Anti-Taliban-Kampagne "Blut und Feuer"
"Das Büro für Internationale Informations-Programme (IIP) ist der wichtigste internationale Dienst für strategische Kommunikation. IIP entwirft, entwickelt und setzt eine Vielzahl von Informations-Initiativen und strategischen Kommunikationsprogrammen um. Diese erreichen ein internationales Schlüsselpublikum wie beispielsweise Medien, Regierungsmitarbeiter, Meinungsführer und die Öffentlichkeit in mehr als 140 Ländern in aller Welt."
So steht das auf der Homepage des IIP zu lesen, einer Unterabteilung des US State Department. Ungewöhnlich ist das nicht. Jede Regierung leistet sich solche Dienste. Vergleichbares gibt es seit Jahrzehnten.
Und auch nicht.
Denn es hat sich etwas verändert in der Medienlandschaft. Traditionell war Politik immer angewiesen auf die mediale Vermittlung ihrer Positionen. Weil (gute) Journalisten sich aber nicht als reine Überbringer von Nachrichten verstehen, saß zwischen Publikum und Politiker stets ein Redakteur als "Filter". Dessen Aufgabe im Umgang mit Nachrichten besteht darin, Ereignisse und Behauptungen in Kontexten darzustellen, die ihre Bedeutung und ihren Wahrheitsgehalt für das Publikum erfassbar machen sollen.
Platt gesagt: Die Presse ist kein Postbote der Politik.
Dafür gibt es jetzt das Web
In dem legendären Cartoon vom chattenden Hund, der 1995 in der "New York Times" erschien, fiel erstmals dieser Satz: "Im Internet weiß niemand, dass du ein Hund bist." Will heißen: Ob du groß oder klein, mächtig oder nicht, glaubwürdig oder auf Betrug aus bist. Mit dem Web entstand erstmalig in der Mediengeschichte eine Plattform, die zugleich Kommunikationsmedium mit Rückkanal und Veröffentlichungsmedium ist. Jeder kann "Verleger" sein und vergleichsweise kostengünstig veröffentlichen und Menschen erreichen - und das weltweit.
Für Regierungen und andere politische Akteure bedeutet das, dass sie erstmals in der Mediengeschichte der freien Welt auf dieses gehassliebte, aus ihrer Sicht unzuverlässige Bindeglied zur Öffentlichkeit verzichten können: den Journalisten. Sie können ihre Sicht der Dinge ungefiltert und in aller Ausführlichkeit der Öffentlichkeit präsentieren.
Transparenz oder Desinformation?
Seit dem Wochenende informiert die Bush-Administration die Weltöffentlichkeit über "The Network of Terrorism". Vierzehn Fortlaufseiten hat die Rahmenseite, linear zu lesen. Nur dann fügen sich die Inhalte zu einer Argumentation, deren Schluss nur einer sein kann: Die Bombardierung der Taliban ist eine gerechte Sache.
Wohlgemerkt, der Taliban.
- International Information Pograms:"Auslands-Info-Behörde" des US-State Department
- IIP:"The Network of Terrorism"
- IIP-Infos zu "Muslimisches Leben in Amerika"
Was in Afghanistan zurzeit geschieht, ist laut IIP kein Bombardement: Das Land erscheint in den Texten ausschließlich im Kontext mit "humanitärer Hilfe". Der einzige Hinweis darauf, dass die Lage dort derzeit vielleicht nicht die Beste ist, findet sich unter Punkt 7: "Afghanistans unmittelbare Zukunft", liest man dort, "wird eine schwierige sein, aber eine der Hoffnung, wenn auch nur deshalb, weil die Taliban und al-Qaida bald Vergangenheit sein werden."
Es folgt eine Aufstellung der Bemühungen Amerikas, um der "humanitären Krise" in Afghanistan Herr zu werden. Zum aktuellen Fünf-Punkte-Plan, lernt man, gehören die folgenden Maßnahmen:
- Reduktion der Zahl der Todesfälle, indem man jeden denkbaren Weg nutzt, Nahrung, Saatgut, Decken und Medikamente ins Land zu bringen, bevor der Winter beginnt;
- Minimalisierung von Bevölkerungsbewegungen, indem man so viel Nahrung wie möglich zu den Dörfern und ländlichen Gebieten schafft;
- Die Absenkung und Stabilisierung von Nahrungsmittelpreisen durch verbilligten Verkauf an örtliche Händler;
- Sicherstellung, dass die Hilfe tatsächlich die Bedürftigen erreicht und dass die Taliban daran gehindert werden, Hilfslieferungen zu plündern oder zu manipulieren;
- Beginn von Entwicklungshilfeprogrammen, die die afghanische Bevölkerung ermutigen sollen, mit dem Wiederaufbau von Häusern, Dörfern, Bauernhöfen und Märkten zu beginnen, wo dies möglich ist.
Auch für den Fall, dass noch Zweifel oder offene Fragen bleiben, hat das IIP vorgesorgt: Unter Punkt 13, "Aktuelle Nahrungsmittellieferungen an die Menschen Afghanistans", bekommt man zumindest die Informationen zu humanitären Aktionen noch einmal im Detail serviert.
Das alles ist - mit Verlaub, liebe Verbündete - hochgradig zynisch.
Es gibt kein Wort zu Bombenabwürfen. So wie die Filme des Pentagon gern "intelligente Bomben" zeigen, die nur Bösewichter treffen, selbst wenn sie in Wohnhäuser einschlagen, kann man die Luft- und Boden-Operationen der Anti-Taliban-Alliierten aus dem Kontext der Bush-Website nur als flankierende Hilfsmaßnahmen für die Nahrungsmittellieferungen verstehen. Die schmutzige Seite des Konfliktes blendet das "Network" einfach aus.
So verlogen und propagandagefärbt diese Schönmalerei auch wirkt, sie ist nicht völlig unehrlich: Immerhin behauptet das IIP ja gar nicht, informieren zu wollen. Sinn der Behörde ist vielmehr die "strategische Information" - und das impliziert, dass man nur gewillt ist, die Dinge mitzuteilen, die einem genehm sind. "Desinformation" oder "Propaganda" nennt man so etwas nur dann, wenn es der Gegner tut.
Die ganze Botschaft auf den Punkt bringt schließlich das Video zur Website, ein 48 Megabyte großer Quicktime-Film. Der zeigt nicht nur den "Day of Blood and Fire" in eindrucksvollen Bildern, sondern eine ganze Abfolge von Terroranschlägen aus dem islamistischen Lager bis zurück in die frühen Neunziger. Die Dramaturgie: Trümmer, Blut, Opfer, Tote, Rauch. Entschlossene Reaktionen. Solidarität in aller Welt. Der Feind: Identifiziert und präsentiert.
Und damit nicht der falsche Eindruck aufkommt, es ginge hier darum, Amerikaner und Verbündete gegen Muslime aufzubringen, bietet die IIP-Seite passend das begütigende Stück Gegeninformation über "Muslimisches Leben in den USA". Kurze Zusammenfassung: Es herrscht eitel Sonnenschein, Integration pur, Friede, Freude, Eierkuchen.
In Zeiten des Krieges, heißt es, bleibt die Wahrheit auf der Strecke. Im vernetzten Zeitalter muss man diese Aussage wohl erweitern, nicht nur für den Kriegs- und Krisenfall, sondern auf alle öffentliche Kommunikation: Wo im Web die Informationsmittler fehlen, bleibt die Wahrheit auf der Strecke.
Denn die hat immer Facetten, die erschlossen werden müssen. Die IIP-Websites "lügen" nicht, sie verschweigen nur wichtige Aspekte der Realität, weil sie (für sich genommen wahre) Infos vermitteln wollen, und unangenehme Wahrheiten verschweigen. Das ist der politischen Behörde IIP nicht vorzuwerfen: Das haben Presseämter nie anders getan, und das werden auch andere Regierungen der westlichen Welt künftig so tun wollen. Eindrucksvoller als mit dem "Network of Terrorism", dem "Informationsangebot" einer US-Behörde für die Menschen in aller Welt, wurde die Notwendigkeit einer freien, meinungsfreudigen Presse auch im WWW also selten belegt.