3dme: Mein Avatar und ich - DER SPIEGEL
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3dme Mein Avatar und ich

So manche neue Technik wirft Fragen auf, die wir uns ansonsten nie gestellt hätten: Wäre man lieber Cinderella oder Lara Croft, Krümelmonster oder vielleicht Big Jim? Dreidimensionale Avatare als Nachrichtenboten über das 3G-Handy: Ein Riesenspaß, mit dem sich Geld verdienen lässt?
Von Mario Gongolsky
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Avatare sind realistische Kreaturen aus dem PC und fanden sich bislang meist als "Hostessen" für Internetangebote im Netz wieder. Der bekannteste Avatar ist die hübsche Ananova, eine synthetische Nachrichtensprecherin, die im Jahr 2000 für eine Ablöse von unglaublichen 95 Millionen Pfund zum Telefonanbieter Orange wechselte. Ansätze, Avatare zu bestimmten Anlässen an Websurfer zu vermieten, gab es zwar, doch die Dotcom-Krise ließ solche Geschäftsideen wieder in der Versenkung verschwinden.

Die Firma 3dme.com aus Boston versucht einen neuen Anlauf in diese Richtung. Dabei spekuliert man vor allem darauf, dass die Fortentwicklung im Mobilfunksektor dazu führt, zahllose Handybesitzer für den eigenen Message-Avantar zu begeistern.

Im Augenblick werden die Websurfer schon einmal kostenlos angefüttert. Für eine gewisse Zeit darf man sich ein neues dreidimensionales Ich aussuchen und Mailempfänger damit erschrecken. Das Webportal erlaubt bereits heute den Versand von Multimedia-Messages (MMS) in den Mobilfunk. Wer nun glaubt, das Ganze sei kaum mehr als grober Unfug, dem sei gesagt, dass Handylogos und Klingeltöne gegen die liebenswerten 3D-Monsterchen, reichlich blass aussehen.

Kennen Sie Shmenk?

Nachdem der 3dme-User registriert ist, kann er sich ein kleines Programm downloaden. Mit ihm lassen sich Messages erstellen. Dabei hat man die Wahl unter verschiedenen "Charakteren". Meine Wahl fällt auf Shmenk, ein realistisch wirkender Menschen-Avatar mit sehr interessanten Gesichtszügen, einer markanten Nase und beweglichen Segelohren. Um dem Avatar die passenden Worte in den Mund zu legen, besteht entweder die Möglichkeit, einen geschriebenen Text zu synthetisieren (Text-to-Speech), oder gleich seine eigene Stimme über ein Mikrofon mitzuschneiden. Dabei werden realistische Mundbewegungen erzeugt. Zusätzlich kann der Avatar Mausbewegungen flüssig folgen. Auch Grimassen und Grundstimmungslagen hat die Erstellungssoftware im Angebot. Das alles lässt sich aufzeichnen und auf ganz unterschiedliche Schnittstellen schicken: per E-Mail an andere 3dme-User, als Videostream-Datei, als MMS oder als I-Mode-File in cHTML. Fest steht, der Empfänger bekommt in jedem Fall etwas zu lachen!

Shmenk ist auf dem Weg nach Europa

Die europäische O2-Holding "mmO2" hat schon einmal einen Vertrag mit den Entwicklern in Boston unterzeichnet und will versuchen, 3dme als Spaß-Application für MMS zu installieren. Wer 3dme selbst einmal ausprobiert und gelacht hat, glaubt fast zwangsläufig an einen Erfolg. In Deutschland hingegen ist man bei O2 eher zurückhaltend. "Eine Deutschlandeinführung steht im Augenblick nicht auf unserer Agenda", lässt Pressesprecher Roland Kuntze wissen. Schade, denn Anwendungen, die Spaß machen, befördern neue Dienste schneller in den breiten Markt als noch so teure Werbemaßnahmen.

Monster-Werbung?

Rollt künftig eine Welle von 3-D-Werbemails auf unsere virtuellen Postfächer zu? Die Verlockung scheint riesengroß. Träumen Werbestrategen schon von der "Prinzenrollen-Webseite", die den Versand von ständig "Kekse!" rufenden Krümelmonstern ermöglicht?

Mirko Karafiat, freier PR-Berater aus München, arbeitete in den Hochzeiten des Internet-Hypes für einen der führenden europäischen Werbevermarkter. Zahlreiche innovative Firmen der New-Economy hat er in den Markt begleitet und beinahe ebenso viele Firmen hat er wieder untergehen sehen. Gibt er den netten Avataren eine Chance als Sympathieträger im Mobile-Marketing? "Im Augenblick sehe ich da kaum Vermarktungsmöglichkeiten. Wie verhalten sich die Avatare auf dem kleinen Handy-Display? Wie groß wird die Verbreitung von MMS-fähigen Handys in der Zielgruppe sein? Zudem lässt sich die Idee leicht kopieren. Wenn solche Avatare einen Markt finden, werden Firmen wie Disney mit Ihren weltbekannten Figuren zur Stelle sein", zweifelt Karafiat. Ein weiterer Faktor sind die Kosten für die aufwändige Erstellung eines Werbe-Avatars.

Keine Auferstehung des HB-Männchens? Weder ein Meister Propper noch ein Spee-Fuchs, der zur Sauberkeit mahnt? Da haben wir ja noch mal Glück gehabt.