Ärger ums Budget Icann bittet zur Kasse
Niemand weiß bisher genau wofür und vor allem warum man so viel an Icann bezahlen sollte. Der Zusammenschluss der europäischen "Registries", Centr , fand dafür klare Worte: "Für diese Rechnungen gibt es keine Rechtsgrundlage." Bei diesem Streit geht es nicht nur um Geld, sondern auch darum, wer die Kontrolle über die wertvollen, nationalen Internetadressen hat.
Parallel zu den Vorbereitungen für die ersten, weltweiten Onlinewahlen verschickte Icann auch erstmalig weltweit Rechnungen. Icann forderte 1,5 Millionen Dollar "Gebühren" von den 250 Ländern und Gebieten, die eine eigene Top-Level-Domain betreiben - wie etwa .de, .uk, oder .it. Die Zahlungen der Länder-"Registries" sollen 35 Prozent des Icann-Etats füllen.
Die Höhe der Forderungen richtet sich nach der Anzahl der in den Ländern registrierten Domainnamen. Deutschland, als größte Domainzone innerhalb der Ländercodes, sollte deshalb satte 500.000 Dollar überweisen. An zweiter Stelle folgt Großbritannien mit 250.000 Dollar.
Die Denic findet es nicht angemessen, die Höhe der Forderungen anhand der Anzahl der registrierten Domains zu berechnen, da der Service, den die Icann für die einzelnen Registrierungsstellen leiste, nicht von der jeweils registrierten Domainzahl abhänge, sondern vielmehr im Grundsatz für alle Registrierungsstellen identisch sei. Und Centr kritisiert: "Ohne Abschluss eines Rahmenvertrages zwischen den Registrierungsstellen und Icann kann die Organisation nicht einfach Gebühren einfordern, denen im betreffenden Zeitraum keine Leistungen gegenüberstünden."
Icann-Präsident Michael Roberts ist trotzdem optimistisch, dass der Großteil der Gebühren bezahlt werde. Nach seiner Auskunft haben unter anderem die "Registries" von Japan, Frankreich, Israel, den Niederlanden, Schweden und Taiwan die Gebühren bereits bezahlt.
Zugestanden: Icann braucht eine finanzielle Grundlage
Trotz aller Kritik ist klar: Ob nun Icann eine Regierung für das Netz ist oder nicht, sie braucht Geld wie jede andere Organisation. Doch Icann hat keine gesicherte Einnahmequelle im Gegensatz zu normalen Regierungsbehörden oder internationalen Organisationen. Diese werden im Allgemeinen vom Steuerzahler finanziert. Die Icann ist weder das eine noch das andere: Die Regierungen zahlen nichts, weil sie nur Berater der Icann sind, und einen Profit macht sie auch nicht, weil sie als "Non-Profit-Organisation" gegründet wurde. Die Frage ist nur: Wofür soll Icann Geld bekommen und wie viel braucht sie überhaupt?
Icann hat nur eine Hand voll Angestellte, die Direktoren bekommen kein Gehalt, und die "Meetings" werden weitgehend via "Sponsorship" finanziert. Wofür also braucht Icann ein Budget von fast 4,5 Millionen US-Dollar? Für Personalkosten sind im neuen Budget 1,6 Millionen Dollar vorgesehen. Zwar ist Kalifornien, wo Icann seinen Sitz hat, ein teures Pflaster, doch bei nur acht Vollzeit-Angestellten erscheinen die Personalkosten relativ hoch.
Trotz allem ist das Budget, in dem 4,3 Millionen Dollar als Ausgaben angegeben sind, für eine internationale Organisation, die weltweit agiert, weltweite Wahlen organisiert und nicht zuletzt die Stabilität des Netzes sicherstellen soll, eher niedrig.
Es geht nicht nur um Geld...
Der Streit um den finanziellen Beitrag der Ländercode-Verwalter ist demzufolge auch nur zum Teil ein Streit ums Geld. Es geht um viel mehr: Wer hat letztendlich die Autorität über die nationalen Namensräume? Viele der nationalen Verwalter verstehen sich als souveräne Manager nationaler Adressräume. Warum sollen sie also an eine "US-Firma" wie Icann eine Steuer zahlen?
Zudem arbeiten die meisten auf einer "Non-Profit-Basis" und können gar nicht zahlen - und Icann hat kaum Zwangsmittel, um die Gelder einzutreiben: Eine Sperrung von Ländercode-Top-Level-Domains bei Nichtzahlung verbietet die US-Regierung.
...sondern darum, wer im Web das Sagen hat
Trotzdem sind fast alle Ländercode-Verwalter bereit, ihren Beitrag zu leisten, wenn mit Icann in einem Vertrag geklärt wird, dass "es das souveräne Recht der lokalen Internet Community ist, die eigene Länderdomain zu verwalten". Darüber hinaus fordert Centr ein Mitspracherecht bei der Formulierung von Regeln der Icann.
Es geht also weniger ums Geld, als um die Formalisierung rechtlicher Beziehungen zwischen den nationalen "Registries" und Icann. Diese Formalisierung ist in vielerlei Hinsicht wichtig. Zum einen wird Icann den "A-Root-Server" verwalten, der praktisch die Wurzel des Netzes darstellt und ohne den es keine nationale Adressräume wie .de geben würde, und zum anderen sind Ländercode-Top-Level-Domains von zunehmender kommerzieller Bedeutung. Bis dato macht jeder mit seinem Länderkürzel, was er will.
Von besonderer Brisanz ist deshalb diese Forderung: Keiner der nationalen Adressverwalter soll das Recht haben, seine Adresse zu verkaufen. In einigen Ländern erfolgt die Verwaltung von Regierungen, in anderen, von "Non-Profit-Organisationen". In einigen Ländern ist das Recht zur Vergabe der Ländercode-Top-Level-Domains sogar verkauft worden. So hat Moldawien (.md) und Tuvalu (.tv) das Vergaberecht an amerikanische Firmen verkauft, die diese nun als Alternative zur überfüllten .com-Domain anbieten.
Während an dieser Icann-Front der Streit weitergeht, werden weiterhin Briefe an die "At-Large-Members" der Icann verschickt. Man fragt sich nur: Warum taucht die Onlinewahl gar nicht im Budget auf, während 1,6 Millionen Dollar für Personalkosten vorgesehen sind?
Christian Ahlert