4chan: Christopher Poole alias moot verkauft sein Forum - DER SPIEGEL
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Berüchtigtes Bilderforum 4chan-Gründer verkauft sein Baby an den Uropa

4chan ist das berüchtigste Bilderforum des Internets, der Geburtsort von Lolcats, Anonymous und zahllosen Memes. Gründer moot wurde von seinen Nutzern lange als Held verehrt - jetzt hat er 4chan an sein großes Vorbild verkauft.
Christopher "moot" Poole: 2003 hat er 4chan gegründet
Christopher "moot" Poole: 2003 hat er 4chan gegründet

Christopher "moot" Poole: 2003 hat er 4chan gegründet

Foto: SPIEGEL ONLINE
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Der englischsprachige Wikipedia-Eintrag  zum Japaner Hiroyuki Nishimura ist derzeit ein umkämpftes Fleckchen Internet. Zornige oder einfach nur zu üblen Scherzen aufgelegte 4chan-Nutzer mischten immer wieder Beleidigungen - kurioserweise oft antisemitische - und justiziable Anschuldigungen unter den biografischen Text. Mittlerweile dürfen den Eintrag nur noch bestimmte Nutzer editieren.

Der Grund für den Enzyklopädie-Vandalismus: Nishimura, Gründer des japanischen Bilderforums 2Channel, hat 4chan gekauft , den berühmtesten aller 2Channel-Epigonen.

4chan existiert seit 2003. Gegründet hat die Website Christopher Poole alias moot, damals noch im Teenageralter. 4chan war, wie das japanische Vorbild 2Channel, zunächst eine Anlaufstelle für Fans japanischer Comics und Zeichentrickfilme. Nutzer können dort auf einer extrem reduzierten Oberfläche unter Pseudonym oder vollständig anonym Bilder posten und kommentieren. 4chan ist ein Anti-Facebook.

Pornografisches oder extrem Geschmackloses

Jenseits von Anime und Manga etablierte sich im Lauf der Jahre eine seltsame, manchmal beunruhigende und oft abstoßende Kommunikationskultur. Berüchtigt ist insbesondere das Unterforum /b/, aus dem unter anderem die Web-Guerilla Anonymous hervorging. Dort findet sich stets auch Pornografisches, oft extrem Geschmackloses. Es werden Verschwörungstheorien verbreitet und möglichst provokative Witze gerissen. Amokläufer etwa werden bei /b/ gern ironisch als Helden gefeiert, immer unter Zuhilfenahme bestimmter Sprachfloskeln, deren Sinn sich nur Eingeweihten erschließt.

Anonymous-Geschichte
1 Min

Christopher Poole wurde durch 4chan irgendwann berühmt. Nachdem seine Identität bekannt geworden war, hob ihn das "Time"-Magazin 2009 unter die 100 Finalisten für die einflussreichste Person des Jahres. Bei der Online-Abstimmung platzierte ihn die Anonymous-Armee vor Barack Obama, Wladimir Putin und Oprah Winfrey.

"Pionier in der Welt anonymer Communitys"

Poole hatte in den vergangenen Jahren öfter eine gewisse 4chan-Müdigkeit durchblicken lassen. 2011 hatte er Canvas gegründet, ein Bilderform, das weniger anarchisch und damit besser monetarisierbar sein sollte. Canvas lief aber offenbar nicht und mutierte zu DrawQuest, einer Community für Zeichner, die ebenfalls scheiterte. Im Januar 2014 wurde DrawQuest von moot persönlich für tot erklärt . Im Januar 2015 verabschiedete sich mood aus dem 4chan-Tagesgeschäft und übergab es an einige Teilzeitkräfte.

Jetzt schrieb moot in einem Nachrichtenposting auf 4chan: "Es freut mich, heute verkünden zu können, dass Hiroyuki Nishimura, bekannt vor allem als Gründer von 2Channel, meinen Platz als Eigentümer von 4chan eingenommen hat." Es gebe "niemanden, der besser als Hiroyuki qualifiziert ist, 4chan zu leiten". Er selbst, Poole, sei seit 2011 eng mit dem Japaner befreundet, einem "Pionier in der Welt anonymer Communitys". Der "New York Times" gegenüber nannte Poole Nishimura den "Urgroßvater von all dem hier ".

Nishimura selbst ist augenscheinlich ein nicht allzu angestrengter Mann nach Pooles Geschmack. In einem "Wired"-Porträt aus dem Jahr 2008  wird er im Zusammenhang mit 2Channel mit den Worten zitiert: "Wenn es nötig wäre, jeden Tag um 9 Uhr aufzustehen, einen Anzug zu tragen und keine Videospiele mehr zu spielen, um die Seite am Laufen zu halten, würde ich vermutlich aufhören."

"Jackie 4chan" oder "Kim Jon moot"?

4chan besuchen der "New York Times" zufolge derzeit etwa 20 Millionen Nutzer im Monat. Die Seite, die von Poole immer eher wie ein Hobby als wie ein Geschäft betrieben wurde, ist damit weit hinter anderen zurückgeblieben, die mit 4chan-inspirierter Webkultur heute Abermillionen an Wagniskapital einsammeln, etwa Reddit.

Wie viel Nishimura für die Seite bezahlt hat, wurde nicht mitgeteilt, bei 4chan selbst reichen die Schätzungen von "500.000$" bis hin zu "ein Gigabyte Pizza". Andernorts wird mit gewohnt rassistischem Unterton darüber abgestimmt, wie man Nishimura, "unseren neuen Overlord" in Zukunft nennen solle. Derzeit populär: "Jackie 4chan". Abgeschlagen: "Kim Jon moot".