alt.music.pearl-jam Die Trauer der Fans
"Brad", 22.47 Uhr: "Kann das irgendwer bestätigen? Gibt es irgendjemanden, der das auch gehört oder gesehen hat?"
"Mikey", 00.29 Uhr: "Ich spreche gerade mit jemandem da drüben. Die behaupten, fünf Leute seien tot und 15 verletzt. My thoughts go out to all of them".
Was danach geschieht in "alt.music.pearl-jam", ist schwer zu beschreiben. Die Newsgroups des Usenet sind oft totgesagt worden in den letzten Jahren. Seit dem Beginn des Siegeszuges des WWW schien diese alte, wilde Ecke des Internet ein Schattendasein zu führen und mehr und mehr an Wichtigkeit zu verlieren. Doch in Situationen wie dieser, nach der Konzert-Katastrophe von Roskilde, zeigt das Internet, dass es mehr sein kann, als nur eine Präsentationsfläche für professionell produzierte Firmenauftritte.
Die Fans beginnen zu "reden".
"Dan W", 4.39 Uhr: "Heute ist wahrscheinlich die schlimmste Nacht meines Lebens. Heute nacht sind eine Menge sehr verwirrender Dinge geschehen, und ich werde damit nicht fertig. Gott sei mit denen, die wir in Roskilde verloren haben, und mit ihren Familien. Wir wissen, wie rauh es auf Konzerten zugehen kann, es hätte uns erwischen können, und daran sollten wir denken. Keiner kann sich da ausnehmen. Wir müssen es einfach in den Kopf bekommen, dass die geringste Bewegung, ein kleines Vorlehnen oder ein Schubser gegen die Person vor Dir die schlimmsten Konsequenzen haben kann. Morgen wache ich vielleicht auf und erkenne, das ich nur geträumt habe."
In dieser Nacht schafft das Web Nähe - auch zu den Opfern.
"Lamia", 4.25 Uhr: "Ich denke, wir als Fans sollten in der Lage sein, etwas zum Gedenken an die getöteten Fans zu organisieren. Ich weiß nicht genau, was, aber irgendwas müssen wir tun. Vielleicht könnten wir eine Sammlung organisieren und das Geld einer wohltätigen Organisation spenden? Hat jemand von Euch eine Idee? Meine Sommerferien haben schon begonnen, und ich habe die Zeit, um die Organisation zu übernehmen, von was auch immer wir uns hier gemeinsam überlegen. Ich meine einfach, wir müssen irgendein positives Zeichen setzen als Reaktion auf diese Tragödie."
Viele der Fans tun ganz spontan etwas. Sie beten für die Opfer.
"oshuns", 6.33 Uhr: "Mein Gott. Ich habe hier die ganze Nacht gesessen, mit rasendem Herzen, meiner Hand über dem Mund und Tränen in den Augen. Ich wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, die Hände in den Computer zu strecken und Eure zu erreichen, wer auch immer dies liest. Bis wir alle Hand in Hand sitzen und keiner von uns sich allein fühlen muss, so dass die Kraft unserer vereinten Gefühle hinausgeht und die berührt, die unsere Stärke brauchen heute Nacht. Ich kenne kein Gebet, das ausdrücken könnte, was heute ausgedrückt werden müsste. Aber ich zünde eine Kerze an für all die, deren Leben heute Nacht umgekrempelt wurde, in so vielen Abstufungen. Es ist so sinnlos. Vielleicht sollte das Gebet lauten, dass dies das letzte Mal war. Bitte, lass es das letzte Mal gewesen sein."
Rund Vierhundert Briefe folgten bis zum Mittag, und es geht noch immer weiter. Die Fans haben begonnen zu sammeln, sie arbeiten an Stickern, die sie auf zukünftigen Konzerten tragen wollen: Eine schwarze Acht auf weißem Grund. Falls es künftige Konzerte gibt, denn viele rechnen damit, dass Eddie Vedder, der Kopf der Band, nun aufgeben wird.
Um 1.10 Uhr bringt "Keith" einen Brief an die Band in Umlauf, der seitdem von immer mehr Mitgliedern der Newsgroup "unterzeichnet" wird: "Als Online-Community möchten wir Mitglieder von alt.music.pearl-jam allen Familien und Freunden der getöteten Konzertbesucher von Roskilde unser tiefstes Mitgefühl aussprechen, aber auch Euch, der Band. Wir wissen, wie Ihr zur Frage der Sicherheit auf Konzerten steht und möchten Euch und allen, die dabei waren, unsere Unterstützung und unsere Gebete übermitteln. Die unter uns, die Eure Arbeit kennen, fühlen die Trauer, die Ihr erlebt und hoffen, dass Ihr erkennt, dass Ihr Euch nicht schuldig fühlen müsst. Ihr habt immer alles in Eurer Macht getan, um solche Dinge zu verhindern. Von ganzem Herzen..."
"Warum zum Teufel schlagt ihr euch? Ihr seid hier auf einem Rock n' Roll-Konzert!"
Eddie Vedder, Frontmann von Pearl Jam, bei einem Konzert am 20. Juni 1995.
Frank Patalong