Amazon: Der unheimliche Verlag - DER SPIEGEL
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Amazon: Auf dem Weg zum Verlagshaus

Foto: HO/ AFP

Amazon Der unheimliche Verlag

Duck dich, Buchbranche: Amazon-Chef Bezos will sein Buchgeschäft zum One-Stop-Shop machen - von der Autorenakquise über den Verlag, Druck und Vertrieb bis zum Verkauf. Allein in diesem Jahr fast 200 Bücher. Es dürfte nur der Anfang sein.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Amazon, wurde am Mittwoch bekannt, hat den Bestsellerautoren Timothy Ferriss unter Vertrag genommen, dessen nächstes Buch von Amazon verlegt wird. Bemerkenswert ist das, weil Ferriss ein echter Mega-Seller ist und Amazon bisher als Buchladen galt, nicht als Verlag.

Bisher liefen Amazons Verlagsaktivitäten weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit. Von Amazon verlegte Autoren waren weniger prominent, und ihre Amazon-Bücher landeten auch noch nicht im regulären Buchhandel. Ab Herbst 2011 soll sich das ändern.

Für viele Konkurrenten der Firma wird damit ein Alptraum wahr. In den USA ist Amazon bereits seit 2007 umsatzstärkster Buchhändler, viele stationäre Händler sehen sich in einem Überlebenskampf. Borders, die mit 399 Filialen zweitgrößte US-Buchladenkette der USA, wird bis September geschlossen.

Es mag sein, dass Hauptkonkurrent Barnes & Noble (B&N) versuchen wird, sich die besten Läden unter den Nagel zu reißen. Zwischen dem und Amazon wird wohl der große Showdown um den US-Markt stattfinden - dazwischen mögen Nischen für Klein-Buchhändler entstehen, weil alles Große zwischen den Markt-Titanen zerrieben wird.

Ein Buchhändler? Eine Marktmacht!

An Amazon vorbei kommt kaum noch jemand. Zahlreiche Verlage nutzen Amazons Druckservice, um per Print on Demand ihre nicht mehr regulär gedruckten Bücher verfügbar zu halten ("Powered by Amazon"). Ein Service, den Amazon auch für Film- und Plattenfirmen anbietet, deren Klassiker auf Wunsch auf Scheibe brennt. Breiter als Amazon ist in den USA kein Dienstleister aufgestellt - Bezos Ambition ist ganz offensichtlich, alle Stationen der Verwertungskette medialer Güter abzudecken. Und ab 2011 eben auch forciert als Verleger.

Viele unabhängige Buchhandlungen wollen Amazons Bücher boykottieren, die meisten großen Ketten werden sie ins Programm aufnehmen. Auch Barnes & Noble will Amazons Schmöker anbieten - allerdings nur, wenn man auch das Recht bekäme, die E-Book-Versionen zu verkaufen. Als Bedrohung dürfte Amazon das kaum auffassen. Gegen den Konzern, der in den USA 2010 allein im Buchgeschäft über sechs Milliarden Dollar umsetzte, dürfte Widerstand ziemlich zwecklos sein. Im Zweifel könnte er es sich leisten, seine Konkurrenten einfach aufzukaufen.

Doch mit dem stationären Handel konkurriert Amazon viel lieber online. Primäres Ziel der aktuellen Initiative ist die Verlagsbranche. Die hat bisher weitgehend verpennt, dass ihnen gerade ein mächtiger Konkurrent auf die Pelle rückt. Amazons Verlagsversuche nahm in der Branche bisher kaum jemand ernst (siehe: "Amazons Weg ins Verlagsgeschäft", linke Spalte).

Sie wirkten ja auch wie kleine, bescheidene Versuchsballons. AmazonEncore veröffentlichte seit 2009 rund 140 Bücher, aktuell sind 67 Titel im Programm. Bei AmazonCrossing sind es bescheidene 17, beim Editionsprogramm "Domino Effekt", das Amazon zusammen mit dem Bestsellerautoren Seth Godin betreibt, gerade einmal sechs. Klingt wie Hobby, nicht wie Geschäft - doch der Eindruck täuscht: Es ist nur der Vorgeschmack auf das, was da noch kommen dürfte.

Herbst 2011 - Amazons Angriff auf den Markt

Denn seit April baut Larry Kirshbaum, einst Chef von Warners Buchsparte, Amazon Publishing auf. Bei ihm in New York sollen die strategischen Dinge geregelt werden. So gut wie unbemerkt hat Amazon Publishing bereits damit begonnen, seine Produkte in den regulären Buchmarkt zu bringen.

Und das läuft auch über Verlagskooperationen. Bereits im April lizenzierte Amazon Verwertungsrechte für zehn Titel an den renommierten Verlag Houghton Mifflin Harcourt (Boston). Als erster Titel aus der Crossing-Verlagslinie wird dort im Herbst "Die Henkerstochter", ein Historienroman des Deutschen Oliver Pötsch, erscheinen.

Mit Genreliteratur wird die Sache spannend

Das größte Potential dürfte aber die Thomas & Mercer-Krimireihe haben. Amazon hatte im Frühjahr fünf Autoren massenkompatibler Spannungsliteratur unter Vertrag genommen. Alle sollen bis Jahresende neue Bücher vorlegen. Der spektakulärste Deal gelang mit den Werken des verstorbenen Serien-Krimischreibers Ed McBain: Amazon erwarb 35 seiner populärsten Bücher, insgesamt wirft der Konzern allein im Herbst 47 Krimis auf den Markt. Zumindest 32 Erstausgaben hat Amazon Publishing im kommenden Verlagsprogramm. Der Gesamtkatalog dürfte schnell auf 200 Titel anschwellen.

Spätestens an diesem Punkt hört Amazon auf, ein heimlicher Verlag zu sein - er dürfte vielen Konkurrenten sogar unheimlich werden. Langsam schwant auch der Verlagsbranche, dass man Amazons Verlagsexperimente nicht länger ignorieren kann.

Die prominenteste Mahnerin ist derzeit Victoria Barnsley, Chefin der britischen Dependance von HarperCollins. Amazon sei ein "sehr, sehr mächtiger globaler Konkurrent", sagte sie in einem Radiointerview und seine Verlagstätigkeiten offensichtlich "Grund zur Sorge". Hausintern nenne man Amazon einen "frenemie", also "Freind" - halb Freund, halb Feind.

Amazon habe "phantastische Dinge für die Buchbranche geleistet", sagte sie weiter. Sie habe "gemischte Gefühle", immerhin ist Amazon zugleich Kunde und Konkurrent: "Aber es gibt keinen Zweifel daran, dass sie sich einer Monopolstellung nähern."

Das ist natürlich eine Übertreibung, doch dass sich Verlagsvertreter bedroht fühlen, ist logisch. Amazons Modell stellt die bisherige Verwertungskette in Frage, auf jeder Ebene. Noch bedient der Händler nur wenige populäre Nischen mit weitgehend trivialen, wenn auch gewinnversprechenden Produkten. Seinen Druck bekommen die Verlage aber schon jetzt zu spüren: Da Amazon Autoren weit bessere Konditionen biete als sonst üblich, sagte kürzlich der einflussreiche Literaturagent Andrew Wylie, müsste die Verlagsbranche kräftig nachlegen, um für Autoren attraktiv zu bleiben.

Üblicherweise bekommen Autoren 5 bis 15 Prozent des Verkaufsumsatzes, wenn sie Glück haben: Amazon bietet bis zu 70 Prozent bei den E-Books. Wylies Forderung: Verlage müssten ihre Tantiemen bis auf 50 Prozent hochschrauben. Finanzierbar wären so wohl nur noch Bestseller.