Anti-Euro-Spiel: Der Euro, ein Moorhuhn? - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Anti-Euro-Spiel Der Euro, ein Moorhuhn?

Der Euro kommt - zur Freude der deutschen Spiele-Firma Independent Arts. Sie setzt auf den "Moorhuhn"-Effekt und die Ablehnung des Volkes: Mit dem "Stiefel des Todes" können PC-Spieler die Mark verteidigen und Euro-Geldboten ins Jenseits befördern.
Von Richard Löwenstein
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sind Sie für den Euro gewappnet? Falls nicht, dann können Sie sich ab der ersten Dezemberwoche ganz spielerisch dagegen vorbereiten: Das Anti-Euro-Game feiert Prämiere.

Es simuliert eine künstliche Welt, in der Bankangestellte von Brüssel nach Berlin oder von Rom nach Paris reisen, Euros quer durch Europa verteilen, die Koffer voller Geld haben und die Angst im Nacken. Denn es lauert der "Stiefel des Todes" - eine furchtbare Waffe, mit der Deutschlands PC-User die Überbringer der neuen, schon jetzt ungeliebten Währung in den Hintern treten, sobald sie ihrer geliebten Mark zu nahe kommen. Der Bote wird zum Prügelknaben.

So etwa lässt sich das Szenario umreißen, das Holger Kuchling und seine in Hamm ansässige Firma Independent Arts für ihr simples PC-Game ersonnen haben. Der fromme Wunsch: Die Euro-Phobie vieler Deutscher möge sich durch rasante Sympathie-Käufe in klingende Münze verwandeln. Zur Zielgruppe zählt Kuchling jeden, der den fatalen Treter per Maus halbwegs sicher über den Monitor dirigieren kann - Hunderttausende Büro- und Gelegenheits-Spieler, kurzum: die "Moorhuhn"-Klientel.

Das simpel konstruierte Prinzip wirft keine großen Fragen auf: Man stelle sich eine Landkarte der EU-Staaten vor. Bankiers in Schlips und Kragen tragen Koffer voller Euros in die einzelnen Staaten. Sie streben mit dem Klimpergeld in Richtung der Wahrzeichen von Berlin, Paris oder Wien. Wenn einer sein Ziel erreicht, verwandeln sich die dort abgelegten Mark-, Franc- oder Schilling-Münzen in Europas neue Einheitswährung.

Genau das soll der Spieler vereiteln!

Also lenkt er per Maus mächtiges Leder-Schuhwerk über die Karte und tritt damit möglichst jeden der Banker in den Allerwertesten. Schnell und gezielt, sonst verbröselt sich der Highscore ins Nirwana. Um die Aufgabe zu erschweren, eilen die Euro-Boten immer zahlreicher und flotter auf das Brandenburger Tor oder den Wiener Prater zu. Denn der Countdown läuft - und bei Null wird abgerechnet.

Nur ein neuer Punkterekord wäre ein Grund zum feiern! Ein bisschen Hektik also, gepaart mit bunter Comic-Grafik und etwas derbem Humor: Die Geld-Spediteure lassen sich zusätzlich durch Werfen landestypischer Spezialitäten (Baguettes, Bierflaschen, explodierende Kühe...) von ihren pekuniären Transportabsichten abbringen.

Mehr steckt nicht dahinter. Dass das Spiel zwischen sechs Levels und drei Schwierigkeitsgraden unterscheidet, ist womöglich sogar schon zu umständlich. Immerhin war ja gerade die totale Vergleichbarkeit der Punktestände ein Erfolgsrezept des "Moorhuhn".

An Reiz gewinnt die Punktejagd wiederum durch die Online-Tabelle. Von einem Buchhalter könnte dagegen die Idee stammen, ein von der Bundesbank geschnürtes Info-Paket mit auf die CD zu packen. Immerhin handelt es sich um eine Komplettschulung, die vom Aussehen bis zu den Sicherheitsmerkmalen der neuen Münzen und Scheine alles behandelt. So lässt sich vielleicht die weniger kindische Frau Gemahlin vom Nutzwert des Kaufs überzeugen.

Gratis ist die Software nämlich nicht. "Euro Alarm" kostet exakt 9,99 Euro, krumme 19,54 Mark also. Ob das Vertriebsunternehmen Koch Media bei der Preisfindung auf die Schnupperkits geschielt hat, welche die Banken ab dem 17. Dezember ausgeben? Um Probe-Päckchen mit Euro-Münzen handelt es sich da, Wert 20 Mark, exakt 10 Euro 23 Cent also. Wer's hier investiert, ist das ungeliebte Einheits-Geld gleich wieder los und hat etwas Spaß. Das Kapital könnte also schlechter angelegt sein.

Den Rubel ins rollen bringen soll eine vier Megabyte große Demo-Version mit einem Level. Etwas groß vielleicht, denn so viel laden sich Besitzer eines Schnecken-Modems nicht eben so mal runter. Da müsste es sich schon weit rumsprechen, wie sehr die simple Idee motiviert.

Darum würde der Hersteller zu gern die Boulevardpresse für PR-Zwecke einspannen. Ältere Herrschaften und eher bürokratisch gesonnene Mitbürger sollen bei einer Probe-Konfrontation mit laufenden Bildern bereits unwirsch reagiert haben, heißt es; optimaler Nährboden für ein kleines Skandälchen! Jetzt hofft Holger Kuchling nur noch, dass "Bundestagsabgeordnete oder Banker 'ne Krise kriegen". Dann wäre für ihn alles in Butter.

Download: Demo-Version .

Mehr lesen über