Afrika Offline: Keine Spur vom globalen Dorf - DER SPIEGEL
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Afrika Offline Keine Spur vom globalen Dorf

Die digitale Kluft zwischen Industrie- und Entwicklungsländern wächst. Verschiedene neue Initiativen wollen das ändern - nicht immer ganz uneigennützig.
Von Jochen A. Siegle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit Jahren wird über das Potenzial des Internet zur Bekämpfung von Unterentwicklung philosophiert. Immerhin sind mittlerweile alle 54 Länder Afrikas online - erst im September war mit Somalia das letzte afrikanische Land ins Netz gestartet. Dennoch vertieft sich der Graben zwischen "Info-Armen" und "Info-Reichen" mit jedem Tag der Web-Evolution: Afrika stellt mehr als zehn Prozent der Weltbevölkerung, der Anteil an der globalen Online-Gemeinde liegt der Weltbank zufolge allerdings bei weit unter einem Prozent - Tendenz kaum steigend.

Der "State of the Internet Report 2000" des US Internet Council geht davon aus, dass insgesamt gerade mal 2,5 Millionen Afrikaner das Web nutzen. Frühere Studien zählten noch optimistische fünf Millionen Online-Afrikaner. In Nordamerika surfen zum Vergleich mehr als 136 Millionen.

Zudem konzentriert sich das Gros der afrikanischen User noch sehr stark: 70 Prozent der Web-Nutzer entfallen auf Ägypten und Südafrika. Letzteres zählt allein eine Million Net-User. Im Senegal haben nach einer Studie des US Department of Commerce dagegen gerade mal 11.000 der neun Millionen Bürger einen Netzzugang, in Nigeria sind nur 2000 Menschen online, im kriegszerrütteten Kongo praktisch niemand.

Mittlerweile verschreiben sich immer mehr Initiativen der Überwindung des "Digital Divide". So haben etwa Ende Oktober im Rahmen der Africa Forum 2000 Konferenz die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und Vertreter zahlreicher multinationaler Hightech-Unternehmen das "Africa Technology Forum" initiiert. Die Organisation soll sich zu einer Networking-Plattform für afrikanische und internationale IT-Unternehmen entwickeln. Zudem will das Forum "technologiefreundliche" Umfelder schaffen und private Hightech-Unternehmen in Afrika fördern.

Vor allem der Liberalisierung der Märkte wird längst eine Schlüsselrolle für eine rasche Online-Entwicklung prognostiziert. So betonte etwa auch IWF-Chef Horst Köhler in seiner Begrüßungsrede zum Africa Forum 2000: "Die Schaffung pulsierender privater Wirtschaftssektoren ist unabdingbar für Wachstum und die Bekämpfung der Armut in Afrika.'' In der Hoffnung auf eine zügige IT-Entwicklung privatisierten in jüngerer Vergangenheit bereits mehrere afrikanische Staaten ihre Telekommunikationsindustrien. In Ghana etwa - 1994 als erstes westafrikanisches Land ans Internet angeschlossen - forcieren bereits mehrere konkurrierende Mobiltelefonanbieter und Internet Service Provider den Tech-Sektor.

Auch der Computer-Multi Hewlett-Packard hat Mitte letzten Monats mit "World e-Inclusion" eine Initiative zur Verminderung der digitalen Kluft gestartet. Das Projekt ist allerdings nicht nur philanthropisch motiviert, die Hightech-Schmiede aus dem Silicon Valley wittert vor allem auch neue Absatzmärkte. "HP ist bereits seit Jahren in den USA sozial sehr engagiert und hat zahlreiche karitative Initiativen lanciert", erklärt eine Unternehmenssprecherin. "Mit World e-Inclusion erweitern wir diese Aktionen nun auf internationaler Ebene und entwickeln eine Business-Strategie."

Hewlett-Packard: "Sozial engagiert" mit Business-Plan

Im Rahmen des e-Inclusion-Projekts soll etwa Hardware im Wert von einer Milliarde Dollar an unterentwickelte Regionen in aller Welt geliefert werden. Die Geräte sollen dabei gespendet oder über Entwicklungshilfeprogramme, NGOs und einzelne Regierungen finanziert werden. Darüber, wie viele der Computer und Peripheriegeräte verschenkt und wie viele verkauft werden sollen, schweigt man sich in Palo Alto bislang aus.

Hewlett-Packard will eine Million Partner für das Programm gewinnen, um mindestens tausend Dörfer in der Dritten Welt mit Informationstechnologien versorgen zu können. In China und Indien ist die Einrichtung zwei neuer Labors geplant. "Dort sollen neue Technologien und Services entwickelt werden, die wiederum den armen Ländern zugute kommen", erklärt die Sprecherin. "Wir arbeiten bereits mit Hochdruck an günstiger Hardware für Entwicklungsländer - so etwa einem Funk-Handheld. Aber auch Konzepte für 'Volkscomputer' halten wir für sehr interessant." Die Initiative soll für HP schnellstmöglich profitabel sein. "Die Entwicklungsländer sind sehr wachstumsstarke Regionen und potenzielle Absatzmärkte der Zukunft", verdeutlichte e-Inclusion-Direktor Lyle Hurst die kommerziellen Interessen des Engagements. Analysten zufolge ist dieses Unterfangen allerdings zum Scheitern verurteilt: "In Entwicklungsländern ist quasi kein Geld zu verdienen - für HP ist das eine Investition, die sich frühestens in zehn oder 20 Jahren amortisiert", erklärt Martin Reynolds, Vizepräsident bei Gartner Dataquest in San Jose. Die Initiative versteht Reynolds daher vor allem auch als PR-Aktion, "jedoch als sehr positive".

Auch die internationale Gemeinschaft begrüßt das HP-Projekt. "Hewlett-Packard hat die Führungsrolle im Kampf gegen den Digital Divide übernommen. Ich bewundere die Firma für ihre Visionen", kommentierte etwa Jonathan Lash, Präsident des World Resources Institute. Auch der afrikanische Popstar und Unicef-Botschafter Youssou N'Dour äußerte sich sehr positiv zum e-Inclusion-Start: "Es freut mich sehr, dass Hewlett Packard die digitale Kluft bekämpfen will."

N'Dour setzt sich derweil auch selbst für die Überwindung der IT-Rückständigkeit Afrikas ein: Ende Oktober kündigte der Weltstar an, in seiner Heimat Senegal zahlreiche öffentliche "Joko Clubs"- eine Kombination aus Cybercafé und Online-Trainings-Zentrum - einzurichten, in denen seine Landsleute kostengünstig Zugang zum Internet bekommen können. Wie in so vielen anderen Ländern des Schwarzen Kontinents kämpfen die Menschen im Senegal täglich ums nackte Überleben. N'Dours Online-Mission wird dennoch gehört werden: Der Sänger wird in seinem Heimatland regelrecht vergöttert.