Bertelsmann die P2P-Börse, wie Universal MP3.com erst an den Rand des Ruins klagte, bevor es die populäre Musik-Website inhalierte. Anderen, weniger populären Börsen versuchte und versucht die Musiklobby schlicht, den Hals umzudrehen.

All das geschieht, um Raum und Chancen für kommerzielle Modelle zu schaffen. Bertelsmann und Vivendi sind nicht abhängig davon, dass die von ihnen absorbierten Unternehmen erfolgreich fortbestehen: Wichtiger ist den Konzernen, dass sie deren Technologien in die Hände bekommen haben. Ein Fortbestehen der Web-Marken wäre hilfreich bei der Eroberung des neuen Marktes - aber kein Musikunternehmen legt sich im Augenblick auf nur eine Strategie fest. Wie zum Beispiel Universal. Der Marktriese ist Partner in der "PressPlay"-Kooperation, einem von insgesamt zwei Versuchen der fünf großen Musiklabels, kommerzielle Musikbörsen auf die Füße zu helfen. Bisher trauten Marktbeobachter diesen Versuchen herzlich wenig zu. Hauptargument gegen die Strampelversuche der finanzkräftigen Großanbieter: Während man bei P2P-Börsen (illegal) alles bekommt, sind in den Label-gebundenen Shops nur die Produkte der betreffenden Firmen zu erhalten. Aus Unternehmenssicht ist so etwas logisch, aus Kundensicht unbequemer Schwachsinn: Welcher Künstler von welchem Label vertrieben wird, interessiert die Kunden einen feuchten Kehricht.

Als potenzielles Erfolgsmodell werden darum nach wie vor Dienste gesehen, die Produkte aller Anbieter vermarkten - wie zum Beispiel Napster, sollte der Dienst, wie Bertelsmann-Vertreter nicht müde werden zu versichern, wirklich einen zweiten Frühling erleben.

Viel versprechendes Modell: Beiläufiger Konsum

Das Yahoo!-Modell eröffnet nun eine neue Front im Online-Vertrieb und beweist, dass die PressPlay-Mächtigen von Universal durchaus nicht auf den Kopf gefallen sind. Sie nutzen das Vehikel des Messengers, potenzielle Kunden in höchst beiläufiger Weise mit einem Produkt in Kontakt zu bringen: Das hat was. Die Vision im konkreten Beispiel: Garbage-Fans diskutieren und schwatzen über "ihre" Band, während sie sich Fotos der Gruppe ansehen und mit deren Musik bedudelt werden. Das ist Werbung und Shopping zugleich, denn die Kasse ist nur einen Mausklick entfernt. Sexy ist das vor allem darum, weil es völlig beiläufig ist.

Das ist etwas völlig anderes, als bewusst einen Online-Shop zu "betreten": Diesem Besuch muss schon die halbe Kaufentscheidung vorweg gehen.

Ein durchaus cleverer Zug also - und offensichtlich ein von langer Hand geplanter Schritt. Erst gestern tickerte eine Pressemitteilung aus dem Hause Universal, die heute erst verständlich wird: Universal teilt das aufgekaufte Unternehmen MP3.com in zwei Rumpffirmen. Zum einen soll das "Portal" fortbestehen, zum anderen eine Technikfirma MP3-Vertriebswege erschließen. Womit auch klar wird, auf welche Technologie sich der Vertrieb über Yahoo! stützen kann: Auf die vertrauten und erfolgreichen Formate und Wege des Webportals MP3.com. Da ist Musik drin: Möglich, dass die Monate des zähen Ringens, des scheinbaren Stillstands im Wettbewerb um die Musik-Börsen der Zukunft so langsam vorbei sind. Es bleibt spannend.

Frank Patalong