Anno 1503 Wuselige Zeitreise
Es gibt Leute, die gern schöpferisch tätig sind. Die am PC gleich ganze Welten formen, Geschichte neu schreiben, handeln, kämpfen, bauen. Das Ganze ist zudem ein spezifisch deutsches Phänomen: Nirgendwo sonst auf der Welt sind Simulationen so erfolgreich wie hier zu Lande. Titel wie "Siedler", "Völker" oder "Anno 1602" beherrschen seit Jahren die deutschen Verkaufscharts - und bekommen nun neue Konkurrenz. "Anno 1503" tritt das Erbe des Kult-Spiels 1602 an, und das gehört immerhin zu den meistverkauften PC-Spielen aller Zeiten - hier zu Lande.
Bemerkenswert daran ist vor allem, dass nicht nur deutsche Daddler die Sim-Welten wie niemand sonst goutieren, sondern dass es auch deutsche Programmierer sind, die hier den Ton angeben. Neben den Siedlern aus der Softwareschmiede Blue Byte ist es Sunflowers aus dem hessischen Heusenstamm, die mit ihren Welt- und Handels-Simulationen maßgebliche Arbeit abliefern. Nun also mit "Anno 1503", vom Vertrieb als die "Enthüllung des Jahres" angepriesen. Zu Recht?
Wie man's nimmt.
1503 kommt (natürlich) schicker, schöner, größer als 1602 daher. Davon abgesehen dürfte den Fans des ersten Erfolgstitels so manches sehr vertraut erscheinen. Das ist nichts Negatives: Die Siedler etwa beweisen seit Jahren, dass man Erfolge in Serie produzieren kann, ohne das Spiel auch nur umzubenennen.
Tatsächlich gelingt Sunflowers mit 1503 die Spaß-Steigerung für Puzzle-Affinados: Ordnend, planend und bauend greift der Spieler in das Geschick einer anfänglich ziemlich leeren Welt ein. Die ist groß und schön, erstreckt sich über sechs grundverschiedene Klimazonen und kann per pedes oder Schiff bereist und besiedelt werden. Ziel des Spieles ist es, ein blühendes, gesundes Land zu schaffen, in dem die Grundversorgung stimmt, die Infrastruktur, die Zufriedenheit der Bevölkerung, die hinreichend gesichert in Frieden leben will. "Aufbausimulation" nennt man so etwas, und das klingt doch konstruktiv: Fast ist man versucht, das Spiel als Übungssoftware ans Kanzleramt zu schicken.
Das ist natürlich naiv, weil jeder weiß, dass echten "Herrschern" die Zeit fürs Daddeln fehlt. Immerhin lässt sich das bei "1503" fast nebenbei erlernen, auch wenn man keine Vorerfahrungen mit 1602 gesammelt hat.
Was das Spiel dem Weltenlenker unter anderem erspart, ist die dröge Beschäftigung mit dem genreüblichen Statistik-Wust. Bei "Anno 1503" schaut man dem Volk auf die Finger, lenkt es mit Leichtigkeit über eine klare Navigation. Mit der erteilt man Bauaufträge, platziert Bestellungen, setzt Ziele. Wie üblich beobachtet man dann anfänglich mit Ruhe die Konsequenzen der Entscheidungen, bevor das bald rapide Anwachsen der Welt, der Entscheidungsnöte und Krisen mehr verlangt als eine ruhige Maushand. Fast wie im richtigen Leben steigt die Spannung mit der Komplexität der Aufgabe.
Das Ganze ist ein harmloser Spaß, der Konzentration erfordert und prächtig geeignet erscheint, graue Winterabende träumend in seinem ganz persönlichen Film zu verpassen. Die Software stellt keine besondere Anforderungen an die Hardware und bietet dem Spieler trotzdem eine detailreiche, charmant designte Spielwelt. Die glänzt durch Vielfalt der Figuren, Szenarios, Gefährte und Gebäude und vermag so den Simulations-Liebhaber eine ganze Weile in den Bann zu schlagen.
Das muss sie auch, denn Erfolg hin oder her ist Sunflowers noch immer ein eher kleines, deutsches Unternehmen, dem die Heere fest angestellter Programmierer fehlen, über die etwa manche amerikanische Konkurrenten verfügen. Acht Programmierer, erfährt man staunend, arbeiteten satte vier Jahre am 1602-Nachfolger, und sie haben ihre Arbeit ordentlich und gut gemacht, ohne das Rad neu zu erfinden.
Anno 1503: Aufbausimulation
Produktion: Max Design/Sunflowers
Erscheinungsdatum: 25. Oktober 2002
Windows 98/2000/ME/XP
Pentium II, 500 MHz oder mehr
128 MB Ram
12x CD-Rom-Laufwerk
min. DirektX 7-kompatible Grafik
Verkaufspreis: 49,99 Euro
Frank Patalong