AOL Im Web kocht die Volksseele
Die Newsgroups des Usenet gehören zu den ältesten Anwendungen des Internet - und noch immer zu den lebendigsten. Hier wird frei, wild und wirr diskutiert. Eine allzu industriefreundliche Grundeinstellung hat den Usern des Usenet dabei noch niemand vorgeworfen: Mit Vorliebe wird in vielen Diskussionen auf die Größen des digitalen Geschäftes eingehackt. Unangefochtener Prügelknabe Nummer eins war in den letzten Jahren der Microsoft-Boss Bill Gates. Usenet-Beiträge wie der legendäre nummerische "Beweis", warum Bill Gates tatsächlich der Leibhaftige in Person sei , haben Internet-Geschichte(n) geschrieben.
Nun könnte Gates die Krone des Lieblings-Buhmanns der Usenet-Gemeinde an Steve Case verlieren. Der AOL-Chef - im Usenet gern "der ehemalige Pizza-Fahrer" genannt - lag in den letzten Jahren nie weit zurück: AOL gilt den "harten" Internet-Usern als schlechtester Onlinedienst der Welt . Dementsprechend sah das Echo auf die Fusionsnachrichten in den Newsgroups, die AOL "gewidmet" sind, auch aus:
"Shice Beoney" steuerte am Dienstag folgenden Beitrag zur "alt.aol-sucks"-Group bei: "Ich habe das Gefühl, dass sich just in diesem Moment William Gibson und Bruce Sterling vor Schmerzen krümmen, während sich George Orwell und Neal Stephenson vor Lachen in die Hosen machen und 'Wir haben's gesagt! Wir haben's Euch prophezeit!' schreien."
Das gibt einen guten Eindruck von der Grundstimmung. Diskutiert werden im Augenblick drei Thesen:
1. Die Fusion führe zu mehr Zensur und einer Einschränkung der Meinungsvielfalt. AOL wird in den Groups vorgeworfen, den "nachweislich" schlechtesten Kundenservice mit der miesesten Performance zu verbinden.
2. Die Fusion führe dazu, dass nun auch Time Warner qualitativ den Bach hinunter ginge. Schließlich, so meint User "Vernon Cole", sei "der Dollar das einzige Kriterium", dass AOL verstehe: Qualität sei ein Fremdwort, Kundenorientierung ebenso.
3. Die Fusion sei (die These hat zwei Varianten)
3a) Der Beginn der Weltherrschaft von Steve Case und Bill Gates
3b) Der Anfang vom Ende: jetzt folge nur noch der Weltuntergang.
Doch es geht auch nicht völlig unsachlich zu, manche "Usenet-Poster" wissen ihre Meinung durchaus zu begründen. So ermahnt "Ghengas" den "Idioten Ham Man" zur Aktivierung des Hirns, bevor er Fusionen zwischen Unternehmen mit weltweiter Bedeutung kommentiere: Schließlich sei es immer noch möglich, dass die Fusion verhindert werde - entweder, weil die Kartellbehörden Einspruch einlegten, oder weil die Behörden entdeckten, dass die Pressefreiheit in Gefahr sei.
Außerdem habe sich AOL ja auch zahlreicher Verbrechen schuldig gemacht. Dazu zählen seiner Meinung nach: "Lahme Verbindungen, eine beschissene Bildschirmoberfläche, die Ausnutzung technophober Ignoranten, die Verteilung von Werbemüll, Pädophile in Chaträumen, illegaler Verkauf von Kundendaten an Marketingfirmen und die Deformation einer vormals freien Browser-Software (Netscape) in eine Shitware, die bald nur noch funktionieren wird, wenn man sich über AOL einwählt."
Ah ja. Steve Case und AOL werden es überleben. Was soll ein armer Unternehmer von dieser Chaotenbande im Usenet auch anders erwarten? Da tut es doch richtiggehend gut, den Blick auf organisierte, geordnete, moderierte Nachrichtenforen im World Wide Web zu lenken, von denen man nun wirklich ein gehobeneres Gesprächsniveau erwarten darf. Ein schönes Beispiel ist der Forenbereich von CNN, wo das Thema Fusion natürlich ebenfalls ausgiebig diskutiert wird (die drei Hauptthesen wurden weiter oben bereits erläutert).
"Konrad" schrieb im Forum "Internet Society" schon am Montag folgenden einsichtsvollen Beitrag - und gab damit die Diskussionsrichtung vor: "Ein weiteres Beispiel für die fortwährende kommerzielle Kolonisation der Gehirne. Bald schon werden wir alle mit der Borg-Matrix verbunden sein. Ihr werdet alle assimiliert!"
CNN ist im Übrigen ein Unternehmen der Time-Warner-Gruppe.