1000 Game Heroes: Who's who der Pixelhelden - DER SPIEGEL
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1000 Game Heroes Who's who der Pixelhelden

Lara Croft, die digitale Amazone der Spielewelt, ist schon eine kantige Type - nicht nur wegen ihrer rauen Umgangsformen, auch im direkten Vergleich. Mit "1000 Game Heroes" legt der Kölner Taschen Verlag das Standardwerk zum State of the Art im elektronischen Entertainment vor.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vier Pfund Buch gefällig? Ganz schön gewichtig kommt "1000 Game Heroes" daher, und ganz schön edel: Auf über 600 Hochglanz-Seiten lädt David Choquet, einer der bekanntesten französischen Autoren rund ums digitale Spiel, zu einer Reise durch die Pixel-Welten ein, mit sehr viel Bild und reichlich Text.

Für den, der die Erschaffung phantastischer Welten aus Polygonen als Kunst versteht, ist sowohl die Form des Buches als auch der veröffentlichende Verlag eine logische Wahl: Taschen aus Köln steht seit Jahren für Kunstbücher mit gesunder Nähe zur Jetztzeit. Auch Pop ist nun mal Kultur, und nirgendwo zeigt sich das deutlicher als auf den Monitoren von Macs und PCs und den mit Konsolen verdrahteten Bildschirmen sowieso.

Worum geht's?

Das Computerspiel hat eine Geschichte, die immerhin gut 30 Jahre zurückreicht. Selbst völlige Laien wird es daher kaum überraschen, dass die Riege der digitalen Helden satt über 1000 Köpfe zählt. Doch Choquet zeigt nicht Geschichte, er zeigt das Jetzt: "1000 Game Heroes" umfasst die Digitalschaft der aktuellen Daddel-Identifikationsfiguren, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Kein Spiel, das Choquet in üppigen Bilderbögen, begleitet von informierten Texten über Inhalt, Produktion und Macher, bespricht, ist älter als 22 Monate.

Das hat schon was, wird manche begeistern, andere enttäuschen: Man kann das Buch lesen wie einen Katalog des aktuell Käuflichen, es als Leistungsshow des überhaupt Machbaren goutieren, als Berater verstehen oder einfach nur im Reichtum der Bild- und Spielewelten schwelgen. Was man darin nicht zu suchen braucht, ist eine kritische Hinterfragung des Ganzen: Das Buch feiert ganz ungeniert den Siegeszug einer neuen Entertainmentwelt mit einer Ausstellung ihrer Helden.

Wie weit diese schon Alltagskultur geworden sind, begreift man spätestens dann, wenn man überrascht feststellt, wie viele der tausend Helden man tatsächlich schon kennt: Was man selbst noch nie gespielt hat, darüber hat man vielleicht schon gelesen, die Protagonisten auf T-Shirts oder Postern gesehen.

Was taugt es?

"1000 Game Heroes" ist also einerseits ein sehr flacher Ansatz, weil das Buch wie ein Familienschnappschuss dem "Kann man jetzt kaufen" und mehr noch, dem "Kann man bald kaufen" verhaftet bleibt; andererseits wirklich breit, weil Choquet kenntnisreich und mit viel textlicher Tiefe die glänzende Oberfläche untermauert. Choquet hat sich dazu entschlossen, Geschichten zu erzählen statt Geschichte: Das kann man so machen. Auch das Grundkonzept, die Spielewelt anhand ihrer Helden in Genres aufzuteilen, ist schlüssig. Dass die Einleitungen der einzelnen Kapitel von prominenten Spieleentwicklern wie Shigeru Miyamoto, Bill Roper oder Peter Molyneux geschrieben wurden, ist wahres Futter für die Fans.

Was dabei unter dem Strich herauskommt, ist eine Art "Who's who" der Spielewelt, ein Buch mit "Wow!"-Effekt, das zum Blättern einlädt. Nachher weiß man selbst als Spiele-Freak einiges mehr als vor der Lektüre: Allein das ist schon ein Fazit, das man nur über sehr wenige Game-Bücher ziehen wird.

Dazu ist das Ding noch schön und zudem clever, denn einem seit einigen Jahren von Taschen konsequent verfolgtem Konzept folgend, richtet sich auch dieses Buch gleich an drei große Märkte: Der Text läuft in Englisch, Französisch und Deutsch. Gut ist das, weil es sonst kaum denkbar wäre, dass ein so spezialisiertes Buch, das sich anspruchsvoll mit dem vermeintlich Anspruchslosen befasst, einen genügend großen Markt finden könnte.

So aber ist "1000 Game Heroes" ein Schmökertipp für Spielefans, für Comicfreunde, Grafik-Junkies und Liebhaber der Popkultur. Nostalgiker, Analysten und Soziologen würden sich dagegen daran verkaufen. Der Verkaufspreis von 30 Euro entspricht übrigens einem Kilopreis von 15 Euro: Das ist halt Lachs, kein Hormon-Geflügel. Und im Gegensatz zum Fisch ein leichter Genuss, der nicht im Magen liegt.

"1000 Game Heroes". Taschen-Verlag Köln, 2002; 608 Seiten; 30 Euro.

Frank Patalong