Amandas Abgang Vom Videoblog nach Hollywood
Vorher/Nachher: Amanda Congdon als Moderatorin von Rocketboom (links) und - professionell getunt - auf einem aktuellen PR-Bild
Foto: amandacongdon.com / rocketboom.comWer Amanda Congdon zum ersten Mal als Präsentatorin von Rocketboom sieht, unterschätzt sie leicht. Wie eine fleischgewordene Barbiepuppe, wie eine aus den Achtzigern in die Neuzeit gebeamte Olivia Newton-John, wie eines dieser zehntausenden langweiligen, adretten, für die Zahnpastawerbung prädestinierten Strahlefrauchen kommt sie herüber. Der Prototyp eines "All American Girl" - hübsche Hülle, wenig Inhalt?
Ihr Moderationsstil unterstreicht den Eindruck noch: Viele Gesten und Gesichter wirken übertrieben, überzogen. Auch der Text ist oft knapp neben der Spur. Will die oder kann die das nicht besser?
Sie will wohl nicht. Denn Congdon ist mehr als nur das hübsche Gesicht einer skurrilen Web-Show, die mit ihrem Start im Oktober 2004 ein völlig neues Format des Web-Entertainments begründete. Die 24-Jährige ist Mitautorin der Show und hält 49 Prozent der Anteile an Rocketboom, Prototyp für viele andere Web-TV-Formate rund um den Globus. Mit Ehrensenf fand das Konzept im November 2005 auch nach Deutschland, in einer auf den deutschen Markt angepassten Form: Katrin Bauernfeind darf dort weit mehr sein als nur die attraktive Frontfrau, die das Klischee des hübschen Dummchens gegen den Strich bürstet. Mag sein, dass Congdon noch eine Weile geblieben wäre, wenn sie diese Freiheit gehabt hätte.
Vielleicht aber auch nicht. Sie selbst erklärte Ende letzter Woche ihren Ausstieg und gab als Grund dafür an, dass sie zum einen an die Westküste der USA ziehen wolle, zum anderen aber mit ihrer Rolle als präsentable Frontfrau nicht länger zufrieden gewesen sei. Ihr Partner Andrew Michael Baron, der Congdon vor rund zwei Jahren per Inserat im Internet gefunden hatte, behauptet, es stecke mehr dahinter. Er wirft ihr mangelnde Kompromissbereitschaft vor, sie ihm, dass Kommunikation mit ihm ein "schwieriges Unterfangen" sei - eine Meinung, mit der sie nicht allein stehe. Baron vergleicht den Vorgang mit einer Ehekrise, gebrodelt habe es dabei schon länger. Die Wahrheit mag irgendwo zwischen all dem liegen.
Denn Congdon, die die Show anfänglich für 50 Dollar am Tag moderierte, wusste immer, wo sie wirklich hin will: Nach Los Angeles - was letztlich wohl Hollywood bedeutet. Schon vor ihrer Entdeckung durch die Web-Community stand sie auf der Bühne, spielte eine Mini-Rolle in einer TV-Soap. Ihre plötzliche Bekanntheit brachte ihr einen Gastauftritt bei CSI ein, wo sie sich selbst spielen durfte - die meisten Schauspieler haben ihre Karriere fast hinter sich, bevor sie solche Auftritte angeboten bekommen.
Congdon über ihren Abschied:
"Rocketboom interessiert mich nicht, so lange Baron sein Verständnis von 'Partnerschaft' nicht überdenkt."
Doch so schwer das aus hiesiger Perspektive auch nachzuvollziehen sein mag, Amanda Congdon ist bereits ein Star. Die Reichweite ihrer drei-Minuten-Sendung lag zuletzt bei 300.000 Zuschauern am Tag, seit einiger Zeit ist Rocketboom in den Vereinigten Staaten zudem über den Tivo-Service per Fernsehen zu sehen. Längst steht sie bei einem von Hollywoods Top-Agenten unter Vertrag, doch für die größte Publicity sorgt nach wie vor das Web: Letzte Woche war ihr Name der meistgesuchte bei der Blog-Suchmaschine Technorati - und verwies damit Kenneth Lay, den letzte Woche gestorbenen Enron-Gründer, auf die Plätze.
Michael Baron will nun bereits am heutigen Montag eine Nachfolgerin präsentieren. Vor kurzer Zeit erst hatte Rocketboom - über einen anlaufenden Werbeverkauf - begonnen, wirklich Geld zu verdienen.
Amanda Congdon äußert sich noch nicht dazu, wie es mit ihr weiter gehe. Bereits in der letzten Woche soll es Angebote gehagelt haben, ihre eigene Webseite wirkt längst wie eine Bewerbungsmappe in Richtung Film und Fernsehen. Die Web-Community, die ihr zu so viel Bekanntheit verhalf, hält sie sich aber weiterhin warm: Was auch immer sie in Zukunft tun werde, das Video-Blogging wolle sie nicht aufgeben, sagte sie der Nachrichtenagentur AP. Für Baron und Rocketboom wäre diese Konkurrenz womöglich keine guten Nachricht: Gesichter kann man austauschen, Köpfe nicht.