Angehörigen-Websites "You are not alone"
"You are not alone" Sie sind nicht allein, so steht es auf der Startseite von WorldTradeAftermath.com, einer Webseite, die sich mit den praktischen Fragen nach dem Anschlag auf das World Trade Center befasst. Mehr als 70.000 Menschen haben bislang das Angebot besucht, das Verweise auf Listen mit Überlebenden und auch Links auf die immer länger werdenden Todeslisten von CNN und der Zeitung "USA Today" enthält.
Und auch WorldTradeAftermath ist nicht allein. Nach den Anschlägen vom Dienstag ist mittlerweile gut ein halbes dutzend ähnlicher Webseiten entstanden. Auf ihnen können Freunde und Angehörige einen Anhaltspunkt über das Schicksal der von ihnen Gesuchten finden. In langen Listen mit Titeln wie "I'm Okay", finden sich die Namen von Menschen, die das grauenvolle Geschehen überstanden haben. Besser gesagt, überstanden haben sollen.
Denn die Angaben in den Listen, in denen mal Hunderte, mal weit über zehtausend Einträge stehen, sind weitgehend ungeprüft - daher sicherlich nicht in jedem Fall zutreffend. "Wir haben keine eigenen offiziellen Quellen und können die Richtigkeit dieser Informationen nicht garantieren. Wir vertrauen auf die Meldungen von unseren Nutzern, seien Sie deshalb bitte ehrlich und präzise," schreiben die Betreiber einer umfangreichen Liste, die an der Universität von Kalifornien in Berkeley gepflegt wird.
Makabre Späße
Doch einige Unbeirrbare lassen sich von solchen Bitten nicht beeindrucken. Und so tauchen etwa in den Listen von ny.com Phantasienamen wie "Beavis & Butthead" (#10068) oder "Adolph Hitler" (#11211) auf - keineswegs Einzelfälle. "Wir werfen falsche Einträge so schnell heraus wie wir können", schreiben die zuständigen Redakteure. Doch klingt das beinahe verzweifelt, angesichts der zunehmenden Zahl von Sinnlos-Einträgen wie "Bin Laden Must die" oder "No Arabs No Wars", mit denen die gut gemeinten Angebote zu kämpfen haben.
Dass die Wut Einzelner durchaus zu solchen gefährlichen Verallgemeinerungen greift, wird im Übrigen auch in den Diskussionsforen ersichtlich, die auf mehreren Angehörigen-Websites zu finden sind. "Ich denke, wir sollten anfangen, Afghanistan in einen großen flachen Parkplatz zu verwandeln", heißt es etwa in einem Posting im Meinungsbereich des "Desaster Message Service". In einem anderen steht einfach "Tod dem Islam". Doch überraschend groß ist hier die Zahl der Leute, die Hoffnungen äußern, "dass nicht noch mehr unschuldige Leute wegen Wut, Hass, Vorurteilen und Rassismus sterben".
Und viele User wollen auch gar nicht diskutieren, wie das leere Board von WorldTradeAftermath.com beweist viele wollen handeln. Und vor allem an sie richten sich die Angehörigen-Websites. Für sie gibt es Kontakttelefonnummern von Fluggesellschaften und größeren Firmen, die im World Trade Center Büros hatten, wie etwa Morgan Stanley, Listen mit den Namen der Mieter des pulverisierten Gebäudekomplexes: von AIG Aviation Brokerage ("Nordturm, 53. Stockwerk) bis Zim American-Israelis-Shipping Co. ("Nordturm 16. Und 17. Stockwerk") oder Ansprechpartner für Spenden ("Blut", "Essen und Kleidung", "Transportgeräte" und "Geld"). Für alle, die nichts tun können außer zu warten, gibt es nur den Trost des antiken Philosophen Plinius: "Hoffnung ist der Pfeiler, der die Welt abstützt," steht über jeder Seite.
Christoph Seidler