Abgesagte IT-Prüfungen "Hass auf die IHK"
"Weil seit gestern Mittag der gesamte Aufgabensatz der Abschlussprüfung im Ausbildungsberuf 'Fachinformatiker/in Systemintegration' detailliert im Internet nachzulesen war, haben die Industrie- und Handelskammern (IHKs) die für den heutigen Dienstag vorgesehene schriftliche Prüfung abgesagt"
, hieß es vor drei Tagen in einer Pressemitteilung der Industrie- und Handelskammern Deutschlands. "Bundesweit", versteht sich, denn schließlich handelte es sich auch um bundesweit einheitliche Aufgaben.
Sofort schlugen die Wellen der Empörung hoch. Die Azubis, die sich über Wochen auf die Prüfungen vorbereitet hatten, fühlten sich übervorteilt.
"Heute", schrieb Azubi Felix H. in einem Leserbrief an SPIEGEL ONLINE, "sollte mein großer Tag sein: die schriftliche Prüfung vor der IHK zum IT-Systemkaufmann.
Ich war gut vorbereitet, pünktlich da. Die erlaubten Hilfsmittel wie Tabellenbuch, Taschenrechner und Schreibgeräte zigmal vorher kontrolliert. Cola, Traubenzucker, Bonbons und Kaugummis waren auch vorhanden.
Die Prüfung besteht aus drei Teilen: Fachquali, Kernquali und Wiso. Der erste Teil war um 9.30 Uhr überstanden. Jetzt folgt eine 15-minütige Pause...
Die Pause wurde länger und länger...plötzlich erscheint ein kleiner, grauhaariger, bärtiger Mann und versucht zu erklären: 'Die bundesweite IHK-Prüfung ist hiermit vorzeitig beendet, da man heute Morgen festgestellt hat, dass die anderen zwei Teile der Prüfung im Internet kursieren."
Ausweichprüfungen existierten nicht, das Sicherheitsloch sei bei der IHK, man würde es finden. Neue Prüfungstermine könnten noch nicht mitgeteilt werden. Auf Urlaubspläne oder beginnende Arbeitsverträge könne man keine Rücksicht nehmen.
Prüflinge protestieren
Nicht nur Felix H. empfand all das als "skandalös". In einem anderen Brief heißt es: "Weder ist da die Rede von veröffentlichten Prüfungsaufgaben noch von veröffentlichten Lösungen, sondern davon, dass die THEMEN für die Abschlussprüfung veröffentlicht worden sind.
Danke, IHK, für diese wahrscheinlich unfreiwillige Selbstkritik, ist es doch ein ganz schönes Armutszeugnis, sich über die Bekanntgabe der Prüfungsthemen auszulassen. Der gesunde Menschenverstand sollte einem eigentlich sagen, dass für das Schreiben, beziehungsweise das Bestehen einer Prüfung die Kenntnis über die Prüfungsthemen essenziell notwendig ist. Wie soll man sich denn sonst darauf vorbereiten?"
Ein Punkt, der von vielen herausgestrichen wird und einer gewissen Logik nicht entbehrt: Von Abitur- bis hin zu akademischen Prüfungen ist genau das Usus: Dem Prüfling wird ein Satz möglicher Themen mitgeteilt, von denen einige dann tatsächlich abgefragt werden. Am "Skandal" des Sicherheitslecks macht sich für viele Azubis darum eine Fundamentalkritik an den IHKs und der Ausbildungsordnung der Kammern fest. Besonders harsche Kritik ernten die Berufsschulen.
"Lehrer, die nicht den blassesten Schimmer von IT haben, unterrichten Klassen, die schon zu Beginn der Ausbildung mehr wissen als sie selbst. Was dabei garantiert auf der Strecke bleibt, ist der Rahmenlehrplan. Ein Großteil dessen wird in der Berufsschule nicht einmal kurz angerissen.
Nach mehreren völlig unproduktiven Jahren, in denen die Azubis oft gerade mal den Unterschied zwischen einem Werk- und einem Dienstvertrag beigebracht bekommen haben, werden sie auf eine wild zusammengewürfelte
IHK-Prüfung losgelassen, die aus allem bestehen kann, was auch nur im Entferntesten in den Rahmenlehrplan hineininterpretiert werden kann, ohne wenigstens eine vernünftige Einschränkung der Prüfungsthemen mitgeteilt
bekommen zu haben. So wird die Vorbereitung zur Glückssache." Was es nur natürlich mache, dass man als "verzweifelter Azubi dann natürlich auf der Suche nach genaueren Informationen" sei.
Im Brief eines weiteren Azubi heißt es: "Es ist blauäugig zu glauben, dass diejenigen, die sich eine Themenliste aus dem Internet herunterladen, nichts für die Prüfung lernen. Ganz im Gegenteil, wissen sie doch dann wenigstens wie und wofür sie sich vorbereiten müssen."
Mehr als nur Themenlisten zugänglich
Wohl war, und in diesem Fall möglicherweise ganz genau. Viele Prüflinge verweisen derzeit darauf, dass es nur Themenlisten gewesen seien, die im Web kursierten. Etwas detaillierter war es wohl aber schon. So lautete beispielsweise die fünfte Frage im zweiten Fragenblock:
"7. Handlungsschritt (20 Punkte)
Die Multimedia GmbH will ihre Kundendaten in einer Datenbank speichern und auswerten. Dazu wurde bereits die auf Seite 2 des Bearbeitungsbogens abgebildete 'Tabelle Kunden' erstellt.
a) Tragen Sie sinnvolle SQL-Datentypen in die auf Seite 2 des Bearbeitungsbogens abgebildete 'Tabelle Kunden' ein. (6 Punkte)
b) Schreiben Sie eine SQL-Anweisung, die folgende Größen anzeigt...."
Genauer geht es kaum: Die Fragen sind (vollständig) eingescannten Kopien der Prüfungsbögen zu entnehmen, die noch immer im Web zu finden sind.
Die Kritik am ganzen Vorgang entschärft das nicht: Viele der Prüflinge, von denen augenscheinlich die meisten die detaillierten Prüfungsfragen nicht kannten, fühlen sich nicht nur in Sippenhaft genommen, sondern auch schlecht ausgebildet.
Einige Kammern scheren aus
Mit der Absage der Prüfungen waren im Übrigen auch einige IHKs alles andere als einverstanden. In Baden-Württemberg "zog man durch": Die dortigen Kammern hätten "eigene Prüfungsaufgaben" gestellt - was im gildenartigen Aufbau der Industrie- und Handelskammern weder beliebt noch vorgesehen ist.
Auch die IHK Hannover brach aus der Phalanx der Prüfungsabbrecher aus, weil "lediglich eine knappe stichwortartige Aufzählung einzelner Prüfungsinhalte wenige Stunden vor dem Prüfungstermin auf einer anonymen Homepage erschienen war", wie es in einer Stellungnahme der IHK Hannover hieß. Ein Abbruch der Prüfung erschien den Hannoveranern darum als "nicht verhältnismäßig". In Hannover haben die Azubis nun die Prüfung hinter sich, obwohl die Entscheidung der IHK Hannover eventuell auf unzureichenden Informationen beruhte.
Der ganze Vorgang macht am Ende nur klar, dass die IHKs mit ihrer bisherigen Prüfungsweise vor völlig neuen Problemen stehen. Bitter beklagen die Azubis in diversen Foren, dass die IHK sie einerseits für eine neue Technologie ausbilden wollten, die sie dann aber nicht nutzen sollten. Oder wie ein Azubi in einem Brief formuliert: "Außerdem werden überall vorbereitende Tipps gegeben. Wenn jeder Schüler nun 2 Tipps in ein Forum schreibt, dann kristallisieren sich nach einiger Zeit die wahrscheinlichen Themen heraus."
So was ist immer passiert, nur bisher halt nicht "bundesweit": Das relativ neue Medium hat auch die Kommunikationswege der Azubis verkürzt. Mit "bundesweit einheitlichen" Aufgaben wird die IHK da wohl kaum weiterkommen.
Mit vielen ihrer Vorgaben auch nicht: Noch vor vier Jahren war es im IHK-Bereich Rheinland-Pfalz Grundbedingung für IT-Ausbilder, Kenntnisse mit Lochkarten nachweisen zu können. Stichworte wie "Java", "Html" oder "SQL" waren den örtlichen IHK-Mitgliedern damals oft noch unbekannt.
Zu dem Zeitpunkt saßen viele ihrer späteren Azubis tatsächlich schon hackend am Rechner. Das Problem, scheint es, liegt tatsächlich nicht als Lösungsblatt-Scan im Internet, sondern ganz woanders.